Die Patientin kommt mit verschiedenen Beschwerden in die Klinik im britischen Birmingham, die nicht so recht zueinander passen wollen: Seit vier Wochen hat sie eine Hautrötung am rechten Oberkörper, sie fühlt sich wie bei einem grippalen Infekt, hustet verschleimt, und zu allem Überfluss sieht sie auf dem geröteten rechten Auge schlecht.
Die Dame ist in ihren Sechzigern, berichten James Michael Carr und seine Kollegen im Fachmagazin "BMJ Case Reports". Bekannt ist, dass sie unter Bluthochdruck und der Zuckerkrankheit Typ-2-Diabetes leidet. Ihr Blutzuckerspiegel sei mehr schlecht als recht unter Kontrolle, berichten die Ärzte.
Bei der Anamnese erzählt die Patientin, sie könne sich an keine Verletzung erinnern, die ihre Hautrötung ausgelöst haben könnte. Allerdings war sie drei Wochen zuvor bei der Akupunktur, bei der die Nadeln auch in die Schulter-Nacken-Muskulatur und rund um die Schlüsselbeine gestochen worden waren.
Die Ärzte untersuchen die großflächige Hautrötung genauer, ihnen fällt auf, wie hart sich das Gewebe unter der entzündeten Haut anfühlt - das betroffene Areal erstreckt sich von der rechten Brust bis zum Hals. Bei der eingehenden Untersuchung des Auges stoßen die Mediziner auf Eiter. Passend zu den Infektions- und Entzündungszeichen hat die Patientin auch Fieber, ihre Entzündungswerte im Blut sind erhöht.
Eiterhöhle unter der Haut
Die Ärzte lassen eine Röntgenaufnahme des Oberkörpers anfertigen. Sie sehen einen Schatten über dem rechten oberen Lungenlappen - ein Hinweis auf die Entzündung. Am nächsten Tag machen die Mediziner noch eine Computertomografie (CT): In der rechten Lunge sammelt sich Flüssigkeit. Im Gewebe unter der Hautoberfläche scheint sich ein Abszess, eine abgekapselte Eiterhöhle, gebildet zu haben.
Den Ärzten ist spätestens nach der Röntgenaufnahme klar, dass sie es nicht mit einer oberflächlichen Hautrötung zu tun haben, sondern mit ausgewachsenen Infektionen unter der Haut. Weil die Patientin Diabetikerin ist, ist sie für Infektionen besonders anfällig. Bei langjährig Zuckerkranken dauert es oft Wochen bis Monate, bis eine scheinbar kleine Wunde heilt.
Sofort nach dem Röntgen beginnen Carr und seine Kollegen deshalb mit einer Antibiotikabehandlung, zunächst mit nur einem Wirkstoff. Als das Ausmaß der unter der Haut liegenden Eiterherde klar wird, wird die Therapie immer aggressiver: Aus einem werden zwei Antibiotika, schließlich wechseln die Ärzte auf drei andere Wirkstoffe, um die verantwortlichen Bakterien besser bekämpfen zu können.
Nach sechs Tagen fertigen die Ärzte erneut ein CT-Bild an: Trotz der Behandlung breiten sich die Infektionsherde weiter aus, statt kleiner zu werden. Die Mediziner nehmen aus einer Eiterhöhle eine Probe, um im Labor die Erreger bestimmen zu können. Tage später entwickelt sich ein Hautemphysem am rechten Oberkörper der Patientin: In der Unterhaut sammelt sich Gas, die Haut knistert beim Betasten verräterisch. Die Ärzte sind alarmiert - diese Gasansammlungen können eine lebensgefährliche nekrotisierende Fasziitis anzeigen. Die Patientin hat Glück, die Ärzte können bald Entwarnung geben.
Was löst die Entzündung aus? Tuberkulose? Gar Lungenkrebs?
Die Ursache der im Körper umgreifenden Infektionsherde ist nicht einfach auszumachen: Im Auge sammelt sich Eiter, unter der Haut verbergen sich Eiterhöhlen, auch das Brustbein scheint infiziert zu sein - das kann auf eine Tuberkulose oder eine bösartige Erkrankung wie zum Beispiel Lungenkrebs hinweisen. Beides können die Ärzte ausschließen. Oder eine zunächst harmlose Infektion nach einer oberflächlichen Hautverletzung breitet sich immer weiter aus.
In ihrem Fallbericht schließen Carr und seine Kollegen, die Infektion sei am wahrscheinlichsten vom Brustbein ausgegangen und habe sich von dort auf Lunge, Haut und auch das Auge ausgeweitet. Auslöser waren Bakterien, Streptokokken. Die Akupunktur ist eine vorstellbare, allerdings unwahrscheinliche Ursache der Infektion: Zwar gebe es Fallberichte über Hautinfektionen nach einer Akupunktursitzung, schreiben die britischen Ärzte. Allerdings käme in einer Studie auf 32.000 Akupunktursitzungen gerade einmal eine Infektion. Die endgültige Ursache bleibt ungeklärt.
Die Behandlung der Patientin zieht sich über Wochen hin. Nachdem die Antibiotika allein gegen die ausgedehnte Infektion nicht ankommen, müssen Chirurgen die Frau operieren. Mehrere Eingriffe sind notwendig, bei denen zunächst das infizierte Gewebe entfernt und später die Haut wiederhergestellt wird. Im Verlauf der Behandlung müssen die Chirurgen eine Rippe entnehmen und Haut transplantieren - ein Prozess, der sich über mehr als einen Monat hinzieht.
Die Patientin übersteht ihre Infektion einigermaßen glücklich: Ihre Wunden heilen zwei Monate nach der Entlassung vielversprechend ab. Allerdings kann sie mit ihrem rechten Auge nach wie vor nur eingeschränkt sehen.
Die britischen Ärzte nehmen ihre ungewöhnliche Patientin zum Anlass, Kollegen daran zu erinnern, dass sich auch hinter einer oberflächlich geröteten Haut eine tiefe und bedrohliche Infektion verbergen kann.
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