Notfallmedizin in Haiti "Es kommt vor, dass ein simpler Asthmaanfall tödlich endet"

Fast eineinhalb Jahre nach Hurrikan "Matthew" ist vieles in Haiti wieder aufgebaut. Doch insbesondere das Gesundheitssystem ist auf den nächsten Ernstfall schlecht vorbereitet. Wie sich das ändern kann, zeigen Initiativen vor Ort.

Patienten im Krankenhaus Eliazar Germain in Pétionville in Haiti
The Washington Post/ Getty Images

Patienten im Krankenhaus Eliazar Germain in Pétionville in Haiti

Aus Haiti berichtet Alexis Ward


"Es war eine höllische Nacht", erinnert sich Marc Antoine Nesi. "Der Wind hat die Dächer fortgerissen, viele Menschen wurden verletzt." Nesi, Mitte 30, städtischer Beamter aus Saint-Louis-du-Sud, einer kleinen Küstenstadt im Südwesten von Haiti, hat Hurrikan "Matthew" im Oktober 2016 miterlebt.

Video: Marc Antoine Nesi erinnert sich an Hurrikan "Matthew"

Alexis Ward

"Viele Häuser waren nach dem Sturm völlig zerstört, die Landstraßen durch umgestürzte Baumstämme versperrt, unser Wasser verseucht", sagt Nesi. "Die Cholera breitete sich aus."

Rund zwei Millionen Menschen waren direkt von Hurrikan "Matthew" und seinen Folgen betroffen. Die Ernte fiel fast komplett aus. Eine Hungersnot konnte nur verhindert werden, weil Hilfsorganisationen monatelange Nahrungsmittel nach Haiti lieferten.

Haiti war schon zuvor ein armes Land. Erst 2010 hatte ein schweres Erdbeben den Karibikstaat getroffen. Auch damals brach die Cholera aus, Uno-Blauhelmtruppen hatten sie ins Land eingeschleppt. Hunderttausende erkrankten.

Durch Hurrikan "Matthew" beschädigtes Krankenhaus in Jeremie
UNFPA/eddie Wright

Durch Hurrikan "Matthew" beschädigtes Krankenhaus in Jeremie

Wie sieht es in Haiti heute aus? Fast eineinhalb Jahre nach Hurrikan "Matthew" haben die Menschen ihre Häuser, ihre Dörfer zumindest zum Teil wieder aufgebaut, auch mit internationaler Hilfe.

Aber sind sie gewappnet, falls wieder eine Naturkatastrophe kommt?

"Die Leute haben aus dem Fluss getrunken"

Nach dem Sturm war das Trinkwasser verseucht, wodurch sich die Cholera verbreiten konnte: "Die Leute haben aus dem Fluss getrunken, viele erkrankten, manche starben", sagt Birame Sarr, Länderdirektor des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) in Haiti. "Wir mussten das stoppen."

Der ASB baute mehrere Wasserfilteranlagen. Die Organisation betrachtet ihre Hilfsmaßnahmen aber nur als Zwischenlösung. "Viele Familien haben beim Hurrikan nicht nur ihr Zuhause, sondern auch Gärten und Felder verloren und müssen ganz von vorne beginnen", erklärt Alexander Mauz, Projektkoordinator der ASB-Auslandshilfe. "Wir helfen ihnen, bis sie sich wieder selbst versorgen können."

Eine vom ASB gebaute Wasserfilteranlage in Saint-Louis-du-Sud
Alexis Ward

Eine vom ASB gebaute Wasserfilteranlage in Saint-Louis-du-Sud

"Es mangelt oft an den einfachsten Dingen"

Eines der drängendsten Probleme in Haiti ist die medizinische Versorgung. Denn "Matthew" hat im Südwesten des Landes die ohnehin schon dürftig ausgestatteten Krankenstationen weitgehend zerstört.

Haiti hat mit seinen elf Millionen Einwohnern lediglich rund 60 staatliche, karitative und private Krankenhäuser. Sie befinden sich fast nur in den größeren Städten - allein in der Hauptstadt Port-au-Prince gibt es 15. Für rund 40 Prozent der Einwohner Haitis, die auf dem Land leben, gibt es keine schnell erreichbare Notaufnahme. Selbst der normale Alltag stellt Notärzte in Haiti vor große Herausforderungen.

Nach dem Hurrikan gab es für die Tausenden Verletzten kaum Notärzte. Kleinstädte wie Saint-Louis-du-Sud hatten weder Sanitätsdienst noch Rettungswagen zur Verfügung.

Der Internist Djamson Mereste arbeitet im staatlichen Universitätskrankenhaus in Port-au-Prince, dem größten der Stadt. Doch selbst dort mangele es oft an den einfachsten Dingen, erzählt er. "Stell dir vor, es kommt ein verletzter, blutender Patient in die Notaufnahme und der Arzt sagt: 'Tut mir leid, Sie müssen erst in der Apotheke einen Verband, Medikamente und Gummihandschuhe kaufen.'"

Der Arzt Djamson Mereste im Universitätskrankenhaus in Port-au-Prince
Alexis Ward

Der Arzt Djamson Mereste im Universitätskrankenhaus in Port-au-Prince

"Es kommt vor, dass ein simpler Asthmaanfall tödlich endet, nur weil sich ein Patient kein Spray kaufen kann", erzählt Mereste. Blutkonserven, Pflaster, Sauerstoff - alles muss der Patient bar bezahlen. Die Arbeitsleistung der Ärzte ist in manchen staatlichen Krankenhäusern zwar kostenlos. Dennoch müssen sich die Betroffenen oft hoch verschulden, Bauern müssen ihre Rinder und Ziegen verkaufen, um eine medizinische Behandlung zu finanzieren. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt von weniger als zwei US-Dollar pro Tag.

Vom Rest des Landes abgeschnitten

Angello Duvelson leitet die staatliche Gesundheitsbehörde im Départment Grand'Anse, wo "Matthew" besonders stark gewütet hat. In der Hauptstadt Jérémie riss der Sturm nahezu jedes Haus um und fast jeden Baum. Der Strom fiel aus, die einzige Fernstraße war unbefahrbar, mehrere Tage war die Stadt völlig abgeschnitten. "Durch den Hurrikan haben wir gelernt, dass wir unsere medizinischen Einrichtungen auf allen Ebenen ausbauen und verbessern müssen", sagt Duvelson.

Auch Privatinitiativen leisten ihren Beitrag: Seit 2017 gibt es den freiwilligen Sanitätsdienst Secouriste Pour La Vie (SPV). Ärzte, Pfleger und Medizinstudenten bieten ihre Hilfe bei Notfällen, Naturkatastrophen oder Großveranstaltungen an. Hurrikan "Matthew" war mit ein Grund für die Entstehung der Gruppe.

Video: Freiwillige Sanitäter helfen beim Karneval in Port-au-Prince

Alexis Ward

In der Karnevalszeit in Port-au-Prince etwa mischt sich der SPV unter die Feiernden. "Wir haben unsere 32 Mitarbeiter in vier Gruppen aufgeteilt und stehen an strategischen Stellen der Innenstadt", sagt der Arzt Jean Doloreste Lajoie, Mittzwanziger und Mitbegründer der Organisation. "Wir leisten in Notfällen Erste Hilfe und koordinieren uns mit den Rettungsmannschaften vom staatlichen Zivilschutz." Gerade beim Karneval komme es häufig zu Unfällen oder Schlägereien. "Wir haben zwar noch keine Rettungswagen, aber unsere Mitglieder stehen bereit, wenn jemand Hilfe braucht", so Lajoie.

Notfallmedizin ohne Standards

Dass Ärzte und Pfleger in Haiti bei Notfällen bestmöglich helfen können, ist auch der US-amerikanischen Internistin Galit Sacajiu ein großes Anliegen. Sie rief ein Ausbildungs-Projekt ins Leben, Haiti Medical Education Project (HME), nachdem sie 2010, nach dem schweren Erdbeben, vor Ort geholfen hatte.

Die Gruppe entwickelt Lehrpläne, bietet Seminare per Fernunterricht an und leitet Trainingskurse vor Ort in Haiti. "Unser Fokus liegt bei der Ausbildung von Ärzten und Pflegern", sagt Sacajiu. "Es gibt in Haiti keine klar definierten Standards für Notfallmedizin."

Video: Ärztin Galit Sacajiu bietet Seminare für Mediziner in Haiti an.

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Im Universitätskrankenhaus Justinien in Cap Haïtien, einer historischen Hafenstadt mit mehr als 250.000 Einwohnern, sitzen etwa 20 Teilnehmer eines Kurses. Sauerstoffmasken, Beatmungsbeutel und allerlei Gerät aus der Notaufnahme sind auf den Tischen ausgebreitet. Ein paar lebensgroße Reanimationspuppen dienen zum Üben der Herzmassage.

Die Ärzte und Pfleger lernen, wie moderne Notfallmedizin abläuft. Und wie sie Patienten gut versorgen können, selbst wenn die medizinische Ausstattung schlecht ist. Ursprünglich wurden die Kurse seit 1996 für Ärzte im US-Bundesstaat Minnesota entwickelt, wo Notärzte auf dem Land oft ebenfalls mit bescheidenen technischen Mitteln auskommen mussten.

"Das Lehrprogramm ist sehr realistisch", sagt Sterman Toussaint, Gastdozent des Kurses. "Ärzte und Pflegekräfte bilden ein Team und werden deshalb gemeinsam geschult. Das ist man hierzulande nicht gewohnt." Neben Französisch und Englisch wird hier auch auf Kreolisch gelehrt: "Die Kursteilnehmer kapieren alles schneller, wenn ich Kreolisch spreche", sagt Jerry Dely, Chirurg aus Cap Haïtien. "Sie sind entspannter, obwohl der Lehrstoff komplex ist."

Krankenpflegerinnen in der Notaufnahme des staatlichen Justinien-Krankenhaus in Cap-Haïtien, Haiti.
Alexis Ward

Krankenpflegerinnen in der Notaufnahme des staatlichen Justinien-Krankenhaus in Cap-Haïtien, Haiti.

Fünfzig Ärzte und Krankenpfleger haben bereits einen HME-Kurs in Haiti erfolgreich abgeschlossen. Die Krankenschwester Woudline Begun ist am Ende des ersten Tages erschöpft, aber begeistert. "Dieser Kurs wird mir helfen", meint sie, "weil hier Theorie und Praxis eng verzahnt werden. Das wird die Qualität der Pflege bei uns in der Notaufnahme verbessern."

Flüchtlinge aus Haiti in den USA
Aufenthaltserlaubnis bis 2019
In den USA wurde ein Programm über den vorübergehenden Schutzstatus (Temporary Protected Status - kurz TPS) für Flüchtlinge aus Haiti am 20. November 2017 beendet. Fast 60.000 Haitianer, die seit dem verheerenden Erdbeben 2010 mit offizieller Genehmigung in den USA leben und arbeiten dürfen, werden nach einer Übergangsfrist bis Juli 2019 ihre Aufenthaltserlaubnis verlieren. Sie müssen dann nach Haiti zurückziehen.

Die jungen Ärzte und Pflegekräfte des HME hoffen, ihren Landsleuten schon bald eine medizinische Versorgung auf internationalem Niveau anbieten zu können - besonders in der Notfallmedizin. Dazu bedarf es aber einer standardisierten, pflichtmäßigen Weiterbildung. Ob die finanzielle und politische Unterstützung, die dieses Vorhaben braucht, von der Regierung kommen wird, ist indes ungewiss.

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