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Ein rätselhafter Patient: Warum nach der Geburt plötzlich ihr Herz versagte

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Eine 30-jährige Schwangere kommt zur Geburt in die Klinik. Alles läuft wie geplant, doch plötzlich müssen die Ärzte ihren Sohn per Not-Kaiserschnitt holen. Die Mutter fällt ins Koma, dann versagt ihr Herz. Grund ist eine rätselhafte Erkrankung.

SPIEGEL ONLINE

Als Nina Funk aufwacht, liegt sie auf einer Intensivstation, Hunderte Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Sie hat einen Sohn, den sie noch nie gesehen hat, obwohl er bereits drei Wochen alt ist. Doch kurz vor der Geburt setzt ihre Erinnerung aus. Nina Funk war ins Koma gefallen. Jetzt, drei Wochen später, lassen die Ärzte sie langsam wieder aufwachen.

Die Schwangerschaft verlief völlig normal, nur eine Erkältung machte Nina Funk zwei Wochen vor dem erwarteten Geburtstermin zu schaffen. Als die Wehen einsetzten, fuhr sie mit ihrem Mann in die Klinik. Das Kind wollte sie auf natürlichem Weg gebären, nichts sprach dagegen.

Doch die Schmerzen während der Geburt waren unerträglich. Daran erinnert sie sich noch. Plötzlich wurden die Herztöne des ungeborenen Kindes schlecht, die Ärzte entschieden sich für einen Kaiserschnitt. Das war der Moment, an dem Nina Funks Erinnerung für drei Wochen aussetzte.

Das Kind kam gesund zur Welt. Der Zustand der gerade 30-Jährigen aber war nach der Entbindung so schlecht, dass die Ärzte in der Geburtsklinik sie auf die Intensivstation verlegten. Auch dort besserte sich ihr Zustand nicht, im Gegenteil: Ihr Herz versagte. Ein kardiogener Schock - so nennen Mediziner den Zustand, wenn das Herz den Körper nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgen kann. Die junge Frau schwebte in akuter Lebensgefahr.

Mit dem Hubschrauber nach Hannover

Auf der Suche nach der Ursache stießen Nina Funks Ärzte auf eine rätselhafte Herzschwäche, an der Frauen kurz vor oder nach der Geburt erkranken können. Deshalb wendeten sie sich schließlich an die Medizinische Hochschule Hannover (MHH). Dort haben Experten große Erfahrungen mit der seltenen Krankheit. Peripartale Kardiomyopathie (PPCM), so der Name, beschreibt lediglich das, was passiert: Rund um die Geburt versagt das Herz der Patientinnen. Viele werden wieder gesund, doch bei circa zehn Prozent der Betroffenen erholt sich das Organ nicht mehr.

Nina Funk sollte zur Behandlung nach Hannover transportiert werden, schnell musste es gehen. Doch für einen Transport war ihr Zustand zu schlecht. Also flogen die Herzchirurgen zu ihr und schlossen die junge Frau an eine mobile Herz-Lungen-Maschine an, damit das Herz den Rückflug nach Hannover überstehen konnte. Weil ihr Herz immer schlechter pumpte - und die Ärzte Zeit gewinnen mussten - setzten Chirurgen ihr in Hannover schließlich ein Kunstherz ein.

Als Nina Funk wenige Tage später auf der Intensivstation der MHH wieder zu sich kommt, setzt auch ihre Erinnerung wieder ein. Sie sieht zum ersten Mal ihren Sohn, sieht ihren Mann wieder. Mühsam muss sie in den kommenden Wochen und Monaten ihre Muskeln kräftigen, muss wieder lernen zu sitzen, zu stehen und zu gehen.

Versuch ohne Pumpe

Noch ist es für Mediziner ein Rätsel, wodurch die PPCM ausgelöst wird. Die Biologin Denise Hilfiker-Kleiner geht an der MHH einem Verdacht nach: Im Körper der Patientinnen scheint ein Bruchstück des Hormons Prolactin den Herzmuskel zu schädigen und so das Herzversagen auszulösen. Prolactin produziert der Körper während der Schwangerschaft in steigender Menge. Es gibt Hinweise, dass Frauen mit Bluthochdruck und Raucherinnen ein erhöhtes Risiko für die PPCM haben, doch sicher ist das nicht. Nina Funk hatte weder geraucht noch einen hohen Blutdruck.

Denise Hilfiker-Kleiner schätzt, dass eine von eintausend Frauen im Zeitraum von vier Wochen vor bis einem halben Jahr nach der Geburt an der PPCM erkrankt. Im Rahmen einer Studie werden die Betroffenen derzeit mit dem Medikament Bromocriptin behandelt, das Prolactin blockiert. Auch Nina Funk bekommt es.

Nach einem knappen halben Jahr hat sich ihr Herz erholt, der Herzmuskel pumpt auch ohne Unterstützung ausreichend. Die Ärzte beschließen, das Kunstherz auszubauen, das Bromocriptin wird reduziert. Fünf Tage lang geht das gut, dann versagt ihr Herz erneut. Im Februar 2012 setzen ihr Chirurgen ein neues Kunstherz ein.

Seit über einem Jahr lebt Nina Funk mit ihrem zweiten Kunstherz. Wie es weitergeht, wissen weder sie noch ihre Ärzte genau. Theoretisch gibt es keine Grenze dafür, wie lange ein Mensch mit einem Kunstherz leben kann. Doch wegen des Verklumpungsrisikos des Blutes durch die Pumpe muss Nina Funk gerinnungshemmende Medikamente nehmen, wodurch das Blutungsrisiko steigt. Es drohen Infektionen wegen der Hautwunde, durch die das Kunstherz mit Steuerungsgerät und Akku verbunden ist, die Nina Funk immer bei sich tragen muss. Fällt die Pumpe aus, droht der Tod.

Nina Funks eigenes Herz hat sich mittlerweile wieder soweit erholt, dass ein neuer Versuch vorstellbar wäre, auf das Kunstherz zu verzichten. Doch die Ärzte, ihr Mann und sie sind verunsichert: Was, wenn ihr Herz erneut versagt? Es gibt eine weitere Möglichkeit: die Herztransplantation. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.


Im Video erzählt Nina Funk von ihrem Leben mit dem Kunstherz.

Was ist die peripartale Kardiomyopathie (PPCM)?
Lesen Sie hier mehr über die Behandlung und die Krankheit, die Nina Funks Herz versagen ließ: Bei welchen Beschwerden sollten Ärzte an die peripartale Kardiomyopathie denken? Was wissen Forscher über die Ursachen? Wie funktioniert die Behandlung?

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Ein rätselhafter Patient
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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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1. optional
m_mustermann 13.04.2013
Der Begriff Kunstherz ist etwas irreführend, denn offensichtlich hat die Patientin ihr eigenes Herz noch. Man kann ihr nur wünschen, dass es seine Funktion wieder übernimmt, denn eine Transplantation ist leider auch keine wirklich gute und langfristige Lösung für eine noch so junge Frau.
2.
Softship 13.04.2013
Zitat von m_mustermannDer Begriff Kunstherz ist etwas irreführend, denn offensichtlich hat die Patientin ihr eigenes Herz noch. Man kann ihr nur wünschen, dass es seine Funktion wieder übernimmt, denn eine Transplantation ist leider auch keine wirklich gute und langfristige Lösung für eine noch so junge Frau.
"Kunstherz" heißt das Ding nun mal. Natürlich wünscht man ihr, dass ihr Herz die Funktion wieder aufnimmt. Aber inzwischen beträgt die _durchschnittliche_ Lebenserwartung nach einer Herztransplantation 10 Jahre. Bei jüngeren Patienten ist die durchschnittliche Lebenserwartung größer als bei älteren. Und man kann auch re-transplantieren. Das Leben mit Transplantat ist sicherlich angenehmer als mit "Außenbordmotor".
3.
alafesh 13.04.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEEine 30-jährige Schwangere kommt zur Geburt in die Klinik. Alles läuft wie geplant, doch plötzlich müssen die Ärzte ihren Sohn per Not-Kaiserschnitt holen. Die Mutter fällt ins Koma, dann versagt ihr Herz. Grund ist eine rätselhafte Erkrankung. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/herz-versagt-waehrend-der-geburt-kunstherz-nach-der-schwangerschaft-a-893575.html
zur Geburt oder zur Entbindung?
4. optional
reanull 13.04.2013
Liebe Nina, ich habe mich jetzt extra angemeldet, um Ihnen zu schreiben, wie betroffen mich Ihre Geschichte gemacht hat. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Ihr eigenes Herz wieder ins Gleichgewicht findet und Sie Ihr Leben weitgehend normal führen können. Alles Gute für Sie und Ihre Familie!
5. Ganz genau:
nordern_stalking 13.04.2013
Alles Gute für Frau Funk und ihre Familie! Hoffentlich werden Sie wieder gesund!
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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