Hausärztemangel: Fehlender Nachwuchs gefährdet Grundversorgung

Der Mangel an Hausärzten droht zum Desaster zu werden: Immer weniger junge Mediziner streben diese Laufbahn an, aktuelle Zahlen offenbaren einen Rekord-Tiefstand. Aber auch andere Fachbereiche sind betroffen. Kassen warnen vor einem Zusammenbruch der Grundversorgung.

Medizinstudentin und Hausarzt: Es gibt nicht genügend Nachwuchs Zur Großansicht
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Medizinstudentin und Hausarzt: Es gibt nicht genügend Nachwuchs

Berlin - Trotz des zunehmenden Mangels an Hausärzten in vielen Regionen Deutschlands haben im vergangenen Jahr besonders wenige junge Mediziner diese Laufbahn eingeschlagen. Von den 10.127 Ärzten, die nach der Ausbildung ihre Weiterbildung abschlossen, waren laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) nur 949 Hausärzte. Das seien so wenige, wie seit Jahren nicht. "Wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir in zehn Jahren vor einem Desaster stehen", sagt KBV-Vorstand Regina Feldmann. "Die Zeit wird knapp."

Im Jahr zuvor waren es laut den KBV-Zahlen noch 1298 Hausärzte, davor 1085 und 1168. Aber auch in anderen Bereichen der Grundversorgung gingen die Zahlen in den vergangenen Jahren teils nach unten, etwa bei den Chirurgen oder Orthopäden. "Bei Hausärzten, Augen-, Haut- und Hals-Nasen-Ohrenärzten geht zunehmend der Nachwuchs aus und die Weiterbildungsabschlüsse sinken", warnt Feldmann.

Die Grundversorgung drohe deshalb zusammenzubrechen. "Bis 2020 scheiden 48.000 niedergelassene Ärzte altersbedingt aus", sagt Feldmann. In den kommenden Monaten wolle die KBV besonders auf Reformen bei der Aus- und Weiterbildung dringen. "Die ärztliche Ausbildung an den Universitäten ist nicht am medizinischen Versorgungsbedarf ausgerichtet", kritisiert Feldmann. Immer mehr Ärzte schlössen die Weiterbildung als Spezialisten ab.

"Weiterbildung muss im ambulanten Bereich stattfinden"

"Die Kultusminister der Länder müssen die Weichen für eine bessere Abbildung der Grundversorgung in der Hochschulmedizin stellen", sagt die aus Thüringen stammende Hausärztin. Die Bereitschaft, Hausarzt zu werden, nehme im Laufe eines Medizinstudiums heute stark ab. "Die Weiterbildung muss überwiegend im ambulanten Bereich stattfinden", fordert sie deshalb.

Der Chef des Gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken, Josef Hecken, hatte bereits zu Jahresbeginn gewarnt: "Wenn die Praxen schließen, wir aber nicht gegensteuern, wären immer mehr Menschen wegen fehlender Grundversorgung auf Krankenhausaufenthalte angewiesen."

Eine zu dem Zeitpunkt in Kraft getretene neue Ärzteplanung soll helfen. Rund 3000 Hausärzte haben sichere Möglichkeiten zur Praxiseröffnung - in Ballungsgebieten und für spezialisierte Ärzte wurden die Schotten für Jungmediziner dagegen weitgehend dichtgemacht. Kritiker zweifeln aber daran, dass solche reformierten Planungen reichen.

Nach den jüngsten Zahlen der KBV gibt es derzeit rund 60.000 Hausärzte und 78.000 niedergelassene Fachärzte.

cib/dpa

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insgesamt 66 Beiträge
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1. Zusammenbruch
sertim 18.03.2013
ist notwendig, um Veränderungen zuzulassen. Bislang ist alles nur Augenwischerei politischer Egomanen, die keinen Einblick und keine Kenntnis der tatsächlichen Verhältnisse haben. Starrste Hierarchien während der Ausbildung und die Priorität der "wachstumsorientierte" Marktwirtschaft lassen eine Wende nicht zu. WARUM wollen wohl so wenige Absolventen Hausärzte werden? In der ehrlichen Antwort liegt die - einfache - Lösung.
2.
Ingmar E. 18.03.2013
Horrocks, S., Anderson, E. & Salisbury, C. (2002). Systematic Review of Whether Nurse Practitioners Working in Primary Care Can Provide Equivalent Care to Doctors. BMJ, 324(7341), 819–823. Verfügbar unter: Systematic review of whether nurse practitioners working in primary care can provide equivalent care to doctors | BMJ (http://www.bmj.com/cgi/content/abstract/324/7341/819) Nurse Practitioner können Hausärzte ersetzen, bei gleichem Behandlungserfolg, niedrigeren Kosten und größerer Patientenzufriedenheit. Die Antwort der Ärzteschaft "es besteht ein Anrecht auf den deutschen Facharztstandard", lässt sich leicht kontern, weil diese Möglichkeit ja gar nicht mehr besteht. Es gibt nicht die Auswahl Facharzt oder Nurse Practitioner, sondern eher die Auswahl "gar kein Arzt" oder ein Nurse Practitioner. Wenn die Ärzteschaft es nicht hinbekommt, die Versorgung auf dem Land zu sichern (z.B. in dem auf dem Land konsequent wesentlich mehr bezahlt wird als in der Stadt), kann sie sich nicht dagegen sträuben, wenn andere Berufsgruppen ihre Chance bekommen.
3. Nicht nur Ärzte fehlen...
AchimVosa 18.03.2013
Auch MTRA/Pflegepersonal werden immer weniger, da keiner für das kleine Gehalt arbeiten möchte/kann .... Blad wird man im Krankenhaus "Englisch" sprechen müssen damit man sich überhaupt noch versteht ... oder eben die im Krankenhaus vorherschende Sprache lernen .. bzw. immer einen Dolmetscher rufen müssen.
4.
les2005 18.03.2013
Zitat von sysopDer Mangel an Hausärzten droht zum Desaster zu werden: Immer weniger junge Mediziner streben diese Laufbahn an, aktuelle Zahlen offenbaren einen Rekord-Tiefstand. Aber auch andere Fachbereiche sind betroffen. Kassen warnen vor einem Zusammenbruch der Grundversorgung. Hausärztemangel: Fehlender Nachwuchs gefährdet Grundversorgung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/hausaerztemangel-fehlender-nachwuchs-gefaehrdet-grundversorgung-a-889514.html)
Den Hausärztemangel hat die KBV doch selbst zu verantworten, weil sie die Vergütung so steuert, daß es völlig unattraktiv ist, Hausarzt zu sein.
5. Es wird einen Grund haben ...
temp1 18.03.2013
Es wird einen Grund haben, warum weniger Ärzte als Hausarzt und in ländlichen Gebieten arbeiten wollen. Meist hat die Attraktivität eines Berufes mit den Aussichten hinsichtlich Einkommen/Arbeitsleistung zu tun. Wenn der Mangel entsteht, wird sich vermutlich daran etwas ändern in Zukunft.
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