Der Pickel scheint ein unbekanntes Objekt zu sein - dabei kann ich ihn deutlich sehen, dicht unter meiner Unterlippe, etwa dreimal im Jahr, immer exakt an der gleichen Stelle. Ist er da, spannt die Haut und es schmerzt bei jedem Bissen. Auch bei den gepflegtesten Mitmenschen habe ich schon Pickel erspäht. Seit langem frage ich mich, was man gegen die Biester tun kann. Aber bei Wikipedia werden Pickel nur unter "Pustel" geführt, im Artikel steht vor allem etwas über Akne.
Beim Googeln findet man auf dem zweiten Platz die Seite "Frag-Mutti.de". Dort rät ein User, mit einem Bimsstein über den Pickel zu reiben, ein anderer, ihn auszudrücken und Aprikosenöl drauf zu schmieren. Was aber ist ein Pickel überhaupt? Ich habe mal eine Hautärztin befragt zu meinem wiederkehrenden Problem. Sie hat nur gelächelt und mit den Achseln gezuckt. Die Dermatologen sind anscheinend vor allem damit beschäftigt, Botox- und Falten-Auffüller zu spritzen, für Pickel fühlen sie sich nicht zuständig - dabei muss es sich doch um eine bakterielle Infektion handeln. Von da ist es nicht mehr weit zu Blutvergiftung und Exitus!
Ich glaubte, mit dieser Meinung weitgehend alleine da zu stehen, bis zu einem Abend in Berlin vor ein paar Wochen. Ich ging aus mit einer Freundin, sie sagte mit verzweifeltem Blick. "Ich glaube, ich bekomme einen Pickel!" Sie befühlte ihr Kinn, wo eine sachte Rötung von der Größe eines Stecknadelkopfs zu sehen war. "Sieht man aber kaum", beruhigte ich. Sie aber schien tief getroffen. "Ich habe nie Pickel, selbst als Jugendliche hatte ich keine." Man muss dazu sagen, dass ihr Gesicht mal auf dem Cover der Vogue war, da gibt es nun mal keine Hautunreinheiten.
"...das war quasi eine zweite Nase!"
Die Freundin erzählte dann von den drei Pickeln ihres Lebens und ich muss sagen, dass ich das ein bisschen unverschämt fand. Aber sie fuhr fort. "Einer war besonders schlimm", sagt sie. "Ein Pickel von der Größe einer Fingerkuppe auf der rechten Wange - das war quasi eine zweite Nase!" Ich war mir sicher, dass sie übertrieb, aber ich rang mich zu einem mitleidvollen "Uhhh" durch.
"Es war schlimm, die Dates liefen schlechter als sonst und ich hatte Schmerzen", sagte sie. "Ich bin damit dann zum Arzt gegangen." "Und, hat er gelacht?", fragte ich. "Nein", sagte sie verwundert. "Er sagte: Gut, dass Sie gekommen sind!" "Das war wahrscheinlich ein Spezialhautarzt für Models", sagte ich. "Wir Normalbürger jedenfalls werden ausgelacht, wenn wir einem Arzt mit Pickeln kommen. Ist ja scheißegal, wie wir aussehen oder ob wir draufgehen!" Ich war ein bisschen in Rage geraten, weil ich eine Ungleichbehandlung witterte.
Bettina wollte das so nicht sehen. "So ein Quatsch, bei mir war es eben schlimmer!" sagte sie. "Der Arzt sagte: Jeder Pickel oberhalb der Oberlippe sei lebensgefährlich, weil er eine Blutvergiftung im Gehirn hervorrufen kann!" Die Alarmglocken in meinem Kopf begannen zu läuten - mein Pickel taucht ja auch immer in Mundnähe auf. Hatte meine Hautärztin trotz Gefahr für mein Leben nur mit den Achseln gezuckt?
Beim nächsten Termin sprach ich das Problem wieder an. Ich zeigte auf die Stelle unterhalb des Mundes. "Hier gibt es diesen Pickel, der immer wieder kommt " "Pickel?" Sie hob die Augenbrauen. "Okay, notfalls kann man da eine antibiotische Salbe drauf machen." Ich sagte: "Angenommen, der Pickel wäre jetzt hier " Ich zeigte neben die Nase. "Wäre das gefährlich?"
Sie nickt. "Ja, dann gibt es die Gefahr, dass in den Gefäßen, die zum Gehirn führen, eine Thrombose entsteht. An einem Pickel, der dort ist, sollte man nicht rum drücken, damit sollte man lieber zum Fachmann gehen."
Thrombose? Das verstand ich zwar nicht, weil ich eigentlich eine Blutvergiftung befürchtete, aber die Hautärztin war schon in der Tür. "Also in dem Fall, dass ein Pickel oberhalb des Mundes auftaucht, komme ich zu Ihnen!", rief ich. Sie lächelte und winkte mir zu. "Genau!" Das war doch alles, was ich hören wollte.
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