Händedesinfektion Wie Ignaz Semmelweis zum "Retter der Frauen" wurde

Der Arzt Ignaz Semmelweis erkannte vor 200 Jahren, dass Desinfektion Leben retten kann. Das Thema ist heute so brisant wie damals: Noch immer klaffen in Kliniken Lücken bei der Hygiene.

Der ungarische Gynäkologe Ignaz Semmelweis
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Der ungarische Gynäkologe Ignaz Semmelweis


Für den Tod vieler Mütter im Kindbett gab es nach Auffassung der Menschen im 19. Jahrhundert unterschiedliche Ursachen: die schlechte Luft der Großstadt etwa oder der Milchstau in der Brust. Der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis allerdings war davon überzeugt, dass Mediziner dafür verantwortlich waren.

Seine Beobachtung: Auf Geburtshilfe-Stationen, in denen die Patientinnen von geistlichen Schwestern oder Hebammen betreut wurden, war die Sterblichkeit weitaus geringer als auf Stationen, in denen Ärzte Kontakt zu den Gebärenden hatten. Die Mediziner hatten vorher oft Leichen seziert und kamen "mit an der Hand klebenden Cadavertheilen", so Semmelweis, zu den Frauen. Das einfache Händewaschen mit Seife, wenn es denn überhaupt gemacht wurde, nützte wenig.

Spott und Hohn für Semmelweis

Am Allgemeinen Krankenhaus in Wien führte der vor 200 Jahren am 1. Juli 1818 geborene Arzt 1847 mit großem Erfolg die Desinfektion der Hände ein. Seine Kollegen hatten indes oft nur Spott, Hohn und Verachtung für ihn übrig. "Je stärker seine Beweise waren, desto energischer wurde der Widerstand gegen ihn", sagt der Gründer des Semmelweis-Vereins, Bernhard Küenburg.

Dass Keime Infektionen auslösen, war damals noch längst nicht gängige Lehrmeinung. Und die Vorstellung, dass Ärzte mit ihren eigentlich helfenden Händen den Tod brachten, sei vielen schon aus Gründen des Standesdünkels absurd erschienen, so Küenburg.

Semmelweis versuchte mit Nachdruck, die Praxis der Hände-Desinfektion zu etablieren. "Er hat Ärzte und Schwestern praktisch gezwungen", meint Didier Pittet von der Universitätsklinik Genf. Es war eine unangenehme Prozedur: Mindestens fünf Minuten sollten Ärzte und Schwestern ihre Hände in die aggressive Chlorkalk-Lösung halten und so für keimfreie Haut sorgen. "Es war ein sehr gutes Mittel, aber sehr schlecht für die Hände", so Pittet. Er leitet eines der wichtigsten Hygieneprogramme der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und setzt sich unter dem Motto "Save Lives: Clean Your Hands" ("Rette Leben: Wasch' deine Hände") seit Jahrzehnten für Händedesinfektion ein. Laut WHO werden dank der Kampagne jährlich fünf bis acht Millionen Menschenleben gerettet.

Dennoch ist das wiederholte Desinfizieren der Hände in Krankenhäusern keine Selbstverständlichkeit. Selbst in Europa würden nur in 50 Prozent der von der WHO definierten Anlässe die Hände mit einer Alkohollösung keimfrei gemacht, erklärt die Hygiene-Expertin des Allgemeinen Krankenhauses Wien, Elisabeth Presterl. Das macht den Keimen das Leben unnötig leicht.

Zu wenig Zeit zum Händewaschen

Etwa 10.000 bis 15.000 Todesfälle in Deutschland gehen nach Schätzungen jährlich auf Infektionen zurück, die sich Patienten erst in der Klinik holen. "Rund ein Drittel dieser Infektionen ist durch mehr Hygiene vermeidbar", sagt Petra Gastmeier, Leiterin des Nationalen Referenzzentrums (NRZ) für Surveillance von nosokomialen Infektionen.

Ein besonders hohes Infektionsrisiko haben Patienten mit schwachem Immunsystem und solche, denen ein Katheter gelegt wurde. Um das Risiko von Infektionen zu senken, sollten laut Gastmeier auch Besucher von Krankenhäusern ihre Hände desinfizieren, am besten beim Betreten des Krankenhauses und bei Eintritt ins Patientenzimmer.

Dass Ärzte und Pflegepersonal die Handhygiene teils vernachlässigen, ist laut Gerd Fätkenheuer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI), vor allem auf Zeitknappheit zurückzuführen. "Die Einwirkzeit von alkoholhaltigen Desinfektionsmitteln beträgt in der Regel 30 Sekunden. Eine Pflegekraft hat in ihrer Schicht locker 100 Patientenkontakte", so der Infektiologe. Das bedeute mindestens 50 Minuten Desinfektionszeit. "Bei Personalknappheit und der Eile auf vielen Stationen ist das kaum machbar", sagt Fätkenheuer.

Semmelweis' Botschaft für mehr Hygiene wird in Deutschland seit 2008 durch die Kampagne "Aktion Saubere Hände" verstärkt verbreitet. Zehn Jahre nach Projektbeginn meldeten die teilnehmenden Krankenhäuser ein deutliches Plus bei der Nutzung von Handdesinfektionsmitteln. "Von 2008 bis 2018 wurde der Verbrauch um 50 Prozent gesteigert", so Gastmeier. Die Bundesrepublik ist laut Pittet inzwischen eines der Vorzeigeländer. "Am besten werden die Vorschriften in Australien umgesetzt, dann folgt aber bald Deutschland".

"Die Handdesinfektion muss wie das Anlegen des Sicherheitsgurts im Auto in Fleisch und Blut übergehen", sagt Gastmeier. Insbesondere ältere Ärzte seien oft schlechte Vorbilder für die Assistenzärzte, weil die Handhygiene kein Teil ihrer Ausbildung gewesen sei.

Semmelweis, der "Retter der Mütter"

Nach den Erfahrungen von Pittet ist das Pflegepersonal deutlich eifriger als die Ärzte. Küenburg ermuntert alle Patienten, selbstbewusst dem medizinischen Personal gegenüberzutreten: "Herr Professor, haben sie sich schon die Hände desinfiziert?", müsse eine ganz normale Frage sein.

Das wäre im Sinne von Semmelweis, dem lange nach seinem Tod doch noch als "Retter der Mütter" verehrten Mediziner. Dessen Vertrag in Wien wurde 1849 nicht mehr verlängert. Er ging nach Budapest und sorgte in zwei Kliniken auch dort für einen Rückgang der Sterblichkeit unter Wöchnerinnen. Schließlich wurde er - inzwischen wohl geisteskrank - in Wien in eine Irrenanstalt gesperrt, wo er schließlich starb.

Die Umstände seines Todes sind nicht ganz geklärt. Womöglich wurde er bei einem gescheiterten Fluchtversuch so schwer von den Wärtern geschlagen, dass er 1865 an den Verletzungen starb. "Heute würde er mit Sicherheit zu den Favoriten für den Nobelpreis zählen", ist sich Markus Müller sicher, Rektor der Medizinischen Universität Wien.

hei/dpa



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frenchie3 25.06.2018
1. Als ich mal mit offenen Wunden
nach einem Unfall im Krankenhaus lag hat mich der Arzt danach auf Station ohne Handschuhe und Desinfektion behandelt. Die logische Antwort auf die Frage was das soll "ist doch eh entzündet". Die Sache mußte mit dem Professor bei der "großen" Visite geklärt werden - aber danach gab es Schikanen bis zum Abschluß
Koda 25.06.2018
2. Mehr zu seiner "Geisteskreankheit"
Ich gebe zu.. es ist auch wiki, aber: "Ignaz Semmelweis wurde im Juli 1865 ohne Diagnose von drei Ärztekollegen in die staatliche Landesirrenanstalt Döbling bei Wien eingeliefert. Einigen Quellen zufolge soll Semmelweis’ Einlieferung in die Irrenanstalt auf eine Intrige zurückzuführen sein. Semmelweis hatte wiederholt versucht, seine Kollegen von der Richtigkeit seiner Erkenntnisse schriftlich zu überzeugen, dennoch war ihm fast nur Ablehnung entgegengeschlagen, wie auch schon um 1850 von seinem ehemaligen Vorgesetzten am Allgemeinen Krankenhaus Wien, Johann Klein (1788–1856), in dessen pathologischem Institut Semmelweis später obduziert wurde" Der Biograf Fritz Schürer von Waldheim schrieb 1905: „Es erscheint heutzutage fast unbegreiflich, daß diese Erfolge von Semmelweis die Chirurgen nicht veranlaßten, seine Methode nachzuahmen. Selbst in seinem engeren Freundeskreise fand Semmelweis keine Beachtung! (...) Daß die allgemeine Antisepsis nicht von Österreich-Ungarn ihren Ausgang genommen hat, das danken wir seinen Feinden."
DianaSimon 25.06.2018
3. Sondermarke
Mir ist der Name schon seit meiner Kinderzeit durch eine Sondermarke bekannt. Meine Eltern haben mir dann von Dr. Semmelweis erzählt, und mich hat das sehr beeindruckt. Überhaupt hab ich als Kind viel von den Sondermarken gelernt und mir fällt auf, daß die zur Zeit als kleine, bunte Bildungsträger ausfallen.
imri.rapaport 25.06.2018
4. Semmelweiss und die Mikroben
Die Allüren von Ärzten war nicht nur damals schon unbegrenzt, sie hat sich leider noch bis in unsere Zeit gehalten. Was im Endeeffekt ja auch zu so vielen Kunstfehlern führte und noch heute führt. Ebenso trifft das für die Problematik die in Krankenhäusern bezüglich der Hygiene kaum noch zu bewältigen ist, zu.
Der Sheldon 25.06.2018
5. Ich entsinne mich,
als ich vor einigen Jahren am Auge operiert wurde (Netzhautablösung) ich am nächten Tagmit dem nicht verbundenen Auge sehen musste, wie eine Putzkraft älteren Semesters und des Deutschen nicht mächtig mit einem Eimer mit Wasser (?) und einem Lappen ins Zimmer kam, erst im Klo wischte und dann die netten Kliniknachtschränkchen mit demselben Lappen „reinigte“. Als ich das bei der danach stattfindenden Visite dem Chefarzt mitteilte (der noch recht neu war), wurde das umgehend geändert. Er hat sich später bei mir bedankt. Reinigungsarbeiten in Kliniken müssten von Personen durchgeführt werden, die Grundkenntnisse in Mikrobiologie haben, alles andere ist versuchter Totschlag!
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