"Hart aber fair" Eine Volksdroge namens Ibuprofen

Um 50 Prozent stieg der Konsum von Medikamenten in den vergangenen zehn Jahren. Warum? Das konnten die Talk-Gäste bei "Hart aber fair" nicht erklären - auch weil Moderator Plasberg immer dazwischen grätschte, wenn es interessant wurde.

  "Das wird mir jetzt zu sehr ein Fachkolloquium":  Experten-Runde zu Medikamenten-Konsum bei "Hart aber fair"
WDR

"Das wird mir jetzt zu sehr ein Fachkolloquium": Experten-Runde zu Medikamenten-Konsum bei "Hart aber fair"


Wer ist Schuld am übermäßigen Tablettenkonsum? Die Pharmaindustrie? Die Ärzte? Oder die Patienten, die gierig danach verlangen? Eigentlich spannende Fragen für eine Talkshow. Selbst die Gäste waren gestern Abend klug gewählt. Dennoch war man nach 75 Minuten Karussell-Diskussion wieder mal so klug wie zuvor. Vieles wurde schlagwortartig angerissen, nichts wirklich analysiert. Wieso nur funktioniert Aufklärung im Fernsehen so schlecht?

Die entscheidenden Fragen stellt der Arzt Peter Sawicki, der bis 2010 das Arznei-Prüfinstitut IQWiG leitete und als unbestechlicher Kritiker der Industrie gilt. Doch gestern Abend nahm er die Politik ins Visier. "Die pharmazeutische Industrie hält sich meist an Gesetze", sagte Sawicki in Richtung des anwesenden CDU-Gesundheitspolitikers Jens Spahn und kritisierte: "Das Problem sind vielmehr die Gesetze, die Herr Spahn und seine Kollegen nicht machen. Warum bekommen Ärzte zum Beispiel Punkte, wenn sie Fortbildungen der Pharmaindustrie besuchen? Warum gibt es nach der Zulassung eines Medikaments keine Pflicht, alle Informationen zu veröffentlichen?"

Es war der Moment, wo die Sendung hätte ins Interessante kippen können. Denn bis dahin hatte es der CDU-Politiker Spahn meisterhaft verstanden, so zu tun, als sei er gar nicht verantwortlich für die Zustände, sondern als irgendwie gearteter Experte für Medizinthemen geladen. Spahn verwies zwar darauf, dass die alte CDU/CSU/FDP-Regierung unter seiner Mithilfe ein Gesetz verabschiedet hatte, das der Preistreiberei bei neuen Medikamenten ein wenig Einhalt gebietet.

"Medikamente dritthäufigste Todesursache"

Doch dann zündete er munter ein paar Nebelkerzen, nach denen sich auch der Vertreter der Pharmalobby zurücklehnen konnte, zumal Frank Plasberg sie unwidersprochen ließ. So behauptete Spahn tatsächlich: "Wir haben dafür gesorgt, dass Anwendungsbeobachtungen transparent gemacht werden und auch alle sonstigen Geldflüsse zwischen Ärzten und pharmazeutischer Industrie veröffentlicht werden müssen."

Wo diese Geldzahlungen angeblich veröffentlicht werden, verriet Spahn leider nicht. Es gibt diese Veröffentlichung nämlich nicht. Dabei wäre genau diese Form der Transparenz ein Fortschritt. Als Patient wüsste man doch gern, ob der Arzt auch Geld von dem Pharmaunternehmen erhält, dessen Medikament er gerade verschrieben hat. Schließlich fällt den Ärzten eine zentrale Rolle zu bei der Frage, ob Patienten zu viele Medikamente nehmen. Sawicki brachte zur Veranschaulichung 18 Medikamenten mit, die eine einzige seiner älteren Patientinnen verschieben bekommen hat. "Ärzten wird im Studium vor allem beigebracht, ein Medikament einzusetzen, aber nicht, ein Medikament abzusetzen", kritisierte Sawicki.

Dass Medikamente keineswegs so harmlos sind, wie viel glauben, zeigt ein Buch von Peter Gøtzsche, dass dieser Tage auf Deutsch erschienen ist. Der renommierte Medizinforscher zitiert darin die EU-Kommission, der zufolge "jährlich rund 200.000 EU-Bürger an Nebenwirkungen von Medikamenten sterben". Das ist etwa achtmal so viel wie die Zahl der Verkehrstoten jedes Jahr. "Medikamente sind die dritthäufigste Todesursache nach Herzkrankheiten und Krebs", bilanziert Gøtzsche.

"Das wird mir jetzt zu sehr ein Fachkolloquium"

Auf die enorme Zahl von Todesfällen angesprochen wischte Norbert Gerbsch, der smarte Vertreter des Verbands der Pharmazeutischen Industrie, die Zahlen abschätzig als "Hochrechnungen", will sagen unbewiesen, zur Seite. Darf man von einem Moderator da nicht mal verlangen, nachzufragen - anstatt bei jedem offenkundigen Ablenkungsmanöver immer nur auf den angeblichen "Fakten-Check" am nächsten Tag zu verweisen?

Ein Buch mit ähnlicher Stoßrichtung wie Gøtzsche, wenn auch weniger radikal, hat Cornelia Stolze gerade veröffentlicht ("Krank durch Medikamente"). Sie sagt, dass nur ein kleiner Teil der Medikamente, die täglich in Deutschland genommen werden, sinnvoll ist und der größte Teil dagegen überflüssig, also schädlich. Als Plasberg erwähnte, dass allein 71 Millionen Packungen Ibuprofen vergangenes Jahr in Apotheken abgegeben wurden und das Mittel damit die neue Volksdroge geworden sei, wies Stolze auch auf die Gefahren von solchen angeblich harmlosen, weil frei verkäuflichen Medikamenten hin, schließlich werde Ibuprofen, hochdosiert eingesetzt, auch für Herzinfarkte verantwortlich gemacht.

Für Spahn wurde es erneut unangenehm, als Stolze ihn attackierte, weil er mitverantwortlich dafür sei, dass in Deutschland nur noch der Nutzen neuer Medikamente, nicht aber älterer Präparate untersucht werden dürfe. Die Entscheidung im vergangenen Jahr war ein wichtiger Sieg der Pharmalobby. Doch Plasberg sprang dem Regierungspolitiker zur Seite und unterbrach die beginnende Diskussion darüber flugs mit dem Hinweis: "Das wird mir jetzt zu sehr ein Fachkolloquium."

"Pharmaindustrie ist ein Aufreger bei unseren Zuschauern"

Ein Fachkolloquium also. Es sind immer genau die Momente, in denen die Gefahr besteht, dass die Zuschauer plötzlich die Zusammenhänge verstehen und sich empören könnten, in denen Plasberg dazwischen grätscht. Er tut dann so, also ob etwas ganz kompliziert sei und man es dem Zuschauer nicht zumuten könne. Das oberlehrerhafte Ins-Wort-Fallen und die Einspielschnipsel simulieren dann nur noch den kritischen Gestus, mit dem Plasberg vor Jahren einmal gestartet ist.

Brigitte Büscher, die während der Sendung die Zuschauerreaktionen einfängt, sagte immerhin: "Die Pharmaindustrie ist ein Aufreger bei unseren Zuschauern." Wenn das wirklich so ist, könnte der WDR doch auf ein paar Mätzchen und den sendungstypischen Kabarett-Arzt verzichten - Plasberg könnte dann wieder politischer werden und die Gäste könnten auch mal auf den Punkt kommen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 143 Beiträge
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Seite 1
teilzeitmutti 02.12.2014
1. Ach Herr Grill
könnte der steigende Medikamentenkonsum vllt. mit einer alternden Gesellschaft und der Tatsache zu tun haben, das selbst natürlichen Körpervorgängen mittlerweile ein Krankheitswert zugeschrieben wird (Stichwort: prämenstruelles Syndrom)?
bananenrepublikaner 02.12.2014
2. ich seh mir das nicht mehr an
Ich hatte den Eindruck, dass Plasberg nach dem Wechsel ins erste Programm eine zeitlang wirklich kritisch war und Politikern ihr Abspulen von Floskeln nach ein paar Sekunden abgewürgt hat. Die letzten Sendungen waren jedoch unerträglich und das Gegenteil war der Fall, kritische Nachfrage verboten und uneingeschränkte Propaganda für die Politik. Das brauch ich mir nicht mehr anzusehen. Gut ist, was die Regierung macht. Demokratie ist, wenn man Regierungsparteien wählt (die sich inhaltlich kaum unterscheiden und schon lange nicht mher die Interessen der Bürger im Auge haben). Das habe ich jeden Tag X mal an anderer Stelle und muss mich nicht durch eine nervige Sendung quälen.
Crossi71 02.12.2014
3. Zunahme, Abnahme
Ich denke, der Ibuprofen-Konsum steigt, weil Paracetamol und ASS verteufelt werden. Vielleicht gibt es aber auch einen Zusammenhang zwischen Schmerzmittelkonsum und geringen Krankenständen.
qwertz1234554321 02.12.2014
4. Und wegen Plasberg
schaue ich die Sendung nicht mehr! Er lässt grundsätzlich nur Halbsatz-Argumentation zu. Dann fällt er den Leuten ins Wort und will sie unbedingt zu Aussagen bewegen die er hören will. Für mich inzwischen schlicht und ergreifend eine UNERTRÄGLICHE Sendung.
njotha 02.12.2014
5. Transparenzpflicht für Moderatoren!
Vielleicht sollte Herr Plasberg mal offenlegen, von wem alles er so sein Geld bekommt?
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