Heilmittelreport Viele Erkrankte versäumen nützliche Therapien

Schmerzt der Rücken, erhalten Patienten schnell ein Rezept für eine Physiotherapie. Diabetiker hingegen verpassen oft wichtige Behandlungen, zeigt eine aktueller Report der Barmer GEK. Er kritisiert auch, dass Medizinprodukte wie Herzschrittmacher kaum reguliert sind.

Volkskrankheit Rückenschmerzen: Physiotherapie soll helfen
DPA

Volkskrankheit Rückenschmerzen: Physiotherapie soll helfen


Abgenutzte Bandscheiben, eine krumme, rotierte oder blockierte Wirbelsäule oder Arthrose - mit den Krankenakten deutscher Rücken ließen sich Bibliotheken füllen. Fast jeder fünfte Versicherte der Barmer-Krankenkasse hat 2012 mindestens ein Rezept für eine Physiotherapie bekommen, bei knapp der Hälfte der Betroffenen war die Wirbelsäule Anlass der Beschwerden. Zu diesem Ergebnis kommt der Heil- und Hilfsmittelreport 2013, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Forscher der Universität Bremen hatten im Auftrag der Barmer GEK die Daten von mehr als 9,1 Millionen Menschen ausgewertet, die 2012 mindestens einen Tag lang bei der Krankenkasse versichert waren. Ihre Ergebnisse ordneten die Forscher mit Hilfe aktueller wissenschaftlicher Literatur ein und rechneten sie zum Teil auf die deutsche Bevölkerung hoch. Dabei zeigte sich, dass längst nicht bei allen Heil- und Hilfsmitteln die Versorgung so gut ausfällt wie bei der Physiotherapie.


DEFINITION HEIL- UND HILFSMITTEL

Unter Heilmittel fallen neben der Physiotherapie Leistungen wie Ergotherapien, die Logopädie oder die Podologie (medizinische Fußpflege); unter dem Begriff Hilfsmittel werden neben Rollstühlen oder Sehhilfen auch Medizinprodukte wie Herzschrittmacher oder eine künstliche Hüfte zusammengefasst.


Bei Diabetikern etwa kann eine medizinische Fußpflege mitunter eine Amputation verhindern. Ohne die Pflege würden Verletzungen an Zehen und Füßen oftmals übersehen und könnten sich zu schlecht heilenden Wunden entwickeln, heißt es in dem Bericht. Podologen könnten die richtige Therapie und Pflege einleiten. Trotzdem nutzten im Jahr 2011 von 871.000 Versicherten, die aufgrund ihres Diabetes einen Anspruch auf eine medizinische Fußpflege gehabt hätten, nur 72.488 das Angebot. Dies entspricht einer bundesweiten Versorgungsrate von 7,7 Prozent.

Physiotherapie: Bremen schlechter, Sachsen gut versorgt

Besonders schlecht schnitt das Saarland ab. Dort erhielten nur 5,5 Prozent der Diabetiker mit neurologischen, vaskulären oder mehreren Komplikationen ein Rezept für eine podologische Behandlung. Spitzenreiter war Niedersachsen mit immerhin 11,4 Prozent.

Zum Vergleich: Bei der Physiotherapie hatten 2011 insgesamt 2,2 Millionen der Barmer-Versicherten aufgrund von Osteoporose, Bandscheibenschäden oder anderen Erkrankungen Anspruch auf eine Behandlung. Davon erhielten 79 Prozent ein Rezept - ein fast zehnmal höherer Anteil als bei der Podologie. Aber auch hier schwankte die Versorgung zwischen den Regionen deutlich. In Bremen und dem Saarland erhielten nicht einmal 60 Prozent der Betroffenen ein Rezept, in Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt hingegen waren es mehr als 90 Prozent. "Allein medizinische Erklärungen reichen für solche Unterschiede nicht aus"; schreibt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker in einem Statement. "Hier spielen sicherlich auch noch regionale Verordnungstraditionen eine Rolle."

Fotostrecke

4  Bilder
Hörgeräte, Physiotherapie, Logopädie: Grafiken zum Heilmittelreport
Ebenfalls untervorsorgt sind viele Patienten mit einer chronischen Atemwegserkrankung (COPD). COPD gehört zu den fünf häufigsten Todesursachen in Deutschland, die Betroffenen leiden unter einer erheblichen körperlichen und psychischen Belastung. Dennoch erhält nur etwa ein Drittel physiotherapeutische Hilfe. "Vor allem Männer mit COPD sollten vermehrt durch aktivierende Interventionen gefördert werden", heißt es in dem Report der Krankenkasse. Ließen sich durch Heilmittel medikamentöse Therapien einschränken oder gar Operationen verhindern, würde dies nicht nur ein Vorteil für die Patienten bedeuten. Auch die Kassen könnten mitunter Kosten sparen.

Medizinprodukte von der Politik vernachlässigt

Grundsätzlich zählen Heil- und Hilfsmittel für immer mehr Deutsche zum Alltag. Mit rund 11,5 Milliarden Euro bilden sie laut Barmer-Report den viertgrößten Ausgabeblock der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Von 2007 bis 2012 sind die Ausgaben für Heilmittel um 27,6 Prozent gestiegen, bei Hilfsmitteln betrug der Anstieg 17 Prozent. "Alter und technischer Fortschritt treiben den Bedarf in die Höhe", sagt Schlenker. "Trotzdem wird der Heil- und Hilfsmittelbereich total unterschätzt."

Besonders stark kritisiert der Report den Umgang der Politik und Gesetzgebung mit Hilfsmitteln. Obwohl diese im täglichen Leben Hunderttausender fest verankert sind, existierten zu den meisten kaum wissenschaftliche Daten, heißt es in dem Report. So gebrauchen beispielsweise mehr als 270.000 Menschen sogenannte Adaptionshilfen wie Anzieh-, Greif- oder Lesehilfen, die ihnen den Alltag erleichtern. Trotz der großen Verbreitung mangele es an aber Studien zur Qualität der Produkte und der Versorgung, schreiben die Autoren.

Knackpunkt sei vor allem eine kaum regulierte Zulassung: Während Arzneimittel erst nach einem komplexen Verfahren auf den Markt gelangen, reicht bei einem Großteil der Medizinprodukte eine Selbsterklärung der Hersteller. Darin versichern diese in der Regel, dass das Produkt aus technischer Sicht einwandfrei funktioniert. Nicht notwendig ist hingegen nachzuweisen, dass das Produkt dem Patienten bei seinem Krankheitsbild auch auf lange Sicht nutzt.

"Dieser Zustand ist unhaltbar, zumal der Markt der Medizinprodukte und Hilfsmittel deutlich wächst", schreibt das Forscherteam um Gerd Glaeske. Dadurch werde der Markt für Hersteller und Anbieter immer lukrativer. Auch Schlenker fordert im Namen der gesetzlichen Krankenversicherung ein einheitliches, zentralisiertes Zulassungsverfahren für risikoreiche Medizinprodukte, bei dem der Nutzen der Produkte streng bewertet wird. Denn: "Maßstab für eine angemessene Versorgung ist der Patientennutzen", so Schlenker. Und gerade über diesen lässt sich momentan häufig kaum etwas sagen.

irb

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dig 18.09.2013
1. das bezweifele ich
Zitat von sysopDPASchmerzt der Rücken, erhalten Patienten schnell ein Rezept für eine Physiotherapie. Diabetiker hingegen verpassen oft wichtige Behandlungen, zeigt eine aktueller Report der Barmer GEK. Er kritisiert auch, dass Medizinprodukte wie Herzschrittmacher kaum reguliert sind. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/heil-und-hilfsmittelreport-viele-erkrankte-verpassen-behandlungen-a-922594.html
Meine Frau ist Physiotherapeutin. Etwa 50 % der dringenden "Fälle" erhalten kein Rezept. Die Ärzte wollen lieber operieren.
dig 18.09.2013
2. das bezweifele ich
Zitat von sysopDPASchmerzt der Rücken, erhalten Patienten schnell ein Rezept für eine Physiotherapie. Diabetiker hingegen verpassen oft wichtige Behandlungen, zeigt eine aktueller Report der Barmer GEK. Er kritisiert auch, dass Medizinprodukte wie Herzschrittmacher kaum reguliert sind. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/heil-und-hilfsmittelreport-viele-erkrankte-verpassen-behandlungen-a-922594.html
Meine Frau ist Physiotherapeutin. Etwa 50 % der dringenden "Fälle" erhalten kein Rezept. Die Ärzte wollen lieber operieren.
MediTomSin 18.09.2013
3.
Zitat von digMeine Frau ist Physiotherapeutin. Etwa 50 % der dringenden "Fälle" erhalten kein Rezept. Die Ärzte wollen lieber operieren.
Ja, wenn Sie das bezweifeln, weil Ihre Frau Physiotherapeutin ist und das auch ganz genau an einer Quote von 50% festmachen können... dann sollten wir natürlich einer mit Zahlen unterlegten Analyse keinen glauben schenken. Da haben Sie schon vollkommen Recht.. Übrigens dürften die meisten Rezepte von nicht operativ tätigen Ärzten ausgestellt werden (und Hilfsmittel betrifft wie im Artikel erwähnt dtl mehr als nur Physiotherapie)
leser-fan 18.09.2013
4. Das Drama ist m.E. ein anderes
Dass wir so massive Rückenprobleme haben, überwiegend selbst zu verantworten. Phydiotherapie kann nichts gegen falsche Lebensweise tun. Diabetiker Typ 2 schlucken Pillen, anstatt sich mit entsprechender Ernährung selbst zu heilen. Dass das möglich ist, inzwischen wiss. bewiesen. Die Folgeerkrankungen sund dramatisch, die Uneinsichtigkeit auch und so wird abkassiert von allen Seiten ..und das Leiden bleibt. Schafft eure Autos und Kühlschränke sowie Fernseher ab und ihr braucht die Weißkittel höchstens bei Knochenbrüchen.
areyoushure? 18.09.2013
5. Hintergrund
dieser Veröffentlichung der BEK würde mich mal interessieren. Sollte eine Kasse Interesse daran haben, mehr Geld auszugeben? Die Ärzte werden mit Regelfallverordnungen, Regressandrohungen für Heil- und Hilfsmitteln überzogen. Auslöser sind immer die Kassen, allen voran die AOK. Und jetzt dieses? Zudem empfinde ich es als grotesk, dass kein Wort zu Verantwortung etc. derVersicherten kommt. COPD ist in extrem vielen Fällen rein ursächlich im Zusammenhang mit Qualmen zu sehen. Diese netten Zeitgenossen rauchen auch noch gerne trotz massiver Beschwerden weiter. Dann auf Kasse Physio? Derlei Probleme gibt es bei vielen Erkrankungen. Sind für die Reparatur jetzt immer die Kassen und die Allgemeinheit zuständig?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.