Gesundheitsleistungen Ärzte und Kassen streiten um Hautkrebs-Früherkennung

Jeder Deutsche ab 35 Jahre hat ein Anrecht auf einen Hautkrebscheck alle zwei Jahre - und muss dafür trotzdem oft selber zahlen. Entgegen ihren Versprechen machen Krankenkassen und Ärzte wenig Versuche, das zu ändern.

Untersuchung der Haut: Ein Dermatoskopie brächte mehr Aufschluss und könnte Kosten sparen
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Untersuchung der Haut: Ein Dermatoskopie brächte mehr Aufschluss und könnte Kosten sparen

Von Micheal Brendler


Eigentlich genügt ein genauer Blick - kann Krebsfrüherkennung noch einfacher sein? Ein Melanom versteckt sich nicht tief in den Organen: Der Tumor wächst direkt auf der Hautoberfläche, als dunkler, manchmal juckender, unregelmäßiger Fleck. Aber während die Kasse im Fall von Brust-, Darm- oder Gebärmutterhalskrebs sogenannte Screening-Untersuchungen zur Früherkennung von Krebs anstandslos bezahlt, wird der Patient ausgerechnet von seinem Hautarzt für die Untersuchung oft selbst zur Kasse gebeten.

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Der Ganzkörper-Check mit dem bloßen Auge sei zu ungenau, argumentieren viele Dermatologen. Wer mehr Sicherheit haben möchte, als sie die 2008 eingeführte Früherkennungsuntersuchung angeblich bietet, kann deshalb noch eine Zusatzuntersuchung buchen, die Dermatoskopie. Bei diesem Verfahren prüft der Hautarzt mit einem beleuchteten Auflichtmikroskop, dem Dermatoskop, an verdächtigen Stellen auch die tiefer liegenden Hautschichten. Mitunter weigern sich Hautärzte sogar, das Screening ohne Dermatoskop durchzuführen. Bis zu 25 Euro verlangen die Dermatologen für das Verfahren.

Unklarheit über den Leistungskatalog

Vor zwei Jahren sorgte das Thema das erste Mal für Ärger. Damals warf der Prüfdienst IGEL-Monitor des Spitzenverbandes der Krankenkassen den Dermatologen vor, den Patienten für die Untersuchung unberechtigterweise Geld abzuknöpfen. Auch die Dermatoskopie werde schließlich im Bedarfsfall von den Versicherungen bezahlt.

Die Hautärzte wehrten sich: An keiner Stelle im Kassenkatalog, der festlegt, welche ärztliche Leistung wie vergütet wird, werde die Auflicht-Mikroskopie als Leistung auch nur erwähnt. Gegenüber SPIEGEL ONLINE versprach der Spitzenverband im Juli 2012, dieses Missverständnis auf Kosten des Patienten aufzuklären und die Vergütung mit den Ärzten neu auszuhandeln, "damit es schnell eine Lösung gibt".

ARTEN VON HAUTKREBS
Malignes Melanom
Mit dem Begriff Hautkrebs wird umgangssprachlich oft das maligne Melanom bezeichnet, die bekannteste und gefährlichste Hautkrebsform. Dieser "schwarze Hautkrebs" entwickelt sich in der Regel als bösartige Neubildung pigmentbildender Zellen der Haut. Dabei wirken sich offenbar Effekte des ultravioletten Lichts aus: Unter anderem unterdrückt UV-Strahlung die Immunabwehr - mit der Folge, dass Krebsherde ungestört heranwachsen können.

Als besonders gefährdet gelten Menschen mit vielen pigmentierten Muttermalen ( Nävi ), hellem Hauttyp und genetischer Vorbelastung. Auch sogenannte Altersflecken können auf ein erhöhtes Hautkrebsrisiko hinweisen. Bei Männern steigt das Erkrankungsrisiko mit zunehmendem Alter. Frauen bekommen Hautkrebs auch schon in jungen Jahren.
Früh erkannt, sind die Heilungschancen gut: Ist der Tumor nicht mehr als 1,5 Millimeter dick, überleben mehr als 90 Prozent der Patienten die nächsten zehn Jahre. Sind hingegen bereits Metastasen in Leber, Lunge, Gehirn oder Knochen aufgetreten, ist der Krebs meist nicht mehr heilbar. Jährlich sterben etwa 2500 Menschen am malignen Melanom.
Weißer Hautkrebs
Häufiger als maligne Melanome treten Hautkrebsarten auf, die sich nicht aus den pigmentbildenden Zellen der Haut entwickeln und oft unter den Begriffen weißer oder heller Hautkrebs zusammengefasst werden. Am häufigsten sind darunter das Basalzellkarzinom und das Plattenepithelkarzinom. Das UV-Licht der Sonne schädigt in den Hautzellen die Erbsubstanz DNA. Mutationen entstehen, die zu Krebs führen können. Das Risiko, an einem sogenannten nichtmelanozytären Hautkrebs zu erkranken, steigt mit der lebenslang erworbenen UV-Dosis und daher mit zunehmendem Alter. Diese Hautkrebserkrankungen bilden fast nie Metastasen (Tochtergeschwülste) und sind somit in der Regel heilbar.
Fragt man zwei Jahre später nach, stellt man fest: Geschehen ist bisher nichts. Laut dem Berufsverband der Deutschen Dermatologen, BVDD, hat der Kassenverband im Bewertungsausschuss - in dem derartige Vergütungsfragen verhandelt werden - noch nicht einmal den Versuch unternommen, etwas im Sinne der Patienten zu ändern. Die Versicherungen bestreiten dies: Man habe in dem Gremium die eigene Position bekräftigt, den Ärzten auf keinen Fall etwas für die Untersuchung zahlen zu wollen, betonen sie - eine Bedingung, auf die sich die Ärzte allerdings schon zuvor auf keinen Fall einlassen wollten. Auch die betroffenen Ärzteverbände und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) räumen gegenüber SPIEGEL ONLINE ein, dass es bisher keine neue Lösung gebe.

Unnötiger Aufwand

Möglicherweise, dieser Gedanke drängt sich zumindest auf, können alle Parteien mit der jetzigen Situation und dem Patienten als selbst zahlenden Kunden gut leben: Die Ärzte, weil sie von den Kassen niemals das gleiche Geld für die Leistung bekämen, wie Experten meinen, und die Versicherungen, weil sie das Geld nicht selbst ausgeben müssen.

Dabei spricht medizinisch einiges für eine Kassenleistung Dermatoskopie. Bisher wird jeder im Screening auffällige Leberfleck herausgeschnitten und unter dem Mikroskop untersucht. Laut Erfahrungen eines Modellversuchs in Schleswig-Holstein, andere Zahlen liegen für Deutschland nicht vor, finden sich aber gerade bei jüngeren Menschen nur in einem von 50 Fällen tatsächlich Melanom-Krebszellen in der Biopsie. Momentan werden aus diesem Grund Studien zufolge jedes Jahr rund 300.000 Muttermale umsonst operiert.

Würde man zwischen Screening und der Entfernung des verdächtigen Fleckes noch eine Dermatoskopie einschieben, ließe sich diese Quote laut der S3-Leitlinie "Prävention von Hautkrebs" der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention (ADP) deutlich verbessern. In geschulter Hand verbessert die Auflichtmikroskopie demnach die Genauigkeit der Diagnose um 18 Prozent - gleichzeitig werden auch weniger Tumore übersehen.

Kassen verweigern die Leistung

Dennoch lehnten die Kassen bereits bei der Einführung des Screenings vor sechs Jahren die Bezahlung der Untersuchung ab. "Die haben gesagt: 'Nee, zu teuer, nehmt das mal wieder raus'", sagt BVDD-Präsident Klaus Strömer.

Auch um sicherzustellen, dass dieser Sparkurs nicht auf Kosten der Qualität geht, entschied man sich damals, den Erfolg des Programms nach fünf Jahren noch einmal gründlich unter die Lupe zu nehmen. Nur: "Ich habe bisher noch keine Ergebnisse einer solchen Evaluation gesehen", sagt Alexander Katalinic, Direktor des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität Lübeck, "und ich habe auch meine Zweifel, dass da etwas Vernünftiges rauskommt."

Lassen sich durch die Untersuchung tatsächlich Krebstodesfälle verhindern? Werden Tumore früher entdeckt? Keine dieser Fragen werde momentan von offizieller Seite auch nur versucht systematisch zu klären, so der Früherkennungsexperte. "Wenn ich nicht evaluiere, kann ich auch nichts Negatives herausbekommen", vermutet der Epidemiologe. Mit anderen Worten: Auf diese Weise besteht kein Risiko, dass sich das Programm als überflüssig erweist (Auch das Brustkrebs-Screening steht in der Kritik; Mediziner fordern eine Neubewertung der Mammografie, mehr dazu lesen Sie im aktuellen SPIEGEL).

Gleichwohl: Bisher konnte nicht bewiesen werden, dass das Hautkrebs-Screening Todesfälle verhindert, es gibt auch durchaus berechtigte Zweifel daran. Aber ob mit oder ohne Dermatoskop: Ganz auf das Programm verzichten möchten selbst die Hautärzte nicht mehr. Laut Eckhard Breitbart, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention, bestreiten sie damit inzwischen im Schnitt ein Drittel ihres Praxisumsatzes.

GESUNDHEITSVORSORGE
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Diese Untersuchungen zahlt die Krankenkasse:

  • Untersuchung auf Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten (halbjährlich)

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insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
areyoushure? 21.07.2014
1. Statt zu streiten
Zitat von sysopDPAJeder Deutsche ab 35 Jahre hat ein Anrecht auf einen Hautkrebscheck alle zwei Jahre - und muss dafür trotzdem oft selber zahlen. Entgegen ihren Versprechen machen Krankenkassen und Ärzte wenig Versuche, das zu ändern. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/hautkrebsvorsorge-aerzte-und-kassen-streiten-um-screening-als-igel-a-976245.html
könnte der Deutsche an sich ja mal über den Tellerrand blicken und z.B. die Australier (Land mit der höchsten Rate an Melanomen) um Einblick in deren Vorgehensweise bitten? Da dort ein staatliches Gesundheitswesen existiert wird wohl dort auch ein hohes Interesse an einer effektiven, wie auch kostengünstigen Lösung bestehen. Aber wir können natürlich in D weiter zu Ungunsten der Patienten streiten.....
optimist_mit_erfahrung 21.07.2014
2. win-win Situation
Wie im Artikel erwähnt macht diese Vorsorge im Schnitt ein Drittel der Einnahmen einer Praxis aus. So wie man die Kassen kennt würde sich das drastisch reduzieren wenn diese die erweiterte Vorsorge zahlen würden. Anders herum sparen die Kassen indem sie bei Status quo bleiben. Somit ganz klar eine win-win Situation auf Kosten der Patienten. Ein Hoch auf das Gesundheitswesen
rechtschreibreformreform 21.07.2014
3. staatlich
Zitat von areyoushure?könnte der Deutsche an sich ja mal über den Tellerrand blicken und z.B. die Australier (Land mit der höchsten Rate an Melanomen) um Einblick in deren Vorgehensweise bitten? Da dort ein staatliches Gesundheitswesen existiert wird wohl dort auch ein hohes Interesse an einer effektiven, wie auch kostengünstigen Lösung bestehen. Aber wir können natürlich in D weiter zu Ungunsten der Patienten streiten.....
Grundsätzlich gehörte jedwede Grundversorgung in Staatshand. Lebensnotwendiges dürfte nicht das Opfer asozial monetärer Interessen werden. (Rohstoffe, Bildung, Energie, Wasser, Nahverkehr, Gesundheitswesen .... was vergessen?)
cato-der-ältere 21.07.2014
4. Verzweiflung
Meine Hautärztin zog während der Untersuchung ohne Absprache so eine antiquarische Lichtlupe raus, guckte mal durch und verlangte hinterher 25 Euro. Es ist einfach grotesk wie einerseits über teure Hightech-Medizin debattiert wird und andererseits Mediziner die Unverschämtheit besitzen die Anwendung eines so primitiven Instruments extra zu berechnen, bzw. die Kassen so etwas nicht bezahlen wollen. Natürlich kann man eine Tumor besser sehen mit so einem Guckerle. Es überkommt einen langsam Verzweiflung über so viel Ignoranz und Dreistigkeit bei den Akteuren. Das scheint aber der gesellschaftliche Trend zu sein.
S. Hölz 21.07.2014
5.
Kann den vorherigen Kommentar von "cato-der-ältere" nur bestätigen. Ich habe mich vor zwei Jahren im Vorfeld einer Untersuchung bei meiner Krankenkasse (TK) informiert. Für Schleswig-Holstein war die Ansage, daß die Dermatoskopie gezahlt wird, wenn sie medizinisch notwendig ist. Von der Sprechstundenhilfe wurde mir die Leistung dann natürlich gleich angeboten und ich sage "... wenn sie medizinisch Notwendig ist, würde ich sie gerne annehmen. Dann übernimmt die Kasse das auch." Darauf hin wurde ich von der "Dame" erst mal belehrt, daß ich keine Ahnung habe. Mit dem Arzt dann das selbe Spiel. Umgangston in beiden Fällen an Beleidigung grenzend. Die Untersuchung wurde dann einfach mit dem Dermatoskop durchgeführt und in Rechnung gestellt. Eine medizinische Notwendigkeit bestand offensichtlich nicht da die Rechnung direkt an mich ging. Auf der Rechnung wurde die "Dermatoskopie" nicht aufgeführt, sondern nicht existente Abrechnungsziffer & Leistungstext. Die TK hat mir die Untersuchung letztenlich trotzdem erstattet, aber das Verhalten des Arztes war schon mehr als dubios. Wieso eine Untersuchung mit einer beleuchteten Lupe nochmal 15€ zusätzlich kosten soll, erschließt sich mir sowieso nicht so ganz. Ich muß ja auch nicht für den Stuhl zahlen, auf dem ich mich hinsetze und mit Preisen ab ca. 200€ ist ein Dermatoskop jetzt auch nicht so außergewöhnlich teuer und kann wohl zur üblichen Einrichtung einer Hautarzt-Praxis gezählt werden ...
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