"Hart aber fair" über Pflegenotstand Eine simple Wahrheit

Zu wenig Personal, zu viel Stress: Was muss die nächste Regierung tun, um den Pflegenotstand zu verbessern? Das wollte Moderator Plasberg wissen. Doch es gab kaum Kontroverse - und so wurde eine simple Wahrheit nicht deutlich genug.

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen
WDR/Oliver Ziebe

Moderator Plasberg (r.) mit seinen Gästen


Frank Plasberg hatte sich große Ziele gesetzt. Ein "Pflichtenheft für die Regierung" sollten seine Gäste erarbeiten. Was müsse man tun, damit Deutschland seine "peinliche Schwäche im Umgang mit Pflegebedürftigen" überwinde?

Zur Runde gehörte Alexander Jorde, Auszubildender zum Gesundheits- und Krankenpfleger. In der ARD-Wahlkampfarena hatte er Angela Merkel schlecht aussehen lassen, als er sie mit den Zuständen konfrontierte. Menschen, die dieses Land aufgebaut hätten, lägen stundenlang in ihren Ausscheidungen, weil es an Pflegepersonal mangele. Bei Plasberg wählt Jorde noch einmal stärkere Worte: "Sie liegen stundenlang in ihrer Scheiße." Wie das sein könne, in einem reichen Land wie Deutschland, "ich verstehe das nicht".

Der junge Mann hat bereits einen sehr erschöpften Ausdruck in den Augen. Seine Berufswahl habe er aber (noch) nicht bereut. "Ich will von innen heraus etwas verändern", sagt er.

Aus ihrem Beruf ausgeschieden ist hingegen Altenpflegerin Claudia Moll, die am Plasberg-Tresen neben Jorde sitzt. Im Job sei sie wegen der unhaltbaren Zustände irgendwann ausgebrannt gewesen, sagt Moll. Als einzige Fachkraft war sie früher nachts für bis zu 56 Pflegebedürftige zuständig - und musste bei einem Ausbruch des Norovirus die Putzfrau um Hilfe bitten.

Sie hatte damals Gesundheitsminister Gröhe vorgeschlagen, sie einmal zwei Tage lang bei der Arbeit zu begleiten - vergeblich. Nun wurde sie selbst für die SPD in den Bundestag gewählt und will dort etwas ändern. Wer Moll länger zuhört, bekommt das Gefühl, dass das Parlament mehr aus Menschen wie ihr und weniger aus Juristen bestehen sollte. Das scheint Plasberg ähnlich zu sehen: "Ich freue mich für den deutschen Bundestag, dass sie da drin sind."

Ein Pflegebedürftiger sollte in der Talkrunde nicht fehlen, doch einen 80-jährigen Heimbewohner wollte offenbar niemand einladen. Teil der Runde ist stattdessen Samuel Koch, der 2010 vor einem Millionenpublikum in der TV-Show "Wetten, dass..?" verunglückte und seitdem im Rollstuhl sitzt. Der 30-Jährige ist für seinen kämpferischen und positiven Umgang mit seiner Lähmung bekannt und heute als Schauspieler tätig. Doch Koch ist diesmal wenig geneigt, Optimismus zu versprühen und lässt Plasberg auflaufen, als der versucht, ihn über seinen aktiven Alltag auszufragen.

"Ich bin etwas überrascht, ich wollte gar nicht so viel über mich reden, sondern konstruktiv über das Problem", sagt Koch. Er berichtet, wie er nach dem Unfall in der Reha berechtigte Angst vor dem Ersticken hatte und dass statt Pflegern oft nur sein Vater präsent war. Dass es wegen Personalmangels zu vermeidbaren Todesfällen in der Pflege kommt, kann keiner der Anwesenden leugnen.

Koch berichtet auch von seinen Schwierigkeiten, eine geeignete Pflegekraft zu finden. Obwohl es ihm unangenehm gewesen sei, nutzte er schließlich seinen Bekanntheitsgrad, um einen Aufruf über Facebook zu starten.

Wie dramatisch die Zustände sind, bestätigt auch Stephan Baumann, er ist Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Alten- und Behindertenhilfe und Mitgesellschafter mehrerer Pflegeeinrichtungen. Sein eigener Vater wolle nicht ins Heim, gibt Baumann zu. Schuld seien aber nicht die Heime, sondern die Vorgaben, die der Staat zu Personalschlüsseln mache.

Im Grunde fehlt an dieser Stelle der Sendung ein Politiker, der genau dazu Stellung nimmt. Der einzige Gegenpol in der Runde ist aber Jochen Pimpertz, Gesundheitsökonom beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Er spricht sich für die private Vorsorge aus. Als er wenig überraschend als einzige Partei die FDP für ihre Konzepte zur Pflege lobt, erntet er in der Runde Gelächter.

Später schiebt Pimpertz dann noch nach, auch die Linkspartei wolle "mehr Geld in die Pflege reinsteuern". Aber eben nicht so, wie Pimpertz es sich wünscht, über die private Vorsorge. SPD-Frau Moll kontert, er könne sich vielleicht nicht vorstellen, dass sich nicht jeder die 50 Euro für eine Zusatzversicherung leisten kann. Pimpertz wirkt so, als ob er sich das tatsächlich nicht vorstellen kann. Eine Zuschauerin wird später auf Facebook fordern, alle, die die private Vorsorge wollen, sollten einmal mit einem Durchschnittsgehalt an der unteren Grenze auskommen müssen.

Als sechster Gast berichtet Moderatorin Andrea Kaiser, dass sich auch dann nicht alle Probleme lösen lassen, wenn man genug Einkommen für eine private Vorsorge hat. Denn die private Pflegeversicherung bezahle zum Beispiel von einem benötigten Treppenlift nicht einmal die Hälfte. Ihr Vater ist an Demenz erkrankt, sie will ihn aber wegen der Zustände nicht in einem deutschen Pflegeheim unterbringen.

Weil auf Kontroversen weitgehend verzichtet wurde, blieb der Talk wenig pointiert. Deshalb wurde eine simple Wahrheit zu wenig deutlich: Es wird dringend mehr Geld vom Staat für die Pflege benötigt. Weitere Beitragserhöhungen zu verkaufen, ist für die Regierenden unbequem. Weil diese sich am Einkommen orientieren, wären sie aber die solidarischste Lösung.

insgesamt 106 Beiträge
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Uchtl 10.10.2017
1. Beitragsbemessungsgrenze
Mit welchen Recht, frage ich mich, mit welchen Recht dürfen Besserverdienende und selbständige immer noch für sich selber entscheiden sich nicht an der gesetzlichen Krankenversicherung und Rentenversicherung zu beteiligen. Wo ist hier die Solidarität? Solidarität bedeute für mich, wenn ausnahmslos alle in einen Topf bezahlen. Wer es sich leisten kann, kann und soll sich zusätzlich versichern. Aber bitte nur zusätzlich und nicht ausschließlich. Insbesondere Besserverdienende kommen da billiger weg und erhalten dazu auch noch die besseren Leistungen. Es wäre sicherlich nicht die Lösung aber zumindest schon mal ein Anfang wenn diejenigen wenigstens mit einem Mindestsatz zur Kasse gebeten würden. IN der Pflege, Kranken und der Rentenversicherung.
rorufu 10.10.2017
2. das ist doch relativ Einfach
Ein Prozent der Rüstungsaiusgaben für Pflege und Gesundheit verwenden und das Problem wird leines mehr sein. Oder nehmen wir fünf Prozent der Rüstungsaiusgaben. Es ist ein Irrsinn, dass dafür Geld im Überfluss da ist. Aber dieses Tema scheint ein Tabu zu sein. Warum?
Freidenker10 10.10.2017
3.
Ich fand die Sendung eigentlich ganz gut, vor allem ist mir wichtig das überhaupt darüber berichtet wird! Einzig bei den Gehaltsangaben muss ich Einspruch erheben, denn die tariflichen Gehälter in städtischen Kliniken und Heimen decken zum einen nur einen winzigen Teil der Pflegekräfte insgesamt ab und entsprechen in keinsterweise dem Durchschnitt, da die mit Abstand größten Träger kirchlich, sozial oder privat sind und die zahlen alle deutlich weniger!
!!!Fovea!!! 10.10.2017
4. Was der Staat tun kann?
Der Staat macht das, was er immer macht: 1. Einsetzen einer Expertenkommission 2. Ergebnis: Beitragserhöhung Fertig. Ideen, Kreativität gibt es nicht, da das benötigte Geld woanders wichtiger benötigt ist: Rettung ruinöser Flugfirmen, Rettung maroder EU-Staaten u.v.a.m.
kleinsteminderheit 10.10.2017
5. Die Menschenwürde unter Finanzierungsvorbehalt
Ein Lebensabend in Würde, ohne Angst vor Abhängigkeit, Fremdbestimmung und Schmerz ist derzeit in Deutschland noch eine Utopie. Die In der Sendung beschriebenen Zustände sind völlig indiskutabel .Wer in der Pflege ist, hat nun mal keine politische Stimme mehr und hält auch den jahrelangen Klageweg nicht durch. In der Sendung wurde gesagt, dass in Skandinavien mit 3% des Bruttoinlandsprodukts ein weitaus besseres System finanziert wird. Das sind wohl die 3%, die bei uns nun in die Rüstung fließen sollen.
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