Von Ansgar Mertin
Eine Grippe wirft das Leben von Peter Meinhardt* völlig aus der Bahn. Zwar verschwindet das Fieber wieder, auch die Blutwerte bessern sich. Aber die Kraft will einfach nicht wiederkommen. Jede kleine Steigung nimmt ihm den Atem, Stufe für Stufe schleppt sich der Bankangestellte die Treppen herauf. Erst Monate später stellt ein Internist die deprimierende Diagnose: Herzmuskelentzündung. Um das Herz nicht noch weiter zu schädigen, soll Meinhardt sich von nun an so weit wie möglich schonen.
Volker Kempf* ist Anstrengung gewohnt. Als Ruderer war er mal Kreismeister im Achter, inzwischen sitzt der Architekt indessen meist an seinem Zeichenbrett. Mitte der Neunziger fühlt sich Kempf dann plötzlich immer schlapper. Er geht zum Kardiologen, lässt sich durchchecken - Kempf hat massiven Bluthochdruck. Im Ultraschall zeigt sich, dass das Herz des 56-Jährigen deutlich vergrößert ist. Um wieder in Bewegung zu kommen, rät ihm der Arzt zu leichtem Training, so dass er sich neben der Bewegung noch flüssig unterhalten kann. Hohe Belastungen soll Kempf allerdings meiden - die würden seine kranke Pumpe nur noch weiter schädigen.
Neueste Forschungsergebnisse lassen jetzt Zweifel an dieser vorsichtigen Strategie aufkommen. "Wir finden immer mehr Hinweise, dass Herzkranke durchaus höhere Anstrengungen vertragen", sagt Martin Halle, ärztlicher Direktor des Zentrums für Sportmedizin und Prävention der TU München. "Und nicht nur das: Sie profitieren sogar davon."
In Deutschland zählt die chronische Herzinsuffizienz zu den häufigsten Todesursachen. 2010 starben etwa 48.000 Menschen daran. Mit mehr als 360.000 Fällen war eine Herzschwäche 2009 der zweithäufigste Grund für einen Krankenhausaufenthalt.
Überraschende Ergebnisse bei der Belastung von geschwächten Herzen
Das Dogma der schonenden Ruhe hatte vor fünf Jahren zu wackeln begonnen. Als der Trondheimer Sportwissenschaftler Ulrik Wisløff 2007 damals seine Forschungsergebnisse im Magazin "Circulation" publizierte, staunte die Fachwelt. Statt wie üblich zu Spaziergängen und gemächlichen Radtouren zu raten, hatte er seine Patienten einer wahren Rosskur unterzogen. Die Herzkranken sollten immer wieder bis an ihre Belastungsgrenze herangehen. Das Unfassbare: Die Probanden wurden nicht nur nicht krank - sie verbesserten ihre Kondition sogar deutlich.
Während man früher dachte, dass starke Belastungen das erschöpfte Herz endgültig versagen lassen, scheint das Gegenteil der Fall zu sein. "Im Ultraschall zeigte sich, dass sich das ausgeleierte Herz remodelliert", staunt Martin Halle noch heute. "Es zurrt sich quasi wieder zusammen."
"Wisloffs Ergebnisse waren dermaßen spannend", erzählt Halle, "dass wir uns dachten, da muss man mal eine größere Studie machen". Zusammen mit Kollegen aus Trondheim, Kopenhagen, Antwerpen und Leipzig rief Halle 2009 die europäische "Smartex"-Studie zum Training bei Herzinsuffizienz ins Leben.
Die Forscher teilten 200 Patienten mit mittlerer bis schwerer Herzinsuffizienz in drei Gruppen ein. Während die erste Gruppe in altehrwürdiger Manier die Füße hochlegen durfte, trainierte die zweite Gruppe, entsprechend der bis heute gültigen Leitlinien, dreimal die Woche rund 45 Minuten auf dem Fahrradergometer. Dabei sollten sie sich noch locker unterhalten können.
Für Gruppe drei wurde es richtig ungemütlich. "Die Patienten müssen dreimal die Woche insgesamt 35 Minuten auf das Trainingsgerät. Dabei sollen sie vier mal vier Minuten an ihre Maximalleistung herangehen", sagt Volker Adams, Leiter des kardiologischen Forschungslabors am Herzzentrum Leipzig. "Und das ist schon für Gesunde nicht leicht".
Um eine hohe Qualität zu gewährleisten, wurde die Gruppenzugehörigkeit der Teilnehmer per Los entschieden. Zusätzlich wurden sämtliche Ultraschallbilder anonymisiert in einem norwegischen Radiologiezentrum ausgewertet.
Die Ergebnisse der Smartex-Studie erwartet die europäische Kardiologen-Fachgesellschaft für den Herbst. Es sei aber derzeit noch zu früh, um die Behandlungsleitlinien umzuschreiben, sagt Adams. Noch gebe es nicht genug Erfahrung mit dem intensiven Training. Schließlich hätten die Probanden der Studie rund um die Uhr unter strenger ärztlicher Aufsicht gestanden. "Auf keinen Fall sollten Patienten so ein Training im Alleingang machen" warnt Adams eindringlich. "Das kann böse enden".
*Name geändert
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