Heilbronner Skandalarzt: Kliniker fordern schärfere Überprüfungen

Ein niederländischer Arzt soll jahrelang Dutzende Patienten falsch behandelt haben - trotzdem arbeitete er unter anderem in einer Heilbronner Klinik. Jetzt fordern Mediziner Konsequenzen aus dem Skandal. Die Ärzte-Organisation Marburger Bund plädiert für ein Frühwarnsystem. Andere halten das für Unsinn.

Arzt mit Stethoskop: Wie kann man schwarze Schafe besser erkennen? Zur Großansicht
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Arzt mit Stethoskop: Wie kann man schwarze Schafe besser erkennen?

Berlin - Im Bauch eines Patienten vergaßen die Mediziner im niedersächsischen Leer ein 35 mal 40 Zentimeter großes Tuch. Elf Monate später starb der 67-Jährige qualvoll an den Folgen. Der verantwortliche Arzt, ein Niederländer, wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Dann wechselte der Mediziner zurück in seine Heimat, wo mehrere Menschen bei Magenoperationen starben. Später praktizierte er im Sauerland wieder. Der Fall flog im vergangenen Februar auf. Jetzt macht auch ein niederländischer Skandalarzt in Heilbronn von sich reden: Auch er soll jahrelang Dutzende Patienten falsch behandelt haben - und arbeitete trotzdem in mehreren deutschen Kliniken.

Warum scheinen die Behörden gegenüber solchen gefährlichen Ärzten blind?

In beiden Fällen hatten sich die Mediziner wohl aus dem niederländischen Ärzteregister streichen lassen. Gegen den in Heilbronn geschassten Doktor läuft einer der größten Medizinprozesse der Geschichte der Niederlande. 21 Straftaten legen die Ermittler dem 67-Jährigen zur Last - darunter Körperverletzung mit Todesfolge.

Der Mann durfte in Deutschland weitermachen, nachdem er sich 2006 aus dem Register in seiner Heimat streichen ließ. Noch am 13. Dezember 2005 ging sein Facharzt-Diplom bei der Ärztekammer Westfalen-Lippe ein. Nach einigen weiteren Schriftwechseln mit einer Sozietät bekam er auch die Anerkennung als Neurologe.

"Informationsaustausch noch sehr unterentwickelt"

Ein Mann, der beide Fällen kennt, ist der Europaabgeordnete, Gesundheitspolitiker und Arzt Peter Liese. Beide Skandal-Mediziner arbeiteten in seinem Wahlkreis. Bereits im Februar forderte Liese mehr grenzüberschreitende Informationen über Ärzte zum Schutz von Patienten. Jetzt setzt er sich erneut dafür ein.

Der CDU-Politiker betont, das Europaparlament habe bereits Ende des Jahres einem Kommissionsvorschlag über einen neues Frühwarnsystem zugestimmt. Auch Rudolf Henke, der Chef der Ärzteorganisation Marburger Bund, sagt: "Bisher ist der Informationsaustausch zwischen den europäischen Mitgliedsstaaten und auch zwischen den Behörden im Inland noch sehr unterentwickelt." Er forderte die rasche Umsetzung des entsprechenden Vorschlags der EU-Kommission: Die EU-Staaten sollen andere Staaten vorwarnen, wenn ein auffällig gewordener Arzt die Zulassung in einem Land verliert.

Es müsse verhindert werden, dass Patienten von berufsunwürdigen Ärzten geschädigt würden, sagte Henke. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz bezeichnete diese Forderung jedoch postwendend als Unsinn. Derweil haben an der Heilbronner Klink am Gesundbrunnen externe Experten mit der Aufklärungsarbeit begonnen. Erste Ergebnisse sollen in etwa zwei Wochen vorliegen.

Beim Marburger Bund hieß es, es dürfe nicht sein, dass die Krankenhäuser erst über eine Google-Recherche von der Vorgeschichte eines niederländischen Arztes erführen. "Die Landesministerien und Approbationsbehörden müssen in der Lage sein, zuverlässig Auskunft über problematische Fälle zu geben", sagte Henke. "Deshalb brauchen wir eine Zusammenführung von Daten an einer zentralen Stelle."

Das Problem im deutschen Gesundheitswesen: Ohne ausländische Ärzte kommen vor allem die ländlichen Kliniken längst nicht mehr aus. Die Zahl der gemeldeten ausländischen Mediziner ist laut Bundesärztekammer vergangenes Jahr um 3039 auf 28.355 gestiegen. Bisher sorgten sie vor allem wegen als zu gering kritisierter Sprachkenntnisse für Schlagzeilen. An der Qualifikation der ausländischen Ärzte hat etwa der Verband der Krankenhausdirektoren generell nichts auszusetzen - doch wie kann man schwarze Schafe besser erkennen?

Honorarärzte wollen sich nicht an den Pranger stellen lassen

Immer mehr Ärzte arbeiten nicht mehr jahrelang in einer Klinik oder an einer Praxis und haben dort entsprechend einen Ruf zu verlieren. Stattdessen ziehen sie fast wie die mittelalterlichen Wanderärzte von Einsatzort zu Einsatzort. Doch die Honorarärzte wollen sich nicht an den Pranger stellen lassen. Gerade ihr Bundesverband mahnt immer wieder an, dass die ärztlichen Approbationen und Zeugnisse überprüfbar sein müssten. Die 17 zuständigen Landesärztekammern in Deutschland seien aber nicht in der Lage zu ausreichender Kommunikation, so der Verband.

Die Forderungen nach einem Frühwarnsystem treffen bei Patientenschützern auf wenig Gegenliebe: "Jeden Tag werden Ärzte beschuldigt, einen Kunstfehler begangen zu haben. Niemand wird allen Ernstes erwarten, dass all diese Fälle in einer schwarzen Liste aufgeführt werden", sagte der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Bisher werde zwar für die Opfer des niederländischen Mediziners in seiner Heimat Schadensersatz gezahlt, es gebe aber selbst dort keine Urteile. "Ohne strafrechtliche Verurteilung oder Entzug der Approbation von der zuständigen Ärztekammer kann weder in Deutschland noch in Europa ein Mediziner in eine solche Liste aufgenommen werden."

Allerdings wird die Approbation nicht von den Ärztekammern entzogen. Zuständig hierfür sind die jeweiligen Behörden der einzelnen Bundesländer. Im Bundeszentralregister soll der Entzug einer Approbation zentral erfasst werden.

Doch dann gibt es auch immer wieder Fälle, in denen es Möchtegern-Ärzte mit krimineller Energie in die Patientenerversorgung schaffen: So wurde im Herbst bekannt, dass ein falscher Arzt ohne gültiges Diplom jahrelang auch in Marburg und in Magdeburg gearbeitet haben soll.

Schlagzeilen aus den Vorjahren: "Arzt nach fünf Jahren Arbeit ohne Approbation vor Landgericht Coburg", "Falscher Arzt arbeitete jahrelang in Drogentherapie in Kelkheim", "Friseur praktiziert fast 20 Jahre als Arzt in Bayern". Gegen solche Gefahren für Patienten hilft auch ein Informationssystem über entzogene Zulassungen wohl wenig.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hatte die Anmerkung gefehlt, dass die Ärztekammern eine Approbation nicht entziehen können, so wie von Eugen Brysch behauptet. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

cib/dpa

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1. Die
forumgehts? 09.01.2013
Zitat von sysopEin niederländischer Arzt soll jahrelang Dutzende Patienten falsch behandelt haben - trotzdem arbeitete er unter anderem in einer Heilbronner Klinik. Jetzt fordern Mediziner Konsequenzen aus dem Skandal. Die Ärzte-Organisation Marburger Bund plädiert für ein Frühwarnsystem. Andere halten das für Unsinn. Heilbronner Skandalarzt: Kliniker fordern schärfere Überprüfungen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/heilbronner-skandalarzt-kliniker-fordern-schaerfere-ueberpruefungen-a-876617.html)
Tomaten reichen den Holländern wohl nicht als Rache für WK2, jetzt schicken sie uns auch noch ihre Killerärzte! Unter diesen Umständen bin ich selbstverständlich bereit, für die Verteidigung des Vaterlandes Opfer zu bringen und plädiere für eine Autobahnvignette wie in der Schweiz!
2. probleme haben viele Gründe
medix76 09.01.2013
Die Probleme mit der Medizinischen Behandlungssicherheit sind sehr vielgruendig. Antiquierte Arbeitsstaetten, mittelalterliche Hierarchien, Überlastung, mindere Bezahlung. Ich denke auch in der Ausbildung ist manches zu überdenken. Jahrelanges Bücher pauken ohne dass kaum je ein Patient gesehen wird. Die Lufthansa laesst ihre Pilotenanwaerter nicht 6-7 Jahre Bücher über ihre Flugzeuge deren Steuerung und alle möglichen Zwischenfälle auswendig lernen (um sie dann womöglich noch einem tyrannischen Kapitaen vorzusetzen.
3. Verschiedene Maße und Verantwortungslosigkeit
christiewarwel 09.01.2013
Wenn Sie das Schneeschippen auf dem Gehweg vor Ihrem Haus vergessen und jemand rutscht aus und verletzt sich, haben Sie ein Problem. Wenn Ihr Arzt sein Werkzeug in Ihnen vergißt, haben Sie's auch. Haben Sie mal versucht, einen Arzt für Fehler zur Verantwortung zu ziehen? Wenn ja, wissen Sie wo der Fehler im System liegt. Eine Krähe hackt der anderen bekanntlich kein Auge aus.
4.
Pete259 09.01.2013
Wieso sollen sich Honorarärzte auch and en Pranger stellen lassen? Weil sie lieber als Freiberufler arbeiten als mit Festanstellung? Das Modell ist sowohl von der Lebensqualität als auch finaziell sehr angenehm. Dazu kommt noch, dass man mit wesentlich mehr Höflichkeit behandelt wird-die Arbeitgeber/Chefs wissen dass der Honorararzt eben geht, wenn die Arbeitsbedingungen untragbar sind. Bei Fehlverhalten kommt die Klinik auf eine schwarze Liste und das war´s mit der Vertretung.
5. Ja, in der Tat..
jumpingjack2 09.01.2013
Zitat von medix76Die Probleme mit der Medizinischen Behandlungssicherheit sind sehr vielgruendig. Antiquierte Arbeitsstaetten, mittelalterliche Hierarchien, Überlastung, mindere Bezahlung. Ich denke auch in der Ausbildung ist manches zu überdenken. Jahrelanges Bücher pauken ohne dass kaum je ein Patient gesehen wird. Die Lufthansa laesst ihre Pilotenanwaerter nicht 6-7 Jahre Bücher über ihre Flugzeuge deren Steuerung und alle möglichen Zwischenfälle auswendig lernen (um sie dann womöglich noch einem tyrannischen Kapitaen vorzusetzen.
haben solche Probleme viele Gründe. Die Welt der Medizin ist dem Autor des oben stehenden Kommentars aber gnz offensichtlich vollkommen fremd. Trotzdem eine starke Meinung zu haben und in drei Sätzen mal eben alle Problem der Arztausbildung und der ärztlichen Tätigkeit zu lösen, beweist Mut. Man könnte auch sagen: hier kann jeder mitquatschen, so ist das in der Demokratie. Und morgen diskutieren wir über die Relativitättheorie im vierdimensionalen Raum.
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