Neue Pauschalen: Arzt-Patient-Gespräch wird aufgewertet

Hausärzte behandeln ihre Patienten am Fließband, nehmen sich keine Zeit und hören nicht zu - so der Vorwurf vieler Patienten. Das soll sich ändern: Von Oktober an bekommen die Mediziner das Patientengespräch bezahlt. Doch den Ärztevertretern reicht das nicht.

Hausarzt im Gespräch (Archiv): Insgesamt nicht mehr Geld Zur Großansicht
AP

Hausarzt im Gespräch (Archiv): Insgesamt nicht mehr Geld

Berlin - Der typische Hausarztbesuch als Kassenpatient dauert keine zehn Minuten. Zuzüglich der Wartezeit, versteht sich. Doch im Sprechzimmer sind die Allgemeinmediziner getrieben vom Terminkalender. Auf Appelle, sich mehr Zeit für den einzelnen Patienten zu nehmen, lautet die Antwort seit Jahren: Wer die sprechende Medizin will, der muss das Gespräch auch bezahlen.

Angesichts des drohenden Mangels an Hausärzten soll genau das vom 1. Oktober an geschehen. Anders als heute sollen die Ärzte Gespräche mit Patienten eigens abrechnen können, so das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV).

Zudem soll es eine neue Pauschale geben, die der Arzt einmal im Quartal pro Patient abrechnen kann. Die Höhe richtet sich nach dem Alter der Versicherten - und somit dem durchschnittlichen Betreuungsbedarf. Zusätzliche Mittel von rund 124 Millionen Euro fließen in die Betreuung Alter, unheilbar Kranker und bestimmter Kinder.

Auch eine Reihe weiterer Regelungen soll den Hausarztberuf für junge Mediziner attraktiver machen. Nach der am Freitag verkündeten Einigung kritisierte der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, die Ergebnisse allerdings umgehend. Er bezweifelt, dass die Grundversorgung gestärkt wird: "Wir sind nicht überzeugt, dass dies mit dem jetzt erzielten Kompromiss erreicht werden kann, da hier lediglich eine Umverteilung der Mittel stattfindet und dafür keine zusätzlichen Gelder bereit gestellt worden sind", sagt Weigeldt.

Der Beschluss setzt Teile einer Einigung zwischen Ärzten und Krankenkassen vom Oktober um. Damals vereinbarten beide Seiten nach langem Streit zusätzliches Honorar für Deutschlands Kassenärzte von bis zu 1,27 Milliarden Euro für 2013. Die Grundversorgung sollte mit 250 Millionen Euro gestärkt werden. Die nun getroffenen Regeln für Hausärzte, Kinder- und Jugendärzte bleiben nach Angaben der KBV in diesem Rahmen.

Das ändert sich im Einzelnen:

  • Hausärzte können ausführliche Gespräche über zehn Minuten im Zusammenhang mit einer lebensverändernden Krankheit mit neun Euro abrechnen. Bisher waren solche Gespräche mit der einmal im Quartal bezahlten Versichertenpauschale abgegolten. Für jede Praxis soll es ein Gesprächskontingent geben.
  • Die vierteljährliche Versichertenpauschale wird statt in bisher drei Gruppen künftig in fünf Gruppen unterteilt. Für die Betreuung von Kindern unter fünf Jahren gibt es den höchsten Satz (23,60 Euro), von da an steigt die Vergütung von 15 Euro (fünf bis 18 Jahre) bis auf 21 Euro (über 76 Jahren) im Quartal an. Die neue Staffelung soll dem jeweiligen Betreuungsaufwand besser gerecht werden.
  • Hat der Hausarzt durch die Behandlung von zum Beispiel Diabetikern erhöhten Aufwand, bekommt er für das Vorhalten der Praxisstrukturen eine Pauschale von 14 Euro pro Quartal.
  • Erstmals können Hausärzte die Behandlung alter Patienten (geriatrische Versorgung) abrechnen. Auch für palliative Behandlungen und sozialpädiatrische Leistungen bei Kinder- und Jugendärzten kommen neue Abrechnungsmöglichkeiten hinzu. Zudem wird der Zuschlag, den Ärzte für die Betreuung chronisch kranker Patienten erhalten, neu geregelt. Behandelt der Arzt den Patienten häufiger, gibt es mehr Geld.

dba/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Verantwortliche Ärzte nutzen die
lanoia 28.06.2013
...schon immer zum Patientengespräch. Diejenigen, die aufgrund ihrer gottähnlichen Unantastbarkeit oder ihren Berührungsängsten zu einfachen Leuten "einfach keine Zeit hatten" werden auch in Zukunft keine Zeit haben. Ein 3- Minutengespräch wird dann der Abrechnung und einer selbstgefälligen Alibifunktion dienen. Gelegentlich wird der Anruf bei einem Arzt (meist in Kliniken) um eine Auskunft oder Terminverschiebung schon in Rechnung gestellt. Geld zum mitnehmen - es wir teuer-ohne Qualitätszuwachs.
2. Völlig krank
zahnrat 28.06.2013
Es ist immer das gleiche Muster. Es wird behauptet die Kasse zahlt doch das Beratungsgespräch. Aber was sind 9 Euro für mindestens 11 Minuten = „länger als 10 Minuten“? Es sind weniger als 50 Euro in der Stunde. Wer bitte ist der Ansicht damit könnte man die laufenden Kosten für den Praxisbetrieb aufrechterhalten und noch ein gerechtes Honorar für den Arzt erwirtschaften? Ja, wo leben wir denn? Was verlangt doch gleich die Autowerkstatt für die Stunde, was ein Anwalt für eine Erstberatung? Wie krank muß man eigentlich sein, sich so etwas auszudenken, oder darauf hereinzufallen?
3. Zustimmung
axel h. 28.06.2013
Zitat von lanoia...schon immer zum Patientengespräch. Diejenigen, die aufgrund ihrer gottähnlichen Unantastbarkeit oder ihren Berührungsängsten zu einfachen Leuten "einfach keine Zeit hatten" werden auch in Zukunft keine Zeit haben. Ein 3- Minutengespräch wird dann der Abrechnung und einer selbstgefälligen Alibifunktion dienen. Gelegentlich wird der Anruf bei einem Arzt (meist in Kliniken) um eine Auskunft oder Terminverschiebung schon in Rechnung gestellt. Geld zum mitnehmen - es wir teuer-ohne Qualitätszuwachs.
Mein Hausarzt nimmt sich auch immer viel mehr Zeit als ich eigentlich erwarten würde, dabei bin ich doch nur ein wenig lukrativer Kassenpatient.
4. Bürokratie
Kurt1899 28.06.2013
..............als Hausarzt bedanke ich mich für den Bürokratieaufbau. Politiker- und Funktionärsgeschwätz sind mittlerweile unerträglich. Auch der offensichtlich ahnungslose Autor des Artikels, meint dass hier eine Verbesserung des engagierten Hausarztes honoriert wird. Eigentlich ändert sich nur, dass die Abende in der Praxis jetzt damit verbracht werden, die Diagnosen der Patienten zu überprüfen, um die Chronikerpauschale zu ergattern und damit die Krankenkasse sich aus dem Risikostrukturausgleich bedienen kann. Damit es nicht zu Einkommensverlusten, der ach so gut bezahlten Hausärzte kommt( ja ja jammern auf hohem Niveau.... , ich könnte kot.en), werden wieder die Einzelziffern eingegeben. Die Versorgerpraxen zu stärken soll auch umgesetzt werden. Wir versorgen 3500 Menschen im Quartal und dürfen jetzt wieder den Ziffern hinterherhecheln. Danke vom Hausarzt für den Schwachsinn
5.
CancunMM 28.06.2013
Zitat von lanoia...schon immer zum Patientengespräch. Diejenigen, die aufgrund ihrer gottähnlichen Unantastbarkeit oder ihren Berührungsängsten zu einfachen Leuten "einfach keine Zeit hatten" werden auch in Zukunft keine Zeit haben. Ein 3- Minutengespräch wird dann der Abrechnung und einer selbstgefälligen Alibifunktion dienen. Gelegentlich wird der Anruf bei einem Arzt (meist in Kliniken) um eine Auskunft oder Terminverschiebung schon in Rechnung gestellt. Geld zum mitnehmen - es wir teuer-ohne Qualitätszuwachs.
Wenn Sie für ein Gespräch bezahlen, dann sind Sie wohl privat versichert. Dann ist die Ziffer 1 oder 2 ein Bestandteil der GOÄ. Also kein Betrug oder so ! Würde er es nicht in Rechnung stellen könnte er sich sogar Ärger einhandeln. Genauso wenn er für Atteste kein Geld nimmt. Und ob die Krankenkasse nun das Gespräch bezahlt oder nicht, ich habe trotzdem nicht mehr Zeit für die Patienten, denn der Tag hat nun mal nur 24 Stunden. Und: Das Geld wird nur umverteilt. Die bisherige Pauschale wird um die Hälfte gekürzt. Ach und für unter 5 jährige gibt es am meisten Geld. Ja die kleinen Racker stürmen geradezu ständig meine Praxis. Ich höre schon die Goldstücke in meinem Geldspeicher klimpern. Lächerlich ! Und für die zusätzlichen geriatrischen Leistungen wollten die Krankenkassen auch erst wieder einen Kurs zu teurem Geld haben. Und die armen Kollegen, die bisher Akupunktur angeboten haben und vorher für teures Geld Kurse absolviert haben, werden jetzt als atypische Hausärzte eingestuft und bekommen Abschläge. Was mache ich eigentlich wenn das Gesprächskontingent aufgebraucht ist ? Rede ich dann gar nicht mehr ?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
RSS
alles zum Thema Gesundheitspolitik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 25 Kommentare
Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: