Ich glaube an die Kraft der evidenzbasierten Medizin, aber auch ich habe meine schwachen Momente. Regaine ist eines dieser Haarwuchs-Wässerchen, die blühende Landschaften auf dem Kopf des reiferen Mannes versprechen. Zwar ließ der Wirkstoff Minoxidil in wissenschaftlichen Studien verlorene Haare nur mau wieder sprießen. Die Hoffnung auf mehr Haare ist trotzdem geblieben, und damit macht die Industrie kräftig Kasse: Eine Packung mit drei Fläschchen geht für stolze 60 Euro über die Ladentheke. Kleinere Größen gibt es nicht. Warum auch, abzocken lässt man sich für gewöhnlich nur einmal. Und das soll sich doch lohnen.
Um 60 Euro ärmer stand ich also vor dem Badezimmerspiegel, in einer sehr unnatürlichen Position - in der einen Hand das Spray, in der anderen ein zweiter Spiegel, um die kahle Stelle genau zu lokalisieren. In meinem Kopf ratterte die Kasse: Jeder Sprüher kostet bestimmt so viel wie ein Weizenbier. Jetzt nur ja nicht daneben schießen. Ein nicht zu unterschätzender Koordinationsaufwand für das Gehirn, bei all den Spiegelungen. Und plötzlich fragte ich mich, ob das die ewigen Silberhaarschöpfe Jopi Heesters und Helmut Schmidt wohl auch so gemacht hatten. Das erste Fläschchen war noch nicht mal halb leer, da war ich schon überzeugt, mit Regaine nur meine Zeit zu verschwenden. Ich fühlte mich genauso betrogen wie die Ex-DDR: Keine blühenden Landschaften, nirgends. Noch nicht mal ein Placebo-Effekt. Was nun? 40 Euro einfach in den Ausguss schütten? Niemals. Sollte doch ein anderer kahler Tropf sein Glück damit versuchen.
Ich stellte die Fläschchen für 40 Euro zum Verkauf ins Internet - mit dem Hinweis, dass es sich um eine angebrochene Packung handelte. Es dauerte keine 20 Minuten, dann waren sie verkauft. Aber der Käufer hatte nicht genau hingeguckt. Nach ein paar Tagen kam eine wütende E-Mail, dass das eine Fläschchen nicht voll sei, die Packung angebrochen und ich ihm bitte sofort das Geld zurückzahlen solle. Falls nicht, wolle er mich darauf hinweisen, dass er die Woche darauf in Hamburg sei und sich nicht scheuen werde, seiner Forderung auch "persönlich Nachdruck zu verleihen".
Manchmal kann man sich gegen die Bestätigung von Klischees einfach nicht wehren. Dabei ist es nicht so, dass der kahle Mann testosteronschwerer als seine kopfbehaarten Artgenossen ist. Vielleicht macht diese Männer auch erst der Frust über den Haarverlust aggressiv. Das letzte Mal waren mir in der 12. Klasse Schläge angedroht worden, damals hatten wir andere Probleme als vermeintlichen Haarwuchsmittelbetrugs. Genüsslich stellte ich mir vor, wie all diese aggressiven Typen von einst heute mit Glatzen abgestraft sind. Ich schrieb dem Aggressor, dass er vergessen hatte, das Kleingedruckte zu lesen. Eine Antwort kam nicht mehr. Sieben Tage lang ging ich mit einem mulmigen Gefühl vor die Haustür.
Die natürlichen Schwingungen der Haarwurzeln aktivieren
Die Anti-Haarausfall-Industrie hat sich ihre Zielgruppe genau ausgesucht: Wäre Haarausfall ein Frauenproblem, ich bin überzeugt, es gäbe ein riesiges Arsenal an esoterisch angehauchten Mittelchen und Therapien. Bachblüten-Mistel-Salbe für die Kopfhaut ab 40. Testen Sie die natürliche Kraft der Patchouli, und aktivieren Sie so die inneren Selbstheilungskräfte der Kopfhaut. Probieren Sie rein pflanzliche Hyaluron-Kieselsäure-Gel-Tabs - sie verstärken die natürlichen Schwingungen der Haarwurzeln. Jetzt mit der neuen PQ-Formel.
Auf Werbeanzeigen, die lächelnde Männer mit vollen Haarschöpfen über saftiges, grünes und - Achtung Metapher - volles Gras hüpfen lassen, warten wir indes vergeblich. Denn bei uns Männern dringen solche Bilder voller Natürlichkeit nicht mal haarwurzeltief in unseren Pragmatismus vor. Schon gar nicht bei den testosterongesättigten Kollegen. Hier muss was Hartes drin sein: Koffein zum Beispiel. Ein Wunder, dass noch keiner auf die Idee gekommen ist, Red-Bull-Shampoo zu erfinden - mit extra viel Taurin. Ist es zu hart, bist du zu schwach. Wir glauben an Ursache und Wirkung und an Technik. Haarwässerchen sind der erste Schritt. Dann kommt lange nichts.
Und dann kommt der Arzt mit dem Messer. Haartransplantationen. Das Problem dabei ist, abgesehen von den normalen OP-Risiken: Es werden Haare von hinten nach vorne umgesiedelt. Aber Haare sind nicht gleich Haare. Aus wissenschaftlich noch unerfindlichen Gründen sind die Nackenhaare niemals versiegende Quellen. Nun stelle man sich die Umsiedelung von mehreren dieser Wunderhaarwurzeln aus dem fruchtbaren Nackenland in die Ödnis des Vorderkopfs vor. Aufgrund ihres genetischen Programms werden sie ihre eigene Enklave bilden - selbst wenn um sie herum alles verdörrt. Dann hat der operierte Mann im schlechtesten Fall nach wenigen Jahren ein wunderschönes Stoppel- oder Streifenmuster auf dem Kopf. Auch der Herr Geheimrat wird sich wundern, wenn ihm eines Tages aus dem Spiegel Teufelshörnchen aus Nackenhaaren entgegen winken. Punk is not dead.
Lesen Sie hier mehr über Fakten und Therapiemöglichkeiten von Haarausfall.
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