Heilkräfte des Meeres: Die gute Brise

Von "natur"-Autor Jörg Zittlau

Strand auf Borkum: Das sogenannte Reizklima an der Küste ist gut für die Atemwege Zur Großansicht
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Strand auf Borkum: Das sogenannte Reizklima an der Küste ist gut für die Atemwege

Asthmageplagte lässt sie aufatmen, sie tut Allergikern gut und entlastet Rheumakranke, ihr Rauschen beruhigt uns alle: Die See hat eine enorme Heilkraft. Wer von ihr profitieren möchte, kann spezielle Thalasso-Zentren besuchen - oder einfach an der Küste entlangspazieren.

Catherine Deneuve schwört drauf. Caroline von Monaco auch. Gerard Depardieu ebenso. Viele Prominente hoffen, mit mineralhaltigem Algenbrei, Schlammpackungen und Meerwassersprudelbädern die sichtbaren Zeichen des Alterns zu verwischen. Solche Anti-Aging-Effekte der Thalassotherapie sind wissenschaftlich allerdings nicht erwiesen. Dafür jedoch zahlreiche andere. Weshalb die Meerwasserheilkunde in der Medizin wieder zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Noch immer ist Frankreich die traditionelle Hochburg der Meerwasserheilkunde. Als der französische Arzt Joseph de la Bonnardière 1867 den Begriff "Thalassotherapie" prägte, bezog er sich vermutlich auch auf die Erfahrung der alten Griechen (aus dem Griechischen Thalassa = Meer). "Das Meer wäscht alles Übel vom Menschen ab", sagte etwa Euripides, und auch sein griechischer Landsmann Hippokrates hielt Meerwasser für ein wertvolles Heilmittel. Beispielsweise, um Wunden möglichst ohne Infektionen zum Abheilen zu bringen.

Solche Indikationen werden freilich heute, in Zeiten von Antibiotika und Desinfektionsmitteln, eher selten empfohlen. Dass Kuren am Meer der Gesundheit zuträglich sind und bei zahlreichen Beschwerden Linderung verschaffen, erkennen aber heute sogar die Kassen an. Auch in Deutschland findet man mittlerweile viele Thalasso-Zentren. Wobei sich einige der gesundheitsfördernden Effekte auch ohne teure Kur einfach durch einen Aufenthalt am Meer einstellen.

Tief durchatmen: Auf den Nordseeinseln gibt es kaum Pollen

Wer etwa unter Heuschnupfen oder Asthma leidet, profitiert von der guten Meeresbrise. Denn die Seeluft besticht durch ihre besondere Reinheit, problematische Pollen und Smogbelastungen kommen auf Norderney und Sylt deutlich seltener vor als etwa im Ruhrgebiet. Außerdem herrscht an den Küsten infolge der Brandung das viel gerühmte Reizklima: Aerosole, winzige Teilchen aus Jod und Salz, regen, sobald sie in die Atemwege gelangen, den Schleimabtransport an - eine Wohltat bei chronischem Husten.

"Anfängliche Hustenanfälle werden schon bald durch eine umfassende Erweiterung der Bronchien abgelöst", sagt Umweltmedizinerin Angela Schuh von der Ludwig- Maximilians-Universität in München. Das eingeatmete Salz fördert obendrein die Durchblutung und Anfeuchtung der Schleimhäute. Dadurch können, wie Stefan Berghem von der Ostseestrand-Klinik in Kölpingsee, einem anerkannten Thalassozentrum, erklärt, "Atemwegserkrankungen positiv beeinflusst und gelindert werden".

Prinzipiell sei der Aufenthalt am Meer wie eine "Dauerinhalation", bei der fortwährend der Schleimtransport in den Atemwegen verbessert wird. Schon deshalb sollte man von Thalassotherapien, die fernab von jeder Küste Wellenbäder und Packungen mit gefriergetrockneten Algen und pulverisiertem Ozeanschlick anbieten, lieber Abstand nehmen.

Vom Bad in den Wellen profitiert die Haut

Gerade das Reizklima hat in einer Studie an 118 Kindern, die sich mit unterschiedlichen Diagnosen einer sechswöchigen Kur auf Sylt unterzogen hatten, noch einen weiteren, bislang unerforschten Effekt gezeigt. So stieg bei den Sechs- bis Neunjährigen der Cortisolwert um 29 Prozent - und wenn ein Organismus genug eigenes Cortisol produziert, muss man ihm weniger Kortisonmedikamente verabreichen, damit er seine Entzündungen in den Griff bekommt.

Doch nicht nur die Seeluft, auch das Baden in den Wellen tut gut: Meerwasser wirkt desinfizierend und entzündungshemmend und lindert durch seine starken Auftriebskräfte auf den Körper den Druck auf die Knochen, was gerade Rheumapatienten als sehr angenehm empfinden. Zudem verstärkt es die Wirkung des Lichts. "Das liegt daran, dass es während des Bades im Meer zu einer verstärkten Auswaschung von Urocaninsäure aus der Haut kommt", erklärt Expertin Schuh.

Dieser Bestandteil des Schweißes wirkt wie ein UV-Filter, was konkret bedeutet, dass ein Bad im Meer einerseits die Sonnenbrandgefahr, andererseits aber auch die therapeutischen Möglichkeiten erhöht, die in den Sonnenstrahlen stecken. Die Kombination von Sonne und Meerbädern wirkt daher wie ein Kräftigungsmittel für Immunsystem und Knochen, weil sie die körpereigene Vitamin-D-Produktion anregt. Bei Hauterkrankungen wie Schuppenflechte und Weißfleckenkrankheit kann sie ebenfalls helfen, wobei Psoriasis-Patienten noch ein weiterer Effekt des Meerwasserbades zugute kommt: Es lässt die äußeren Hautschichten aufquellen, dadurch lösen sich Schuppen und Verhornungen ab.

Die Brandung: Hilfe für Tinnitus-Patienten

Manche halten auch das Trinken von Seewasser für gesund, weil es uns mit wichtigen Mineralstoffen versorge und ähnlich zusammengesetzt sei wie unser Blut. Doch diese These ist gewagt. Denn der Salzgehalt in den Ozeanen ist in der Regel deutlich höher als im Blut, weshalb so ein Ozeandrink vor allem eines macht: Durst. Nur die Ostsee enthält an vereinzelten Küsten ähnlich wenig Salz wie Blut. Dort könnte man also Meerwasser trinken, ohne durstig zu werden.

Immer wieder taucht auch die Theorie vom gesunden Entschlacken durch den Genuss von Meerwasser auf. "Nur gibt es im menschlichen Körper keine Ansammlung von Schlacken", sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Der Organismus sorge vielmehr dafür, dass nicht verwertbare Stoffwechselprodukte fortwährend über Haut, Niere, Darm oder Lunge ausgeschieden werden - wäre das nicht so, wäre Homo sapiens schon längst ausgestorben.

Unstrittig dagegen ist, dass das Meer auch akustisch einiges zu bieten hat. Gerade die Brandungsgeräusche sorgen bei uns oft schon nach wenigen Minuten für eine tiefe Entspannung. Ob dies aus deren eigentümlicher Rhythmik und Gleichförmigkeit resultiert, oder aber daraus, dass wir uns innerlich tief mit dem Meer, dem Ursprung allen Lebens, verbunden fühlen, sei dahingestellt. Jedenfalls empfinden vor allem Tinnitus-Patienten die Meeresbrandung oft wie einen Segen, weil sie ihre akustische Aufmerksamkeit von dem Innenohrgetöse ablenkt. Wenn man sich vom Meer entfernt, ist dieser Effekt jedoch nach einer Weile wieder dahin.

Aber dies gilt ja auch für die anderen Thalasso-Effekte. Denn wie sagte schon ein weiterer Grieche, der Philosoph Heraklit: "Alles fließt." Und dieser Satz gilt natürlich auch für das Meer. Zugegeben, die Nordsee verwöhnt uns nicht immer mit ihren Temperaturen, doch man kann auch im Friesennerz Seeluft und Meeresrauschen genießen.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Die See ...
kunstdirektor 05.08.2012
... hat auch ohne Thalasso Heilkraft. Also an der Küste lang und verweilen.
2. Meerwasser
les2005 06.08.2012
Ich kann nur aus jahrelanger Windsuf-Erfahrung bestätigen, daß die -wenngleich unfreiwillige- Nasen/Rachenspülung mit Seewasser sehr ausgeprägt gegen Erkältungen hilft. Ich war immer anfällig dagegen und während 4 Jahren in England bin ich regelmäßig bei winterlichen Temperaturen, teilweise auch schon erkältet, surfen gegangen und habe mich nie erkältet - im Gegenteil haben sich bestehende Halsschmerzen/Erkältugen dadurch gebessert. Wenn ich richtig krank war, bin ich natürlich nicht ins Wasser. Seitdem schwöre ich auf Salzwasserspülungen bei Erkältung. Zwar nicht so effektiv wie echtes Seewasser, aber hilft auch und vor allem reizt es den Hals nicht zusätzlich wie so viele Medikamente.
3. Der Rhytmus des Ursprungs
Ursprung 07.08.2012
Zitat von sysopDPAAsthmageplagte lässt sie aufatmen, sie tut Allergikern gut und entlastet Rheumakranke, ihr Rauschen beruhigt uns alle: Die See hat eine enorme Heilkraft. Wer von ihr profitieren möchte, kann spezielle Thalasso-Zentren besuchen - oder einfach an der Küste entlangspazieren. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,847946,00.html
Es gibt nichts Erholsameres, als 3 bis 4 Wochen, ruhig auf einem langsameren, beschaulichen Segelboot richtig draussen auf See zu sein. Mindestens 3000 m vom naechsten Land weg (unterm Kiel), keinen Landfall machen, keinen Hafen anlaufen, auf sich und die See eingestellt bleiben, den Hilfsmotor abgestellt lassen und wenn man auch 24 Stunden ohne Wind im toten Seegang duempelt. Obwohl man sich hoechst ungesund ernaehrt (keine Wildpflanzen in Sicht, Tang zu salzig und meistens vergammelt) und keinesfalls stressfrei lebt an Bord, eher im Gegenteil. Das Wetter kann uebel sein, das Schiff bedarf Wartung, die ersten 3 Tage werden benoetigt, die Landgewohnheiten abzustreifen. Man kann seekrank werden, sich verletzen, kann nicht zum Arzt gehen. Selbst das kann erholsam sein. Eine Nagelbettentzuendung, die man sich noch an Land geholt hat, bekommt ein leere Konservendose voll Seewasser um die Manschette zusammengedrueckt, alle 2 Stunden in frisches Seewasser getauscht. Weg ist die Entzuendung, nach 2 Tagen. Es empfiehlt sich allerdings, zum Schlafen die Konservendose auszugiessen. Wenn man Glueck hatte, fing man sich mit den Lebensmittelkartons Kakerlaken ein und die gedeihen ebenfalls praechtig auf See. Das Immungsystem blelbt dann weiter angeregt. Ein Mitsegler auf einem Ueberfuehrungstoern hat sich mal buchstaeblich mal 3 Wochen lang wg. Seekrankheit ueber den Atlantik gekotzt. Aussteigen ging ja schlecht. Wir dachten, er wuerde nie wieder an Bord gehen. Er sagte aber hinterher, er hat sich noch nie so sauber gefuehlt wie nach diesen 3 Wochen und sich zum den naechsten Toern vormerken lassen. Normal im Leben sonst eher etepetete eingestellte Damen entdecken inteniver ihre Weiblichkeit spaetestens nach 10 Tagen, was Matrosen an Passageusen sehr zu schaetzen wissen. Die aeusseren Lebensumstaende auf einem Seetoern bieten sonst wenig Anhaltspunkte, woher bloss die Erholung stammen koennte. Sie ist aber da und zwar extrem gut. Es muss der Rhythmus sein, den die See uns aufdrueckt. Obwohl die See fuer Segler ziemlich furchterregend werden kann: wir kommen aber aus ihr. Da muss irgendwie die Erklaerung liegen. Ein Strandspaziergang an der See ist dagegen gesundheitlich ein Placebo, den erledigt man ohnehin vor und nach einem Seetoern. Segel setzen und alles hinter sich lassen. So ist es. Der Spruch wird Graf Luckner in den Mund geschoben.
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Kriterien für eine echte Thalassotherapie
- Die betreffende Einrichtung darf samt Hotel nicht weiter als 300 Meter von der Küste entfernt sein

- Für die Anwendungen wird frisches, unbehandeltes Meerwasser verwendet sowie Schlick, Algen, Kreide und Sand

- Zusätzliche Maßnahmen aus den Bereichen Entspannung, Ernährung und Sport

- Ärztliche Aufsicht sowie ein Team aus Physio- therapeuten und Sportlehrern