Neulich im OP: Schlechte Prognose, viel Glück

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Corbis

Senioren beim Picknick: Auf die Prognosen der Ärzte ist kein Verlass

Prognosen sind wirklich schwer, selbst für Ärzte wie Dr. Reinhold Rippe. Manchmal wünscht er sich die Gabe eines Professor Brinkmann, auf dessen Vorhersagen immer Verlass war. Stattdessen muss er zusehen, wie ein 80-jähriger Herr sich nicht um geballtes Fachwissen schert.

Meine liebste Freundin fragt mich gerne um Rat, wenn sie sich verletzt hat, ein Schnupfen oder anderes Unbill sie ereilt hat. Weil sie meine Antwort auf den Fragenhöhepunkt während solcher Konsultationen - "Muss ich sterben?" - schon kennt, stellt sie ebendiese mit besonderer Lust immer wieder. Und ich antworte immer wieder: "Ja. Natürlich musst du sterben." Nach einer Pause füge ich hinzu: "Aber erst später. Vielleicht in fünfzig Jahren." Und wir beide erfreuen uns weiterhin bester Gesundheit. Ich, weil Ärzte nie krank werden oder zumindest fest davon überzeugt sind. Sie, weil Nicht-Ärzte genauso häufig, das heißt genauso selten, krank werden wie Ärzte.

Die Exaktheit der Prognose - sterben jetzt oder in fünfzig Jahren - ist recht typisch für die Medizin, sofern sie nicht im Fernsehen stattfindet. Professor Brinkmann in der Schwarzwaldklinik konnte und wusste natürlich alles. Also auch, dass Onkel Heinrich morgen nach dem Mittagessen um 14.32 Uhr friedlich verscheiden wird. Dann darf Tante Gerda noch Abschied nehmen und wer hier der Held ist, das steht schon mal fest.

Bei uns sterblichen Kittelträgern ist das anders, denn wir sind nur Halbgötter in Weiß und wir liegen mit unseren Prognosen gerne mal völlig daneben.

Alle Bemühungen waren vergebens

Nach vielen Wochen Behandlung auf der Intensivstation beschließt die versammelte Ärzteschaft der Abteilung, dass bei unserem Patienten Herrn U. alle Hoffnung fahren zu lassen sei, alle Bemühungen vergebens - wenn auch nicht umsonst - waren und dass die Therapie auf ein Minimum zurückzufahren sei.

Herr U. war vor sechs Wochen nach einem Herzinfarkt an den Herzkranzgefäßen operiert worden und hatte nach der Operation noch einen weiteren Herzinfarkt erlitten. Alle Versuche, das derart geschwächte Herz des 80-Jährigen mit Hightech-Medizin zu ordentlicher Arbeit anzuspornen, scheiterten an beschränkten Möglichkeiten. Eine Herztransplantation, gar die Implantation eines mechanischen Ersatzherzens verbietet sich wegen des fortgeschrittenen Alters und der Nebenerkrankungen von Herrn U. Er wird also von der geballten und ums Bett versammelten Kompetenz aufgegeben, die intensive Therapie wird eingestellt.

Was offenbar ein großes Glück für Herrn U. ist, denn von diesem Augenblick an scheint alles bergauf zu gehen. Kaum wird die Dialysemaschine abgebaut, beginnt der Patient, erneut Urin zu produzieren. Trotz abgesetzter Antibiotika lässt sich seine angegriffene Lunge nicht lange bitten und versorgt Herrn U. vorzüglich mit Sauerstoff. Der kranke Herzmuskel kümmert sich nicht um kluge Prognosen - meine eingeschlossen - und den Mangel an kreislaufstützenden Medikamenten, sondern ausschließlich um seine Arbeit: er pumpt.

Mit einigen wenigen Medikamenten wird Herr U. nach zwei weiteren Wochen in eine Rehabilitationsklinik verlegt. Seine Prognose: er wird sterben. Vielleicht nächste Woche. Oder aber in zehn Jahren. Mal sehen.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Ohne jede Substanz
brunellot 17.09.2012
Was will uns der Autor hier sagen? Dieser Artikel ist ohne jede Substanz!
2. Substanziell beeinträchtigte Aufnahmefähigkeit
mel_a 17.09.2012
Zitat von brunellotWas will uns der Autor hier sagen? Dieser Artikel ist ohne jede Substanz!
Der Autor möchte sagen, dass medizinische Verläufe oftmals noch unvorhersehbarer sind sind, als meterologische ;)
3. so isses
marin 17.09.2012
Leider manchmal halt auch andersherum.
4. Junge, Junge
albert schulz 17.09.2012
Das ist ein Spitzenartikel, und außerordentlich witzig. Ob ihn wirklich ein Arzt geschrieben hat, darf bezweifelt werden. Obzwar es auch gescheite Ärzte gibt, die über den Tellerrand schauen können, was man ihnen im Studium ausgetrieben zu haben meint. Da steht doch nur, daß der Körper klüger ist als der Arzt. Also keineswegs der Patient und Mensch, der klugerweise erst gar keinen Arzt aufsucht. Der findet nämlich immer was. Das ist seine Aufgabe. Er läßt einen nur selten mit ein paar Ermahnungen laufen, sondern macht alles, was in seiner Kunst steht. Der Arzt hat seine erlernten Standards und denkt darüber normalerweise nicht nach, wie andere Berufsgruppen auch. Und es ist aberhübsch, wenn er zu denken anfängt und sein Tun in Frage stellt. Dazu muß etwas passieren, was nicht ins Schema paßt. Man lernt nur dazu, wenn etwas schiefläuft. Erfolge bestätigen, und zwar gerade falsche Vorurteile.
5.
Ingmar E. 17.09.2012
Zitat von mel_aDer Autor möchte sagen, dass medizinische Verläufe oftmals noch unvorhersehbarer sind sind, als meterologische ;)
Danke das sie das Zwinkern noch hingesetzt haben. Ich finde den Artikel auch seltsam, natürlich können Prognosen auch falsch liegen, andererseits kommt das doch eher selten vor. Man ist doch wesentlich präziser als der Wetterbericht. Ich sehe schon die ersten Angehörigen, die sich von so einem Artikel beeindrucken lassen. Man sagt Ihnen dass es höchstwahrscheinlich nicht mehr lange dauert, und die Angehörigen sagen dann: "aber sie können sich doch auch irren". Damit ist dann keinem geholfen, wenn man den Ernst der Lage ignoriert. Schlimm ist es dann, wenn der eigentliche Patient sich nicht mehr äußern kann, und die Angehörigen aber sich an solche Hoffnungen klammern, und Maximaltherapie bis zum Ende betreiben lassen. Ich hab schon Ehefrauen erlebt, die sich über die Patientenverfügung ihrer Männer hinwegsetzten, und die im hohen Alter monatelang in der Mühle der ITS beließen, weil sie die Situation nicht wahrnehmen wollten/konnten.
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Zum Autor
Dr. Reinhold Rippe berichtet in loser Reihenfolge über seine Erlebnisse in der Klinik. In Wahrheit heißt Rippe anders, seine Notizen macht er sich bei der Arbeit als Arzt in einem großen Krankenhaus.