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Straßenverkehr: Der Fahrradhelm wird überschätzt

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Straßenverkehr: Ein Helm würde vor Kopfverletzungen schützen - aber nicht in jedem Fall Zur Großansicht
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Straßenverkehr: Ein Helm würde vor Kopfverletzungen schützen - aber nicht in jedem Fall

Handelt fahrlässig, wer ohne Kopfschutz radelt? Auf keinen Fall! Radfahren ohne Helm kann extrem sicher sein, wie der Blick nach Holland und Dänemark zeigt.

Um es gleich zu sagen: Ich fahre fast immer mit Helm durch die Stadt, denn ich bin ein gebranntes Kind. Vor fast 20 Jahren hatte ich einen heftigen Sturz, bei dem ich mit voller Wucht mit dem Kopf auf den Asphalt knallte. Bei sehr hohem Tempo war ich mit dem Lenker an einem Absperrband hängengeblieben. Der Helm war angebrochen, mein Schädel heil. Glück gehabt.

Trotz dieser Erfahrung würde ich niemanden dazu zwingen, einen Helm zu tragen, oder gar eine Helmpflicht fordern. Warum? Für die meisten Radfahrer ist das Risiko, einen schweren Unfall zu erleiden, sehr gering. Auch gesamtwirtschaftlich gesehen rechnet sich eine Helmpflicht nicht, wie eine aktuelle Studie der Universität Münster ergeben hat. In absoluten Zahlen gesehen leben Fußgänger gefährlicher als Radfahrer: 2012 starben 406 Radfahrer auf Deutschlands Straßen und 520 Fußgänger.

Beide Gruppen sind bei Kollisionen mit Autos ähnlich schlecht geschützt. Trotzdem käme niemand auf die Idee, beim Gang zum Bäcker einen Helm aufzusetzen, nur weil er beim Überqueren der Straße überfahren werden könnte. Ob ein Auto mit 30 oder 40 Stundenkilometern einen Radler oder einen Fußgänger erfasst, macht für das Unfallopfer keinen allzu großen Unterschied. Mögliche Verletzungen am Kopf können tödlich sein.

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Dieses Risiko gehen wir zu Fuß jeden Tag ein - auf dem Fahrrad ohne Helm bereitet es uns Unbehagen.

Auch die Schutzwirkung des Helms wird immer wieder überschätzt. Bei den allermeisten leichteren Unfällen, auch das belegen Statistiken, bekommt der Kopf glücklicherweise nichts ab. Und auch bei schwereren Unfällen nützt der Helm nur bedingt: Wer von einem rechtsabbiegenden Lkw überrollt wird, hat trotz Kopfschutz kaum eine Chance. Bei Stürzen auf den Kopf senkt ein Helm nicht zwingend das Verletzungsrisiko. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit dafür ist, darüber streiten sich Mediziner.

Wer sich um seine Sicherheit als Radfahrer im Straßenverkehr sorgt, sollte umsichtig sein, statt sich auf die Styroporhaube zu verlassen. Wie schnell fahre ich? Husche ich knapp an parkenden Autos vorbei, obwohl jederzeit eine Tür aufgehen kann? Fahre ich mit Licht und stoppe bei Rot? Lebe ich in einer Ortschaft, in der es viele Radfahrer gibt und Autofahrer Rücksicht darauf nehmen?

Der Helm ist nur einer von vielen Faktoren, die die Sicherheit beeinflussen. Wer sich Hals über Kopf mit dem Mountainbike steile Berge herunterstürzt, dem rate ich dringend zum Helm. Beim gemütlichen Gleiten durch Nebenstraßen kann man getrost darauf verzichten. Natürlich sind auch dabei schwere Stürze möglich - ein achtlos weggeworfener Apfel reicht. Aber die Gefahr ist gering und das Leben nun einmal mit Risiken verbunden.

Dass die Helmdebatte nur einen Nebenaspekt beim Alltagsradeln bilden dürfte, zeigt der Blick in die Niederlande und nach Dänemark. Dort wird so viel geradelt wie nirgends sonst auf der Welt, fast ausschließlich ohne Helm. Gleichzeitig ist das Risiko, als Radler tödlich zu verunglücken, so niedrig wie nirgends sonst auf der Welt.

Das Sicherheitskonzept ist simpel: gut ausgebaute Radinfrastruktur, aufmerksame Autofahrer und ein über alle sozialen Schichten und Parteien reichendes Bekenntnis zum Rad.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Anstaltswärter 02.04.2014
Zitat von sysopNutcase Handelt fahrlässig, wer ohne Kopfschutz radelt? Auf keinen Fall! Radfahren ohne Helm kann extrem sicher sein, wie der Blick nach Holland und Dänemark zeigt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/helmpflicht-debatte-der-fahrradhelm-wird-ueberschaetzt-a-961994.html
Ein sehr schöner Beitrag, der komplett außer Acht lässt, daß die normale Sturzgefahr beim Radfahren signifikant höher ist. Das Gleiche gilt auch für die Art der dabei (Kopf) erlittenen Verletzungen. Macht der Spiegel mal wieder ne Kampagne, diesmal gegen Helme für Radfahrer?
2.
Reiner_Habitus 02.04.2014
Zitat von sysopNutcase Handelt fahrlässig, wer ohne Kopfschutz radelt? Auf keinen Fall! Radfahren ohne Helm kann extrem sicher sein, wie der Blick nach Holland und Dänemark zeigt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/helmpflicht-debatte-der-fahrradhelm-wird-ueberschaetzt-a-961994.html
Das ist falsch! Ein Unfall mit 40 km/h bedeutet, das die DOPPELTE kinetische Energie auf das Unfallopfer einwirkt......
3. Ich kann es nicht verstehen...
Martin Karmann 02.04.2014
Da etabliert sich in der Gesellschaft die Bekenntnis zum Helm.. (wirtschaftliche Aspekte hin oder her) und dann wird das von ihrer Redaktion zerrededt! Ich glaub manchmal sollte man sich Kommentare aus gesundem Menschenverstand sparen... wenn ein Helm nur ein Leben rettet ist mir ehrlich gesagt die ganze Debatte um das Theme egal! Zur Info...Ich bin ebenfalls gegen Helmplicht.. deswegen das Thema aber so darzustellen als sei der Helm eigentlich ja doch unter Umständen unnötig, kann ich einfach nicht nachvollziehen! Ich bin ehrlich... mich ärgert so eine Darstellung und man hätte sich diesen Beitrag nun wirklich sparen können!
4.
susuki 02.04.2014
Deja vu! Unsinn zu zitieren und einen drauf zugeben macht Unsinn nicht zu Sinn. Die Helm-Stänkerer sollen sich an den Argumenten der Anschnall-Pflicht-Gegner der 70er Jahre orientiern. Da ist noch eine Menge Unsinn den sie wiederholen können. Wenn die Helm-Stänkerer noch mehr Unsinn brauchen es gab auch eine Debate zu den Gurten auf den Auto-Hinterbänken und der Pflicht zu Kindersitzen. Und ja, ich habe als Kind nie in einem Kindersitz oder angeschnallt auf dem Rücksitz gesessen. Meine Eltern waren sehr fürsorglich, sogar über vorsorglich. Allein es fehlte die Pflicht des Einbaus von Gurten auf dem Rücksitz und es existierten keine Kindersitze. Und es gab auch keine Kinder-Dummys mit welchen experimentiert wurde. Kinder und Erwachsene, tragt Helme beim Velofahren, es gibt coole Teile!
5. Knapp vorbei ist auch daneben...
spon-facebook-10000294691 02.04.2014
Natürlich würde eine Verkehrsplanung die nicht zu 100% das Auto im Sinn hat mehr Sicherheit für andere Verkehrsteilnehmer, Radfahrer eingeschlossen, bringen. Das macht aber die Nutzung eines Radhelms nicht weniger sinnvoll. Dumme Pseudo-Argumente wie "hilft nicht immer" erinnern mich an die Einführung der Gurtpflicht. Ich kenne mehrere konkrete Fälle wo der Fahrradhelm schwere Verletzungen verhindert hat. Die Dinger wiegen kaum etwas und sind mehr oder weniger luftig. Statt drauf zu warten, dass wir eine Verkehrspolitik wie in Holland bekommen, fahre ich lieber heute schon mit Helm - denn bei uns wird im Alltag aus dem "Nebenaspekt" schnell eine existenzielle Notwendigkeit. Oder soll ich - diesem hirnlosen Artikel folgend warten bis bei uns ein anderes Verkehrskonzept greift und bis dahin das Rad stehen lassen? Soll ich auf den Gurt im Auto verzichten - den haben Fußgänger ja auch nicht zur Verfügung? Soll ich barfuß laufen, denn beim Schwimmen trage ich ja ebenfalls keine Schuhe? Ob man eine Pflicht braucht - die Diskussion kann man führen - ich brauche sie nicht. Nur geht der Artikel auf diesen Aspekt fast nicht ein. Selten so einen hohlen Quark gelesen.
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Zum Autor
  • Erik Seemann
    Holger Dambeck, Jahrgang '69, arbeitet seit 2004 als Wissenschaftsredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er fährt praktisch täglich Fahrrad und hat schon diverse Urlaube im Sattel verbracht.

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