Eine rätselhafte Patientin Schau ihr in die Augen

Eine 42-Jährige führt Selbstgespräche, irrt herum - und wird mit Psychopharmaka behandelt. Als sie ein starkes Zittern entwickelt, untersuchen Ärzte sie erneut.

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Für die Mediziner scheint die Diagnose klar, als eine Frau eine Klinik in Nepal aufsucht: Die Patientin ist verwahrlost, wandert ziellos umher, führt Selbstgespräche, isst zu wenig. Seit Jahren beschimpft sie ihre Verwandten und Nachbarn. Außerdem spricht sie immer wieder exzessiv über Sexuelles.

Das deutet auf eine sogenannte schizoaffektive Störung hin. Diese beinhaltet Phasen von Depression und erhöhtem Antrieb (Manie) wie bei einer bipolaren Störung sowie Wahnvorstellungen oder Halluzinationen einer Schizophrenie.

Die Mediziner verschreiben der Patientin zwei Medikamente: Valproinsäure und Olanzapin. Einige Symptome bessern sich - die Frau führt zum Beispiel weniger Selbstgespräche. Andere bleiben jedoch bestehen. Deshalb ändern die Ärzte die Arzneimittelgabe. Die Olanzapin-Dosis wird schrittweise gesenkt, und sie erhält nun zusätzlich Risperidon, ein Psychopharmakon, das unter anderem bei schizoaffektiven Störungen gegeben wird.

Sie beginnt zu zittern

Das scheint der Frau schlecht zu bekommen: Etwa zwei bis drei Monate später entwickelt die Patientin ein Zittern am gesamten Körper. Verärgert setzt sie das Risperidon ab und steigt statt dessen auf ein homöopathisches Mittel um. Ihr Zustand verschlechtert sich danach weiter.

Als die 42-Jährige sich Monate später in einer Klinik im nepalesischen Dharan vorstellt, plagt sie nicht nur das Zittern am ganzen Körper. Sie kann nicht einmal mehr stehen, Speichel fließt unkontrolliert aus ihrem Mund. Die Patientin wirkt verwahrlost und führt wieder Selbstgespräche, berichten die Ärzte im "Journal of Neurosciences in Rural Practice".

Erneut erkennen Psychiater also Anzeichen einer schizoaffektiven Störung. Doch jetzt wird die Frau im Krankenhaus auch genauer untersucht, um die Ursache für das Zittern und die weiteren körperlichen Probleme zu ergründen.

Das Zittern tritt in Armen und Beinen auf, unabhängig davon, ob die Frau die Extremitäten belastet oder nicht. Ihr Sprechen klingt undeutlich. Ein genauer Blick in die Augen der Frau bestätigt einen Verdacht, den die Ärzte jetzt hegen.

Ring am Rand der Iris

Ihre Iris ist von einem gelb-grünen Ring umgeben. Mediziner kennen das Phänomen als Kayser-Fleischer-Kornealring. Die Farbe beruht auf Kupfer, das in der Hornhaut eingelagert wurde. (Hier sehen Sie Aufnahmen einiger Kayser-Fleischer-Ringe.)

Dass der Kupfer-Stoffwechsel der Frau aus den Fugen geraten ist, zeigen zwei weitere Laborwerte: Ein Protein, das am Kupfertransport im Blut beteiligt ist, findet sich dort in viel zu geringer Konzentration. Die Kupfermenge im Urin ist erhöht.

Dies alles deutet auf den sogenannten Morbus Wilson hin, eine Erbkrankheit. Weitere Tests, darunter eine Erbgutanalyse oder eine Leberbiopsie, können die Diagnose untermauern. Die Ärzte in Nepal führen diese allerdings nicht durch. Die Krankheit kann sich schon im Kindesalter bemerkbar machen, Symptome können jedoch auch erst auftreten, wenn der Betroffene bereits erwachsen ist.

Bei Morbus Wilson ist ein Gen verändert, das entscheidend am Kupfer-Stoffwechsel beteiligt ist. Der Körper ist deshalb nicht in der Lage, überschüssiges Kupfer mithilfe von Leber und Gallenflüssigkeit auszuscheiden. Das Metall sammelt sich infolgedessen an verschiedenen Stellen im Körper an. Oft nimmt dadurch die Leber Schaden. Doch auch Nervenschäden können auftreten - das unkontrollierte Zittern der Patientin ist ein typisches Symptom.

Und Morbus Wilson kann weitere Auswirkungen haben: Es kann die Persönlichkeit verändern, eine Depression oder eine Psychose auslösen. Alle Probleme, unter denen die Frau seit Jahren leidet, lassen sich mit der Diagnose erklären.

Die Ärzte verordnen ihr nun ein Medikament, mit dem überschüssiges Kupfer aus dem Körper geschleust wird. Zudem erhält sie wieder Olanzapin. Vier Monate später geht es ihr sowohl psychisch als auch körperlich deutlich besser, berichten die Ärzte. Sie warnen deshalb davor, ein Zittern voreilig als Nebenwirkung von Psychopharmaka abzutun.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
sok1950 07.10.2018
1. vielleicht, aber nur vielleicht
sollten Mediziner ihre Patienten mal ansehen. Aber Irisdiagnostik oder seinen Patienten mal in die Augen zu schauen ist ja reiner Humbug und Unwissenschaftlich.
Rassek 07.10.2018
2. Wie immer
intessant zu lesen. Allerdings auch hier: Man hätte längst darauf kommen müssen. Die Elektrolyte und Eisen, Kupfer oder B12 sind kein Laborgeheimnis
schnittlauch_y 07.10.2018
3. @1 sok1950
Da haben Sie recht - die Irisdiagnostik ist unwissenschaftlicher Blödsinn. Was genau sie mit den Kayser-Fleischer-Kornealring zu tun hat, bleibt aber wohl Ihr Geheimnis.
CancunMM 07.10.2018
4.
darauf hätte man deutlich früher kommen müssen bei normaler Anamnese und körperlicher Untersuchung. Aber mit dem Humbug der Irisdiagnostik hat es nun mal nichts zu tun.
permissiveactionlink 07.10.2018
5. Wilson-Gen
Ein unabhängig vom Schicksal der Betroffenen molekulargenetisch hochinteressantes Gen (ATP7B, Chromosom 13) mit insgesamt 21 Exons, das eine Kupfer bindende, Kationen transportierende ATPase codiert, und autosomal rezessiv vererbt wird. "Nur" 25% des Nachwuchses von jeweils heterozygoten Eltern sind phänotypisch auffällig. Ist nur ein Elternteil heterozygot, dann sind 50% der Kinder heterozygot, aber alle phänotypisch gesund. Den Betroffenen mit homozygotem Wilson-Gen kann nur mit Komplex- bzw. Chelatbildnern geholfen werden, die das Cu-Kation löslich halten, so dass es über die Nieren ausgeschieden werden kann. Diese Substanzen sind zur Schwermetallausscheidung aus dem Körper seit dem 1.Weltkrieg (BAL: British Antilewesit, Lewesit ist ein Arsenhaltiger Kampfstoff) bekannt.
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