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Ein rätselhafter Patient: Überfordertes Herz

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Röntgenbild des Brustkorbs: Warum ist das Gewebe im Bereich der Herzspitze (Pfeil) verdichtet? Zur Großansicht
JMC/ Lee et al.

Röntgenbild des Brustkorbs: Warum ist das Gewebe im Bereich der Herzspitze (Pfeil) verdichtet?

Eine Asiatin braucht dringend Hilfe, sie leidet an Luftnot und Herzrhythmusstörungen. In ihrem Herzen finden die Ärzte gleich mehrere verdächtige Knoten. Aber woher kommen die, und was sagen die Blutwerte über ihre Erkrankung aus?

Die 49-jährige Frau ist abgesehen von einem hohen Blutdruck bislang gesund gewesen. Seit zwei Wochen aber rast ihr Herz immer wieder, das Wasser in ihren Beinen will nicht verschwinden, sodass diese angeschwollen sind, und bei der kleinsten Bewegung gerät sie außer Atem.

Als die Ärzte an der Chang Gung University im taiwanischen Kaohsiung die Lunge der Frau abhorchen, hören sie ein Knistern in beiden Lungenflügeln. Das EKG zeigt ein Vorhofflattern, bei dem die beiden Herzvorhöfe extrem schnell schlagen, viel schneller als die Herzkammern. Auch die Blutuntersuchung löst bei den Medizinern Sorge aus: Die Nieren der Frau arbeiten nicht mehr richtig, sie hat Entzündungszeichen im Blut, und mehrere Tumormarker, die aber nicht spezifisch auf ein einzelnes Krebsleiden hindeuten, sind erhöht.

Bei einem ersten Ultraschall entdecken die Herzspezialisten der Klinik mehrere Knoten im Herzen, wie sie im "Journal of Medical Case Reports" berichten. Eine Kernspin-Untersuchung bestätigt den Befund: Gleich an drei Stellen befinden sich Gewebemassen, eine große im rechten Vorhof, zwei kleinere in der linken Herzkammer. Insbesondere ein Knoten sieht sehr unregelmäßig aus mit zerstörtem Gewebe im Zentrum.

Kernspin-Aufnahmen des Herzens: Die schwarzen Pfeile in den Bildern zeigen auf eine dunkel aussehende Raumforderung im rechten Vorhof (RA, Right Atrium) Zur Großansicht
JMC/ Lee et al.

Kernspin-Aufnahmen des Herzens: Die schwarzen Pfeile in den Bildern zeigen auf eine dunkel aussehende Raumforderung im rechten Vorhof (RA, Right Atrium)

Auf Computertomografie-Bildern des Brustkorbs sieht es zusätzlich so aus, als gebe es möglicherweise Tumorgewebe in der Lunge (s. Bild ganz oben).

Die Ärzte sind sich nicht sicher: Es könnte sein, dass die Frau sogenannte Myxome hat. Das sind gutartige Tumoren, die im Herzen nur selten vorkommen. Lediglich 0,0017 Prozent der Bevölkerung erkranken an einer solchen Geschwulst, schreiben die Ärzte.

Weil aber Tumormarker erhöht sind und sich gleich mehrere Gewebeansammlungen im Herzen und in der Nähe zu befinden scheinen, müssen sie auch eine andere Möglichkeit erwägen: dass an anderer Stelle in ihrem Körper Krebs wächst und sich im Herzen bereits Tochtergeschwulste, sogenannte Metastasen, angesiedelt haben.

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Weil durch die Herzrhythmusstörungen Blutgerinnsel entstehen können, bekommt die Frau sofort Heparin. Das Medikament verdünnt umgehend das Blut, verhindert die Entstehung von Thromben und kann diese mitunter auch wieder auflösen. Zwei Tage später springt ihr Herz von allein in den normalen Rhythmus zurück. Dadurch lösen sich bereits einige Probleme. Weil das falsch getaktete Herz das Blut nicht mehr ausreichend durch den Körper pumpen konnte, hatte sich das Blut gestaut - die Niereninsuffizienz, die Atemnot und die geschwollenen Beine waren die Folgen, die jetzt wieder verschwunden sind.

Die Grundfrage aber bleibt: Was sind das für Knoten im Herzen? Zunächst versuchen die Ärzte, über Probenentnahmen aus den Gewebsmassen ihrem Ursprung auf die Spur zu kommen - ohne Erfolg. Sie finden lediglich massenhaft abgestorbene Zellen und Thromben.

Daher entscheiden sie sich zu einer Operation am offenen Herzen. Bei dem Eingriff, der insgesamt drei Wochen nach der ersten Vorstellung im Krankenhaus erfolgt, entnehmen die Chirurgen einen fünf mal drei Zentimeter großen Gewebeklumpen aus dem rechten Vorhof und schicken diesen zur weiteren Beurteilung in die Pathologie. In der linken Kammer finden sie allerdings - nichts.

Die Mediziner schlagen in der Diskussion um ihre Patientin als Lösung des Rätsels vor, dass die Gewebehaufen in der linken Herzkammer große Blutgerinnsel waren, die sich durch das Heparin aufgelöst haben könnten.

Bei dem Tumor im rechten Vorhof handelt es sich tatsächlich um ein Myxom, wie die Pathologen bestätigen. Die Chirurgen haben den gutartigen Tumor bei der Operation komplett entfernen können.

In ihrem Fallbericht diskutieren sie, dass die erhöhten Tumormarker möglicherweise aus den abgestorbenen Zellen stammten. Die anderen krankhaft erhöhten Blutwerte führen sie auf die vorübergehende Überforderung des Herzens zurück, die den gesamten Kreislauf und die Organe wie etwa die Lungenfunktion und die Nieren eingeschränkt hat. Auch das fragliche Tumorgewebe im linken unteren Lungenflügel ist einen Monat nach der Operation in Kontrollaufnahmen nicht mehr zu sehen und war möglicherweise durch Thromben bedingt, spekulieren die Ärzte.

Ein Jahr nach dem Eingriff geht es der Frau gut, und sie kann ihren Alltag so leben wie vor der Erkrankung.

EIN RÄTSELHAFTER PATIENT - BILDERQUIZ
Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie leitet das Ressort Wissenschaft/Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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