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Ein rätselhafter Patient: Nur Heavy Metal im Kopf

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Röntgenaufnahme des Kopfes: Die grünen Pfeile weisen auf die kritische Stelle hin Zur Großansicht
Hannover Medical School

Röntgenaufnahme des Kopfes: Die grünen Pfeile weisen auf die kritische Stelle hin

Die Kopfschmerzen eines 50-Jährigen werden immer stärker. Hannoveraner Ärzte sind alarmiert: Steckt ein Tumor dahinter? Oder ist es doch die Headbanging-Leidenschaft des Motörhead-Fans.

Nie hatte der Mann Kopfschmerzen, bis vor zwei Wochen. Dann begann das schmerzhafte Druckgefühl in seinem Kopf - es war ständig da und wurde immer stärker. Als der 50-Jährige seine Beschwerden den Neurochirurgen in der Notaufnahme der Medizinischen Hochschule Hannover berichtet, sind die Ärzte alarmiert.

In den allermeisten Fällen gehen starke Kopfschmerzen auf eine Migräne zurück, vor allem dann, wenn Patienten in der Vergangenheit schon unter ähnlichen Beschwerden gelitten haben und es zu typischen Begleiterscheinungen wie Licht- und Lärmempfindlichkeit kommt. "Treten die Beschwerden jedoch erstmalig auf und nehmen mit der Zeit deutlich an Intensität zu, kann unter anderem ein Tumor oder eine Blutung dahinterstecken", sagt Ariyan Pirayesh, Neurochirurg an der Medizinischen Hochschule Hannover, der den Patienten zusammen mit Kollegen betreut hat.

Ursache für eine Blutung ist häufig ein Schädeltrauma. Die Ärzte beginnen, bei dem 50-Jährigen nach Hinweisen zu suchen: Gab es in jüngster Zeit eine Kopfverletzung? Ist er womöglich auf den Kopf gefallen? Oder hat er sich irgendwo den Kopf gestoßen?

Härteste Rock'n'Roll-Band der Welt

Der Patient verneint alles. Das einzige, wovon er den Medizinern bei einem ausführlichen Interview berichtet, ist der Besuch eines Motörhead-Konzerts vor vier Wochen. Auf Nachfrage bestätigt der von Kopfschmerzen Geplagte dann auch: Klar, bei der härtesten Rock'n'Roll-Band der Welt, so der Ruf von Motörhead, da habe er natürlich ordentlich Headbanging betrieben. Dabei stößt man zwar mit niemandem zusammen, doch man bewegt den Kopf im Rhythmus der Musik heftig auf und ab, sodass die langen Haare nur so fliegen. Die Ärzte bleiben skeptisch. Kann das wirklich zu derart lang anhaltenden Kopfschmerzen geführt haben?

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Bei einer Schädelaufnahme mittels Computertomografie zeigt sich schließlich die Ursache der Beschwerden: eine chronische Subduralblutung. Auf der rechten Seite des Kopfes hat sich Blut in einem Zwischenraum zwischen harter Hirnhaut und Hirnoberfläche angesammelt und drückt auf das Gehirn. Die Neurochirurgen bohren ein Loch in den Schädel und lassen das Blut ablaufen. Die Operation verläuft gut und erlöst den Patienten sofort von seinen Kopfschmerzen.

Sechs Tage lang bleibt eine Drainage in seinem Schädel, eine Art Schlauch, über den Restblut aus dem Schädel abfließt. Als keine Flüssigkeit mehr abläuft, ziehen die Ärzte die Drainage, nach ein paar Tagen entlassen sie den Patienten nach Hause. "Zu diesem Zeitpunkt hielten wir es für wahrscheinlich, dass die chronische Blutung vom Headbangen gekommen war, aber wir waren uns nicht sicher", sagt der behandelnde Neurochirurg Pirayesh, der den Fall zusammen mit dem Direktor der Neurochirurgie in Hannover Joachim Krauss in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Lancet" veröffentlicht hat.

Das fehlende Puzzleteil

Erst als der Patient zwei Monate später zur Nachkontrolle kommt, ergibt sich aus einer erneuten Computertomografie das fehlende Puzzleteil: Der Mann hatte eine sogenannte Arachnoidalzyste, einen gutartigen Hohlraum mit Hirnwasser, der normalerweise ein Leben lang keine Probleme bereitet. "Man kann nicht sicher sagen, wie viele Menschen solch eine Zyste haben, weil sie für gewöhnlich gar nicht symptomatisch wird", sagt Pirayesh. Bei dem Mann jedoch war die Zyste mit großer Sicherheit durch die heftigen Kopfbewegungen eingerissen und hatte zum Bluterguss geführt - so erklären es sich die Ärzte.

Der Fall war der vierte weltweit, bei dem Mediziner ein Subduralhämatom nach Headbangen diagnostiziert haben. Die ersten drei Hämatome waren innerhalb von Stunden oder Tagen nach dem Headbangen aufgetreten, nun konnten Pirayesh und Krauss das erste chronische Subduralhämatom als Headbanging-Folge nachweisen. Subduralhämatome sind allerdings nicht die einzigen Probleme, die nach dem speziellen Tanzstil diagnostiziert wurden, der oft zu einer Musik mit 200 Beats pro Minute und damit ziemlich rasant abläuft.

Bitte anklicken: Aufnahme A zeigt die Computertomografie des Schädels vor der Operation, rechts zeigen die drei Pfeile an, wie weit das Subduralhämatom sich von der Schädelwand aus ausgedehnt hat und auf das Gehirn drückt. Aufnahme B zeigt rechts das Gehirn, bei dem das Hämatom komplett verschwunden ist. Das Sternchen links markiert die Arachnoidalzyste, die zuvor wegen des Hämatoms nicht erkennbar war. Zur Großansicht
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Bitte anklicken: Aufnahme A zeigt die Computertomografie des Schädels vor der Operation, rechts zeigen die drei Pfeile an, wie weit das Subduralhämatom sich von der Schädelwand aus ausgedehnt hat und auf das Gehirn drückt. Aufnahme B zeigt rechts das Gehirn, bei dem das Hämatom komplett verschwunden ist. Das Sternchen links markiert die Arachnoidalzyste, die zuvor wegen des Hämatoms nicht erkennbar war.

Ärzte berichteten vereinzelt bereits von Aufspaltungen der Wände von Hirnarterien (Dissektionen), Luftansammlungen (Emphyseme) und Schleudertraumata. Ist Headbangen also gefährlich, weit gefährlicher, als man bisher annahm? Pirayesh lacht. Keine Sorge, sagt er, das seien alles wirkliche Kolibris, Einzelfälle. Das Risiko sei minimal, und man wolle niemandem die Freude am Headbangen vermiesen. Für ihn sei der Fall einfach interessant und originell gewesen. Und er hofft, dass Kollegen, die davon erfahren, mehr sensibilisiert werden für die seltenen, aber möglichen Folgen von Headbanging.

Der Patient war beim Kontrolltermin übrigens wieder völlig beschwerdefrei und gesund. "Wenn man so will", sagt Pirayesh, "ist er ein weiterer Beweis, dass Motörhead den Ruf als härteste Rock'n'Roll-Band wirklich verdient hat!"

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1.
ohjeee 04.07.2014
Zitat von sysopHannover Medical SchoolDie Kopfschmerzen eines 50-Jährigen werden immer stärker. Hannoveraner Ärzte sind alarmiert: Steckt ein Tumor dahinter? Oder ist es doch die Headbanging-Leidenschaft des Motörhead-Fans. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/headbangig-hirnblutung-durch-motoerhead-a-979029.html
Bei SpiegelOnline lernt man offensichtlich nie aus... Motörhead ist nicht die "härteste Rock'n'Roll Band der Welt" sondern einfach nur die "lauteste Band der Welt".
2. Auch Falsch
meursault242 04.07.2014
Den Titel der "lautesten Band der Welt" beanspruchen traditionell Manowar für sich. Dies wurde in den 80ern sogar mit einem Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde Amtlich. Motörhead sind wahrscheinlich die coolste Band der Welt.
3. voreilig
freddykruger, 04.07.2014
bevor hier voreilig schlüsse gezogen werden wer der Patient ist. Ich war es nicht.
4. Grusel
staubtuch 04.07.2014
Diese "Musik" fand ich schon immer gruselig. Wie gut, dass ich vor solchen merkwürdigen Erkrankungen gefeit bin.
5.
ohjeee 04.07.2014
Zitat von meursault242Den Titel der "lautesten Band der Welt" beanspruchen traditionell Manowar für sich. Dies wurde in den 80ern sogar mit einem Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde Amtlich. Motörhead sind wahrscheinlich die coolste Band der Welt.
das stimmt so auch nicht ;-) "traditionell", bzw. über viele Jahre hinweg galt tatsächlich Motörhead als lauteste Band der Welt (seit 1986) mit anscheinend 130dB, bis Manowar dann eben 1994 den "offiziellen" Rekord von 129,5 dB aufgestellt haben. Der aktuelle Manowar-Rekord (139 dB, allerdings "nur" beim Soundcheck) steht seit 2008. Bei einem Motörhead-Konzert sollen allerdings schon 141dB *während* einem Konzert gemessen worden sein. Allerdings nicht unter "Guiness-Voraussetzungen". Ist ja eigentlich auch egal.
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Zum Autor
  • Christian Heinrich
    Christian Heinrich ging nach seinem Medizinstudium auf die Deutsche Journalistenschule. Seit 2010 arbeitet er als freier Journalist in Hamburg. Neben Gesundheits- und Wissenschaftsthemen schreibt er auch über Wirtschaft und Gesellschaft, Reise und Bildung.
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