Herzgesundheit und Cholesterin Darf's viel, viel weniger sein?

Den Cholesterinwert zu senken, soll Menschen vor Infarkten und Schlaganfällen schützen. Einige Kardiologen meinen: Am besten wären Werte, die nur mit neuen Medikamenten zu erreichen sind. Doch das wird teuer.

Blutgefäß mit Arterienverkalkung (Illustration)
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Blutgefäß mit Arterienverkalkung (Illustration)

Aus Boston berichtet


  • DER SPIEGEL/ Rick Friedman
    Johann Grolle berichtet als Korrespondent für den SPIEGEL aus Boston. "Das ist die Welthauptstadt der Wissenschaft", sagt der langjährige Leiter des SPIEGEL-Ressorts Wissenschaft/Technik. An dieser Stelle schreibt er, was Forscher am MIT, der Harvard University und anderswo in den USA bewegt.

Die Frage, mit der Marc Sabatine seinen Vortrag eröffnete, war schlicht doch keineswegs unschuldig: "Wie weit sollten wir die Cholesterinwerte unserer Patienten senken?" Eine Stunde lang sprach er darüber, am Ende hatte er die Vision einer neuen Herzmedizin entworfen. Einer Zukunft, in der Menschen schon von früh an unempfänglich für Infarkte gemacht werden könnten.

In der Kardiologie ist Sabatine ein einflussreicher Mann. Der Mediziner von der Harvard Medical School ist maßgeblich beteiligt an Design und Betreuung großer Studien zur Herzgesundheit. Zuletzt sorgte er mit der sogenannten "Fourier"-Studie für Aufsehen. Ihr Gegenstand ist eine neuartige Form von Cholesterinsenker; ihr Ergebnis stimmt hoffnungsfroh.

Die Kontrolle des Cholesterinspiegels darf als eine der großen Erfolgsgeschichten der Medizin betrachtet werden. Zwar herrscht in der Ärzteschaft bis heute keine Einigkeit darüber, die Mehrheit aber hält es für erwiesen, dass das sogenannte "gute" HDL-Cholesterin Schutz vor der Arterienverkalkung gewährt, während das "schlechte" LDL sie befördert. Die Folge: Ein hoher LDL-Wert kann langfristig zum Herzinfarkt führen.

Je weniger Cholesterin, desto besser?

Mit Hilfe von Statinen lässt sich die LDL-Konzentration im Blut senken. Typischerweise streben die Ärzte bei Risikopatienten einen Wert von 100 Milligramm pro Deziliter (mg/dl) an. Das Herzinfarktrisiko lässt sich so nachweislich mindern. Sabatine aber erklärte nun: Studien hätten gezeigt, dass der Effekt bei 70 mg/dl noch größer ist. Das ist ein extrem niedriger Wert, der weit unter dem Normalen liegt.

Was aber, so fragte Sabatine weiter, wenn sich das Herz bei 50, bei 20, am Ende vielleicht sogar bei 0 mg/dl LDL im Blut als noch gesünder erweise? Die "Fourier"-Studie zumindest deute darauf hin.

Bei ihr wurden Hochrisikopatienten zusätzlich zur Statin-Kur noch ein weiteres Mittel verabreicht. Es gehört zur Gruppe der sogenannten PCSK9-Hemmer, an welche die Pharmaindustrie derzeit große Hoffnungen knüpft. Sie wurden entwickelt, nachdem sich herausgestellt hatte, dass bei Menschen, bei denen das Gen für das PCSK9-Enzym defekt ist, der Cholesterinspiegel abnorm niedrig und das Herzinfarktrisiko sehr gering ist. Finanziert wurde die "Fourier"-Studie vom Hersteller eines solchen Medikaments, dem Biotech-Unternehmen Amgen.

Die neuen Medikamente blockieren dieses Enzym, sie simulieren also gleichsam den Gendefekt. Das führt dazu, dass die Leberzellen wesentlich mehr LDL-Cholesterin aus dem Blut fischen. Der LDL-Wert der Patienten sank auf 50 mg/dl, bei einigen sogar bis auf 20 mg/dl. Das sind schwindelnd niedrige Werte, wie sie natürlich gar nicht vorkommen. Die "Fourier"-Studie jedoch zeigte: Selbst diese Radikalkur wirkte, die Herzinfarktrate sank.

LDL-Cholesterin schädigt die Arterien

Für Sabatine ist das ein Grund, neu über Cholesterin nachzudenken. Vermutlich habe die Evolution das PCSK9-Gen hervorgebracht, um in Hungerzeiten besser zurecht zu kommen. Den Menschen in einer Wohlstandsgesellschaft biete es keinen Nutzen. Für sie sei das LDL-Cholesterin nur noch ein Gift, das nachhaltig ihre Arterien schädigt.

Dieses Gift, sagt Sabatine, wirke langsam und schleichend. Der Schaden summiere sich im Laufe der Jahrzehnte auf: "Es ist ähnlich wie bei Zigaretten. Am Ende zählt, wie viele Jahre lang Sie in Ihrem Leben geraucht haben." Entsprechend werde die Wirkung einer medikamentösen Kur umso nachhaltiger sein, je früher man sie beginnt. "Wenn wir mit der Cholesterinsenkung im Alter von 25 anfangen, ist die Reduktion des Infarktrisikos am größten", meint der Mediziner.

Eine Massenbehandlung kerngesunder Menschen, mit dem Ziel, ihren Cholesterinpegel auf einen absurd niedrigen Wert zu senken? Es mutet grotesk an, was Sabatine da vorschlägt. Er jedoch beharrt darauf, dass er nur logische Schlüsse aus den Studienergebnissen ziehe.

Was den LDL-Wert betrifft, hieß es anfangs: "Hoch ist schlecht." Dann lautete die Devise: "Normal ist nicht gut." Nun, meint Sabatine, sei es an der Zeit, eine neue Parole auszurufen: "Je niedriger, desto besser."

Über Sabatines Schlussfolgerung lässt sich streiten. An der "Fourier"-Studie nahmen Menschen teil, die bereits herzkrank waren und zum Beispiel schon einen Infarkt oder Schlaganfall erlitten hatten. Das Studienergebnis lässt sich also nicht einfach auf Gesunde übertragen. Und: Von jenen Patienten, die den PCSK9-Hemmer erhielten, starben genauso viele an den Folgen einer Herzerkrankung wie in der Placebo-Gruppe.

Krankenkassen weigern sich oft, für PCSK9-Hemmer zu zahlen

Vor allem eines aber sparte Sabatine in seinem Vortrag aus: die Kosten. Die Behandlung mit den derzeit verfügbaren PCSK9-Hemmern schlägt mit 14.000 Dollar im Jahr zu Buche. Ein solches Mittel zur Massenprophylaxe einzusetzen, ist unbezahlbar.

Die Krankenkassen in Amerika sehen bereits eine Kostenlawine auf sich zurollen. Deshalb behandeln sie Anträge auf die neuen Cholesterinsenker sehr restriktiv. In vielen Fällen weigern sie sich, die Behandlung zu bezahlen.

Eines ist dabei sicher: In der Auseinandersetzung mit den Kassen hat die Pharmaindustrie in Sabatine einen wichtigen Verbündeten gefunden.



insgesamt 67 Beiträge
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felisconcolor 05.02.2018
1. Ldl
welche Pharmavertreter waren denn bei den "einigen Kardiologen". Und im Artikel ist dann nur noch von einem Kardiologen die Rede. Ich hatte mal einen tollen Hausarzt. War irgendwie groovy drauf hat sich Zeit genommen trug ein Ankh Kreuz. Irgendwann sprach er mich dann auf meinen Cholesterin Wert an. Er war zu derzeit ein wenig erhöht. Ich sollte doch mal mehr Salat und so essen. OK. Nach vier Wochen Nachkontrolle (und Hass auf das Grünfutter) Naaa jaaaaa das ist ja schon besser aber.... Vielleicht sollten wir mal mit Cholesterinsenkern Arbeiten. Tja hätte er nicht sagen dürfen. Er war damit mein Hausarzt gewesen. Ich hab mich dann selbst schlau gemacht. Mein Wert liegt unter dem bayrischen Mittelwert von 130. ich hab dann wieder die übliche Nahrung eines Omnivoren zu mir genommen. Die Werte sind in Ordnung Blutdruck wie aus dem Lehrbuch und EKG sauber. Viel wichtiger ist es sich keinen Stress zu machen und ein positives Lebensgefühl zu haben. Dann klappt es auch mit dem Alt werden.
stefan.mueller 05.02.2018
2.
Über die Schlussfolgerungen, die aus der Fourier-Studie zu ziehen sind, könne man streiten, sagt der Autor. Verstehe ich nicht. Das Ergebnis ist doch eindeutig. Wie die Statine senken auch PCSK9-Hemmer nicht die letztlich entscheidende Todesrate, sondern nur die Cholesterin-Werte. Man kann nur hoffen, dass die Krankenkassen sich nicht an dieser Beutelschneiderei beteiligen.
uli_san 05.02.2018
3. Die Pharmaindustrie...
...geht unverholen dazu über, gesunde Menschen als gefährdet zu erklären. War es vor einigen Monaten noch der Blutdruck, ein Wert von 130 solle unbedingt medikamentös abgesenkt werden, so ist es jetzt der Cholesterinwert. Eine Absenkung unter einen auf natürliche Weise niemals vorkommenden Wert. Also 100% der Menschheit als potentielle Pillenschlucker. Ich hoffe, dass es noch genügend verantwortlich handelnde Ärzte gibt, die diesen Unsinn nicht mitmachen. Auf gesetzliche Schranken hoffe ich nicht angesichts der äusserst effektiven Pharma-Lobby.
Christoph 17 05.02.2018
4. Cholesterin ist lebenswichtig, Sabatine arbeitet für Amgen
Wie er hier offenlegt (http://c.peerviewpress.com/inReview/programs/150204197/downloads/PVI_monograph_YHT.pdf) arbeitet Herr Sabatine für Amgen, den Konzern, der mit dem PCSK9-Hemmer Repatha Geld verdienen möchte. Man sollte nicht vergessen: Ohne Cholesterin können wir nicht denken. Bei einem LDL von 76 mg/dl spürte ich schon deutliche Defizite und musste das Statin niedriger dosieren. Einerseits heißt es hier: "Die Herzinfarktrate sank." Andererseits: "Von jenen Patienten, die den PCSK9-Hemmer erhielten, starben genauso viele an den Folgen einer Herzerkrankung wie in der Placebo-Gruppe." D.h. mit der neuen Therapie hat man weniger Herzinfarkte, aber eine erhöhte Todes-wahrscheinlichkeit für andere Herzerkrankungen. Ganz sicher ist man aber total verblödet ... Vollständige Amnesie und Pseudo-Alzheimer tritt bei stark gesenktem Cholesterin gehäuft auf. Aber auf dem Weg dahin kann man ja die Pharma-Industrie noch ein bisschen füttern.
wille17 05.02.2018
5. Ein weites Feld
Habe seit 20. Lebensjahr schon Gesamtcholesterin von 430. Jetzt mit 60 erfreue ich mich besster Gesundheit. Mache regelmässig Sport. Allerdings habe ich mich jetzt breitschlagen lassen, einen Senker zu nehmen. Interessenshalber habe ich Herz-CT gemacht. Ergebnis leichte Ablagerungen. Stress-Echo und EKG mit 225 einwandfrei. Nach 40 Jahren dauerhaft ein Wert von 430 hätte mich nach den Befürwortern der Senkung schon umbringen müssen. Ein Hinterfragen ist also schon angezeigt.
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