Ein rätselhafter Patient Geheimratsecken durch Körperkontakt

Geheimratsecken und Kahlschlag am Hinterkopf? Typisch Mann, könnte man meinen. Nicht jedoch im Fall einer 52-jährigen Frau, die scheinbar grundlos Haare verliert. Nach welchen Krankheiten die Mediziner fahnden - und warum eine einzige Frage sie zur Lösung des Rätsels führt.

Haarausfall? Oft sind die Hormone schuld
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Haarausfall? Oft sind die Hormone schuld


Es werden immer mehr Haare: Auf der Kleidung, in der Bürste - überall findet die 52-jährige Frau aus Lateinamerika ihr Kopfhaar. Seit einem Jahr geht das so, mittlerweile hat sie Geheimratsecken und eine kahle Stelle am Hinterkopf.

Als sie um Rat in einer Hautklinik bittet, untersuchen die Ärzte nicht nur ihre Haare und ihre Kopfhaut, sie suchen auch nach einer Grunderkrankung, die Haarausfall auslösen könnte. Dazu zählen etwa Anzeichen für Mangelernährung, Störungen der Schilddrüse, Vergiftungen oder eine Leberzirrhose. Doch die Frau erscheint topfit.

Allerdings verwundert die Ärzte das typisch männliche Muster des Haarausfalls, wie Carol Lattouf von der US-Universität von Miami im Fachblatt "Archives of Dermatology" berichtet. Andere Anzeichen dafür, dass sie möglicherweise zu viele männliche Geschlechtshormone produziert, finden die Mediziner jedoch nicht: Die übrige Körperbehaarung der Frau ist typisch weiblich, sie leidet weder unter Übergewicht, noch unter Akne.

Trotzdem suchen die Ärzte im Blut der Patientin nach Hinweisen auf Hormonveränderungen. So können etwa Tumore in den Eierstöcken, den Nebennieren oder im Gehirn dazu führen, dass bestimmte Hormone vermehrt ausgeschüttet werden und den Körper aus dem Gleichgewicht bringen.

Gut für den Mann, schlecht für die Frau

Bald werden die Ärzte fündig: Der Testosteronspiegel der Frau ist zu hoch. Per Ultraschall suchen die Mediziner nach einem Tumor in den Eierstöcken, doch die Organe sehen gesund aus. Erneut befragen sie ihre Patientin ausführlich - auch nach Erkrankungen ihres Ehemannes.

Damit sind die Ärzte dem Rätsel endlich auf der Spur: Der Mann verwendet seit über einem Jahr eine Testosteronsalbe, weil die Hormonproduktion in seinen Hoden gestört ist. Die Creme reibt er sich täglich auf den Oberarm und nimmt das Testosteron so über die Haut auf. Allerdings bleibt auch ein Teil des Wirkstoffs auf dem Arm oder den Händen zurück: Über Körperkontakt, Kleidung oder gemeinsam genutzte Bettwäsche und Handtücher hat auch die Frau das Hormon über die Haut aufgenommen - und in der Folge Haare verloren.

Häufig sind die Konsequenzen eines erhöhten Testosteronspiegels weitaus gravierender: Das Hormon kann bei Kindern eine vorzeitige Pubertät auslösen, die Klitoris vergrößert sich, und es kann zum Stimmbruch kommen. Bei Erwachsenen nehmen Körperbehaarung und Muskelmasse übermäßig zu, und Frauen können an Menstruationsstörungen leiden.

Die Maßnahmen im Fall der Patientin sind simpel: Zunächst muss der Ehemann das Gel an weniger exponierten Körperstellen auftragen und sich danach immer ausgiebig die Hände waschen. Die Patientin bekommt zudem ein Präparat mit dem Namen Minoxidil (s. Kasten), das sie zweimal täglich auf die Kopfhaut aufträgt.

Haarausfall: Formen und Therapie
Androgenetischer Haarausfall
Der androgenetische Haarausfall ist vererbbar und betrifft bis zu 50 Prozent aller Männer. Er führt über eine veränderte Wirkung von Testosteron typischerweise zu Haarverlust im Stirnbereich (Geheimratsecken) und am Hinterkopf, im fortgeschrittenen Stadium bleibt nur ein Haarkranz stehen. Bei Frauen, von denen 10 bis 20 Prozent betroffen sind, dünnen die Haare am Scheitel aus.

Die Wirkung vieler Therapieansätze ist nur unzureichend belegt. Beim androgenetischen Haarausfall des Mannes ist die Wirksamkeit von einem Milligramm Finasterid bewiesen, das die Synthese des aktiven Testosterons (Dihydrotestosteron, DHT) drosselt. Die Arznei ist verschreibungspflichtig. Ebenfalls erwiesen ist die Wirksamkeit des rezeptfreien Blutdruckmittels Minoxidil gegen androgenetischen Haarausfall bei Männern (Fünf-Prozent-Lösung) und bei Frauen (Zwei-Prozent-Lösung). Zudem können systemische Hormonpräparate beim Haarausfall der Frau helfen. Die Kosten der Arzneien werden nicht von den Krankenkassen erstattet, zudem sollte vor der Einnahme immer ein Arzt konsultiert werden.
Kreisrunder Haarausfall
Die Ursache der sogenannten Alopecia areata ist vermutlich eine Autoimmunerkrankung des Körpers gegen die eigenen Haarfollikel. An rundlich begrenzten Stellen des Schopfes fallen die Haare komplett aus. In jedem zweiten Fall wachsen sie allerdings auch ohne Therapie wieder nach. In sehr seltenen Fällen kann es zu einem bleibenden Verlust aller Körperhaare kommen (Alopecia universalis).

Zur Therapie der Alopecia areata setzen Hautärzte vorübergehend Kortison ein oder lösen mit dem - nicht als Medikament zugelassenen - Mittel DCP ein Kopfekzem aus. Die kausale Wirksamkeit dieses Heilversuchs ist wissenschaftlich nicht bewiesen.
Diffuser Haarausfall
Vom diffusen Haarausfall sind vor allem Frauen betroffen, bei denen die Dichte der Haare am gesamten Kopf abnimmt. Ursachen können hormonelle Veränderungen, Stress, Vergiftungen, Eisenmangel oder Infektionen sein. Die Therapie richtet sich nach der Ursache.
Rezeptfrei
Rezeptfrei sind zahlreiche Haarwasser, Cremes und Nahrungsergänzungsmittel mit Wirkstoffen wie Cystin, Vitamin B oder Alfatradiol erhältlich. Ein wissenschaftlicher Nachweis der Wirksamkeit fehlt.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
old_spice 12.06.2012
1. kein Haar in der Suppe
Wenn ich sehe, welchen Aufwand manche treiben, um ihre Körperbehaarung zu entfernen sollte eine Glatze doch willkommen sein. Schließlich ist dies doch ein Merkmal, welches uns von unseren tierischen Verwandten unterscheidet.
talackova 12.06.2012
2. Haarausfall nimmt zu
Das Problem von Haarausfall betrifft immer mehr Frauen. Neben Minoxidol als Mittel zur Förderung des Wachstums empfiehlt sich häufig Finasterid zur Reduzierung der Wirkung der Abbauprodukte von Testosteron. Frauen mit Haarausfall sollten rechtzeitig den Hautarzt aufsuchen.
albert schulz 12.06.2012
3. Heureka
Daß Männer, die einen unsittlichen Lebenswandel bevorzugen, zuweilen eine recht zaghafte Kopfbeharrung haben, dürfte seit Urzeiten bekannt sein. Dabei können sie etwa unter den Armen oder auf der Brust riesige Haargeflechte vorweisen. Das heißt aber nicht zwingend und unbedingt, daß Männer mit dichtem und vollem Haupthaar und Bart besonders wohlerzogen und züchtig sind. Den Zusammenhang zwischen den bösen Hormonen und dem Bartbewuchs kann allerdings jeder Mann beim Rasieren feststellen. Entweder wächst der Bart oder was anderes war gewachsen worden. Die tollen Spezialisten hätten übrigens mal unter dem Stichwort Dihydrotestosteron ihre schlauen Bücher befragen können. Die Zusammenhänge sind sogar in der Medizin bekannt, erstaunlicherweise. Obwohl ich den Verdacht nicht loswerde, daß manche Ärzte bei SPON ihre Wissenschaft studiert haben.
talackova 12.06.2012
4. Hormonfabrik Haarwurzel
Zitat von albert schulzDaß Männer, die einen unsittlichen Lebenswandel bevorzugen, zuweilen eine recht zaghafte Kopfbeharrung haben, dürfte seit Urzeiten bekannt sein. Dabei können sie etwa unter den Armen oder auf der Brust riesige Haargeflechte vorweisen. Das heißt aber nicht zwingend und unbedingt, daß Männer mit dichtem und vollem Haupthaar und Bart besonders wohlerzogen und züchtig sind. Den Zusammenhang zwischen den bösen Hormonen und dem Bartbewuchs kann allerdings jeder Mann beim Rasieren feststellen. Entweder wächst der Bart oder was anderes war gewachsen worden. Die tollen Spezialisten hätten übrigens mal unter dem Stichwort Dihydrotestosteron ihre schlauen Bücher befragen können. Die Zusammenhänge sind sogar in der Medizin bekannt, erstaunlicherweise. Obwohl ich den Verdacht nicht loswerde, daß manche Ärzte bei SPON ihre Wissenschaft studiert haben.
Es deutet sich immer mehr an, dass auch überhöhte Östrogenlevel schädlich wirken, weil die Haarwurzel als kleine "Chemiefabrik" nach neuester Forschung Östrogen in Testosteron umbauen kann. Aber die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht, zumindest habe ich nichts gefunden.
albert schulz 12.06.2012
5. ziemlich viel Klärungsbedarf
Zitat von talackovaEs deutet sich immer mehr an, dass auch überhöhte Östrogenlevel schädlich wirken, weil die Haarwurzel als kleine "Chemiefabrik" nach neuester Forschung Östrogen in Testosteron umbauen kann. Aber die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht, zumindest habe ich nichts gefunden.
Ziemlich umfangreiches Thema, an dem sich vermutlich gut verdienen läßt. Ich gucke nur zu. Und sehe, daß Frauenhaar ziemlich schütter wird nach der Menopause. Über das grau und weiß werden des Haares habe ich noch nichts gefunden. Vermutlich hat es aber auch ein wenig mit Hormonen zu tun. Tatsächlich wäre es erstaunlich, wenn außerhalb des Kernhirns irgendwelche Hormone erzeugt würden, oder der Befehl dazu nicht von diesem Kernhirn kommen würde.
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