Ständig Halsschmerzen Wann müssen die Mandeln raus?

Jedes Schlucken eine Tortur: Wenn Halsentzündungen immer wieder auftreten, kann es sinnvoll sein, sich die Mandeln entfernen zu lassen. Aber der Eingriff birgt Risiken.

imago/ UIG


Die Mandeln sollen den Körper vor Krankheiten schützen: Als Teil des Immunsystems erkennen sie Erreger und bekämpfen diese. Doch Gaumen- und Rachenmandeln haben nicht immer Erfolg, sie können sich entzünden und eine Reihe von Beschwerden verursachen: starke Halsschmerzen, Schluckbeschwerden, Mittelohr- und Nebenhöhlenentzündungen oder Probleme, durch die Nase zu atmen.

Wenn Antibiotika nicht mehr helfen und die Entzündungen regelmäßig auftreten, kann es sinnvoll sein, die Mandeln herauszunehmen. "Bei Erwachsenen wird eine Entfernung der Mandeln dann in Erwägung gezogen, wenn der Patient innerhalb eines Jahres mehr als drei Mal eine Mandelentzündung hatte", sagt Christoph Reichel, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bei Kindern wird in aller Regel erst bei mehr als sieben Mandelentzündungen pro Jahr und ab dem sechsten Lebensjahr operiert.

Mandeln sind eine Ansammlung von lymphatischem Gewebe. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr.
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Mandeln sind eine Ansammlung von lymphatischem Gewebe. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr.

Sind die Mandeln erstmal raus, machen sie keine Probleme mehr. Das klingt zwar verlockend, aber die Operation bringt Risiken. So kann es nach dem Eingriff etwa zu starken Blutungen kommen. "In seltenen Fällen kann der Blutverlust sogar zum Tod des Patienten führen", sagt Reichel. Abgesehen davon klagen viele Patienten nach der OP über starke Schmerzen beim Schlucken. Manche essen und trinken dann kaum noch etwas, trocknen aus und bekommen Kreislaufprobleme.

Mögliche Langzeitfolgen

Möglicherweise hat der Eingriff noch weitere Nachteile. Wie Forscher jüngst im Fachblatt "JAMA Otolaryngology-Head & Neck Surgery" berichteten, könnte das Langzeitrisiko für Krankheiten der Atemwege steigen, wenn die Gaumen- und Rachenmandeln im frühen Kindesalter entfernt werden. Denn eigentlich sind die Mandeln dafür da, Krankheitserreger frühzeitig zu erkennen und abzuwehren. Die Forscher empfehlen daher, die Risiken einer Entfernung noch genauer abzuwägen.

Für die Studie hatte ein internationales Forscherteam die Daten von 1,2 Millionen Dänen ausgewertet, die zwischen 1979 und 1999 geboren worden waren. Kinder, deren Gaumenmandeln bis zum 9. Geburtstag entfernt worden waren, hatten demnach ein etwa dreifach erhöhtes Risiko, bis zum 30. Lebensjahr an Asthma, Influenza, Lungenentzündung oder der Lungenkrankheit COPD zu erkranken. Kinder mit einer Rachenmandel-OP hatten - verglichen mit Kindern ohne diesen Eingriff - ein etwa doppelt so hohes Risiko für diese Leiden.

Allerdings ist die Arbeit der Forscher eine Beobachtungsstudie, bei der nicht der Frage nach Ursache und Wirkung nachgegangen wurde. Die späteren Atemwegserkrankungen können sich also auch aus anderen Gründen entwickelt haben, so war etwa nicht bekannt, ob die Eltern der Kinder Raucher waren.

Es müssen nicht immer die ganzen Mandeln entfernt werden

Statt gleich die kompletten Mandeln herauszuoperieren, können bei manchen Patienten auch Teile entfernt werden. "Das Blutungsrisiko sinkt bei einer Teilentfernung extrem", sagt Jochen Windfuhr, Chefarzt der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohren-Heilkunde am Krankenhaus Maria Hilf in Mönchengladbach. Studien hätten zudem einen positiven Effekt der Teilentfernung bei akuten Mandelentzündungen nachweisen können.

Allerdings: Wer zu Mandelentzündungen neigt, bei dem kann sich das verbliebene Mandelgewebe langfristig erneut entzünden. Zudem kann das Gewebe auch nachwachsen und die Symptome daher wieder auftreten.

Egal, ob nun eine ganze oder teilweise Mandelentfernung ansteht: Patienten sollten im Gespräch mit dem Arzt oder der Ärztin ihre Chancen und Risiken abwägen. Wer blutverdünnende Medikamente nimmt, sollte sie wenn möglich vor der Operation absetzen, um das Blutungsrisiko zu senken.

Nach dem Eingriff ist körperliche Schonung ein Muss. Meist sind die Wunden nach zwei bis drei Wochen abgeheilt. Bis dahin sollten Patienten vor allem weiche und eher kühle Nahrungsmittel zu sich nehmen. Bei festeren Speisen besteht das Risiko, dass beim Schlucken der Schorf an der operierten Stelle abfällt und es im Anschluss zu Blutungen kommt.

Sabine Meuter, dpa/ mah



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