"Hart aber fair" über Krankenhauskeime Wenig Hoffnung für Patienten

Hunderttausende Menschen infizieren sich jährlich im Krankenhaus mit resistenten Keimen. Ein komplexes Thema, leider wurde bei "Hart aber fair" nur ein Aspekt des Problems diskutiert.

Krankenhaus in Niedersachsen (Archivbild)
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Krankenhaus in Niedersachsen (Archivbild)


Zu den Talkgästen bei Frank Plasberg gehörte diesmal die OP-Krankenschwester Jana Langer, die deutliche Worte für den Zustand in deutschen Krankenhäusern fand. Durch Sparmaßnahmen müsse man dort "arbeiten wie in der Fabrik", wobei der Patient "zur Ware werde, die Geld bringen muss". Bei "Hart aber fair" ging es um die "Gefahr Krankenhaus" vor allem durch resistente Keime. Die Sendung machte wenig Hoffnung, dass sich die Lage bald zum Besseren ändern wird.

Langer berichtete weiter, dass Pflegekräfte für immer mehr Patienten auf einmal zuständig seien - und der nötigen Sorgfalt bei der Hygiene so nicht mehr gerecht werden könnten. Die Gefahr für eine Ansteckung mit Krankenhauskeimen sei dadurch erhöht. Auch in einem Brief an die Bundesregierung hatte Langer diese Risiken benannt: Jeder Klinikaufenthalt könnte "im Moment zur tödlichen Falle werden", heißt es darin.

Der ehemalige Chefarzt und Buchautor Ulrich Hildebrandt verwies ebenfalls auf Hygieneprobleme, die durch Sparmaßnahmen entstünden. Standards einzuhalten, sei schwierig, wenn bei der Privatisierung von Krankenhäusern Dienstleistungen ausgelagert würden, und die Reinigungstruppe dann "von irgendwo" komme. Eindeutig erwiesen ist laut Hildebrandt auch der Zusammenhang zwischen Infektionshäufigkeit und abnehmender Personaldichte.

Zur kritischen Fraktion gehörte außerdem Journalist Reinhold Beckmann, der eine Dokumentation über Krankenhauskeime gedreht hatte, nachdem sein Bruder daran verstorben war.

Recht schnell machte die Runde also Sparzwänge und die Unterbesetzung von Stationen als Grund für Krankenhausinfektionen aus. Wenig sehenswert blieb die Sendung dann vor allem wegen der Haltung der weiteren Gäste, Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe und Thomas Reumann, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Vor allem Gröhe setzte immer wieder auf verharmlosende und ausweichenden Positionen. Nahezu unverfroren finden konnte man seinen Kommentar, jede Operation könne ein Risiko sein. Saß doch Beckmann direkt neben ihm, dessen Bruder sich bei einer OP mit den tödlichen Keimen infiziert hatte.

Immer mehr Menschen fürchten sich vor Routineeingriffen

Der Minister machte dann wahlweise Krankenhausbesucher (sollten sich auch mal die Hände waschen) oder die Patienten selbst (sollen dem Arzt sagen, er soll sich die Hände waschen) mitverantwortlich für die Misere. Chefärzte wie Hildebrandt müssten sich trotz Spardiktat bei der Klinikleitung für strengere Hygienemaßnahmen einsetzen. Der aber wusste zu kontern: Schon zweimal sei er deswegen entlassen worden.

Seiner Verantwortung gerecht sah sich Gröhe unter anderem durch die geplanten Untergrenzen bei der Personalbesetzung in der Pflege. Allerdings sollen diese vorerst nicht von der Politik festgelegt werden, sondern von Krankenkassen und Kliniken. Was die berechtigte Frage aufbrachte, warum der Minister nicht "Kraft seines Amtes" selbst über einen Pflegeschlüssel entscheide.

Auch Äußerungen von Reumann brachten die Diskussion nicht wirklich voran: Dass deutsche Krankenhäuser gut seien, zeige sich ja schon daran, dass jeder schnell dort hinwolle, wenn er krank sei.

Tatsächlich gibt es aber immer mehr Menschen, die sich selbst vor Routineeingriffen im Krankenhaus fürchten, aus Angst vor der Ansteckung mit resistenten Keimen. Und zwar zu Recht. In einem Einspieler zitierte Plasberg Schätzungen des Robert-Koch-Instituts: Demnach infizieren sich jährlich 600.000 Menschen mit Krankenhauskeimen und 15.000 versterben daran. Beckmann nennt in seiner Dokumentation sogar eine Million Infektionen und bis zu 40.000 Todesfälle und beruft sich dabei auf die deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene.

Was aus der Runde deutlich wurde: Es gibt wenig Hoffnung, dass das Problem der Krankenhausinfektionen in nächster Zeit gelöst werden könnte. Denn es mangelt an Engagement und Lösungsansätzen gleichermaßen. Diskutiert wurde mit dem Sparzwang in Krankenhäusern ohnehin gerade mal ein Aspekt des Problems. Weitere Punkte, die zum Beispiel Beckmanns Dokumentation nennt, kamen gar nicht zur Sprache. Dazu gehören die Verschreibungspraxis bei Antibiotika, die die Entwicklung von Resistenzen bei Bakterien fördert. Und das Zögern der pharmazeutischen Industrie, neue Antibiotika zu entwickeln - weil ihr die Gewinnmargen nicht hoch genug sind. Neue Behandlungsansätze, wie der Einsatz von Bakterienviren, werden in Deutschland zudem kaum vorangetrieben.

Die Plasberg-Sendung hinterließ so nicht nur die geladenen Kritiker des Systems frustriert, sondern enttäuschte auch Zuschauer, die sich mehr zu dem Thema erhofft hatten.

insgesamt 100 Beiträge
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Seite 1
ash26e 04.04.2017
1. 95% der
sind von diesen Keimen besiedelt. Krankenhauspatienten holen die sich nicht im Krankenhaus : Sie bringen sie mit. So geht die Chronologie der Krankenhausinfektionen.
chrizna 04.04.2017
2. Knallharte Hygienevorschriften und deren Durchsetzung ist gefragt!
Auch ich habe meine alten Verwandten begleitet auf ihrem Weg durch die Krankenhäuser und habe dort sehr viel Zeit verbracht und sehr viel gesehen, was ich lieber nicht gesehen hätte… Vor allem die mangelnde hygienische Grundausbildung das Personals bzw. die Nichteinhaltung minimaler hygienischer Standards- egal ob aufgrund von Nichtwissen oder Zeitdruck- war für mich einfach nur erschreckend! Da die meisten Kliniken sich aus Kostengründen keine anständige Hygiene in ihrem Haus leisten wollen, kann dies nur durchgesetzt werden indem es per Gesetz vorgeschrieben wird und bei nicht Einhaltung mit saftigen Strafen geahndet wird! Der Kuschelkurs von Gröhe ist letztlich Patientenfeindlich! meiner Meinung nach gehört das Gesundheitswesen sowieso in staatliche Hand und im Interesse des Gemeinwohls subventioniert anstatt profitorientierten menschenverachtenden Aktiengesellschaften überlassen zu werden....
Mister Stone 04.04.2017
3.
Es gibt keinen Sparzwang. Es gibt wie bei allen Privatsierungen nur das Diktat der Profiteure, der Krankenhauseigentümer. Andere Prioritäten gibt es nicht. Verursacht wurde das Hygiene-Chaos durch die Privatsierungsneurose unserer neoliberalen Regierungen mit ihren Mehrheiten in den jeweiligen Parlamenten (Land/Bund/EU). Durch Menschen, die sich ihre Kliniken, ihre Ärzte und die Art und Sorgfalt ihrer Behandlung nach Belieben - natürlich auch außerhalb Deutschlands - aussuchen können.
Miere 04.04.2017
4. Stimmt wohl, mit den zu wenigen Facetten des Problems.
Wurde nicht mal vorgeschlagen, hiesiges Krankenhauspersonal solle kurzärmelige Kittel tragen wie in Holland? Das Desinfizieren der Hände und Arme wäre leichter. Abgelehnt, weil Ärzte fürchteten, dann für Hilfskräfte gehalten zu werden. In einem Bericht der Aktuellen Stunde im WDR latschte der Hygienefachmann eines Krankenhauses aus dem Zimmer mit dem Norovirus-Patienten raus auf den Gang, ohne sich irgendwie die Schuhe zu säubern. Also, es fehlt auch klar am Wissen. Dennoch ist es sicher wichtig, wie viele Pflegekräfte es gibt. Jetzt nicht nur wegen Infektionen. Wer im Krankenhaus bettlägerig ist und nicht allein zum Klo gehen kann, muss genau mitrechnen, wann er wieviel trinken darf, damit er eine Chance hat, genau dann zum Klo zu müssen, wenn jemand Zeit hat, zu helfen. Das ist ja so auch kein Zustand. Und dann kann man für die Hygiene nur schließen, dass es da auch nicht zum Besten steht. Wir müssen aber auch nicht immer das Rad neu erfinden. Man kann auch mal herumfragen, wie es in anderen Ländern läuft, und gute Konzepte übernehmen.
spieglich 04.04.2017
5. Armutszeugnis
Wie so oft, machen auch hier die Niederländer uns wieder vor, wie es geht: Seit 10 Jahren keinen einzigen Todesfall mehr durch resistente Krankenhauskeime. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Was für ein Armutszeugnis für Deutschland! Übrigens müssen deutsche Patienten, die in ein niederländisches Krankenhaus verlegt werden erst mal in Quarantäne!
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