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Herzrhythmusstörungen: Wenn mit 20 das Herz stolpert

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Sorgen besser abklären: Auch ein gesundes Herz kann rasen oder stolpern - mitunter gibt es jedoch ernste Ursachen

Auch bei jüngeren Menschen kann das Herz aus dem Takt kommen. Zwar sind Herzrhythmusstörungen meist harmlos, mitunter können sie aber sehr gefährlich werden. Vor allem extreme Ausdauersportler sollten achtgeben.

Ich bin doch noch so jung! Das denken sich viele, wenn mit 20 Jahren ihr Herz beginnt, zu stolpern oder zu rasen. Tatsächlich aber sind die Probleme auch im jungen Alter nicht ungewöhnlich. "2 von 100 Kindern haben sogar schon im Mutterleib diese Anzeichen einer Herzrhythmusstörung", sagt Hugo Katus, Ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Heidelberg.

Bei jungen Menschen sind Herzrhythmusstörungen zumeist harmlos, selten aber können sie das Leben gefährden. "Deshalb sollte man sich in jedem Fall untersuchen lassen", sagt Katus. Der Experte rät allen Betroffenen zu einer Pulsmessung, einem Belastungstest oder zu einer 24-Stunden-Elektrokardiografie (EKG). "Ein kurzes EKG reicht nicht", sagt er. Außerdem sollte geklärt werden, ob die Herzklappen richtig arbeiten.

Fehler in der Kettenreaktion

Das Herz pumpt täglich mehrere Tausend Liter Blut durch den Kreislauf. Damit das optimal funktioniert, muss es sich regelmäßig und koordiniert zusammenziehen. Dabei folgt der Muskel einer ausgeklügelten, aber störanfälligen Kettenreaktion:

Das Startsignal liefert der Sinusknoten, eine Art Schrittmacher, der sich in der Wand des rechten Vorhofs befindet. Seine Zellen erzeugen durchschnittlich 70-mal pro Minute einen elektrischen Impuls und sorgen dafür, dass sich die Muskelzelle der Vorhöfe verkürzen. Daneben aktivieren sie den AV-Knoten, der wiederum den Herzkammern das Signal gibt, sich zeitgleich zusammenzuziehen. Die Folge: Das Blut schießt aus dem Herzen in die Hauptschlagader und in die Lungen.

Aus der rechten Herzkammer pumpt das Herz das Blut in den Lungen-, aus der linken Herzkammer in den Körperkreislauf. Zur Großansicht
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Aus der rechten Herzkammer pumpt das Herz das Blut in den Lungen-, aus der linken Herzkammer in den Körperkreislauf.

"Im Störfall kann diese fein abgestimmte Koordinierung von Vorhöfen und Kammern verlorengehen", sagt Katus. Während es beim Herzstolpern zu einem unregelmäßigen Herzschlag mit einem fehlenden oder zusätzlichen Herzschlag kommt, schlägt das Herz beim Herzjagen, der Tachykardie, viel zu schnell.

Besonders gefährdet: Ausdauersportler

Schwindel, Ohnmacht, Atemnot und Herzschmerzen können eine ernsthafte Erkrankung des Herzens andeuten. Ab 120 Schläge pro Minute bedroht Herzjagen die Gesundheit, ab 150 Schläge pro Minute muss es unbedingt sofort behandelt werden.

Ursachen für eine Herzrhythmusstörung gibt es viele. Besonders gefährdet sind Menschen, die extreme Ausdauersportarten wie Marathon, Triathlon oder alpines Radfahren betreiben. Die Anstrengung stresst die Herzmuskelzellen und kann vorübergehend die Funktion der rechten Herzkammer beeinträchtigen. Zum Teil bleiben kleine Narben zurück, die das Reizleitungssystem des Herzens stören. Dann steigt das Risiko für tödliche Herzrhythmusstörung.

Extremsportler haben Herzinfarktwerte ohne Herzinfarkt
Wenn Menschen mit Brustschmerzen oder nach einem Kreislaufzusammenbruch in die Klinik kommen, besteht der Verdacht auf Herzinfarkt. Der Nachweis erfolgt zum Beispiel mit dem Eiweiß Troponin, das geschädigte Herzmuskelzellen in das Blut freisetzen. Sind Troponin-Werte erhöht, reagieren Ärzte mit einer Notfallbehandlung: blutverdünnende Mitteln und eine Herzkatheter-Untersuchung, die verschlossene Herzkranzgefäße identifizieren soll.

Doch auch bei Extremsportlern, die nach großer sportlicher Anstrengung zusammenbrechen, sind die Troponin-Werte erhöht. Bei ihnen kommt es laut einer 45 Studien umfassenden Analyse mitunter zu unnötigen Notfallbehandlungen. "Nach extremer sportlicher Betätigung sind bei den meisten Menschen die Herzinfarkt-Biomarker erhöht, ohne dass die Personen einen Infarkt haben", so einer der Studienautoren Farbod Sedaghat-Hamedani. Der Zusammenbruch könne stattdessen auf Flüssigkeitsmangel oder auf Überlastung beruhen. Nur in sehr seltenen Fällen käme es bei Extremsportlern tatsächlich zu einem Herzinfarkt.
Das Herz kann allerdings auch aus dem Takt kommen, wenn es sonst völlig gesund ist. So können emotionaler Stress und Elektrolytverschiebungen, insbesondere bei Sportlern, den Herzrhythmus stören. Dann reicht es häufig schon, sich zu beruhigen oder Elektrolytlösungen zu trinken. Vor allem auf Kalium- und Magnesiummangel reagieren die Herzmuskelzellen sehr empfindlich.

Auch Änderungen des Wasserhaushalts des Körpers, des Säure-Basen-Haushalts und die Einnahme von trizyklischen Antidepressiva oder Asthma-Medikamenten können zu Herzrhythmusstörungen führen, genauso wie Kaffee, Tee, Alkohol, Nikotin oder Drogen, eine Schilddrüsenüberfunktion oder Fieber.

Nach Infektionen: Ernsthafte Herzprobleme

Kritisch sind Herzrhythmusstörungen bei einem sonst gesunden Herzen in der Regel nicht. Gefährlich wird es jedoch, wenn die Betroffenen zuvor durch eine Infektion mit Viren und Bakterien eine Herzmuskelentzündung hatten, bei ihnen eine Herzklappe fehlerhaft ist oder die Ionenkanäle genetisch bedingt nicht richtig funktionieren.

"Leider bleiben insbesondere die genetisch bedingten Ursachen oft lange Zeit unerkannt und führen in manchen Fällen zum plötzlichen Herztod", sagt Katus. Auch Fehlfunktionen von Teilen des Reizbildungs- und Leitungssystems können angeboren sein, ein Beispiel dafür ist das Wolff-Parkinson-White-Syndrom (WPW-Syndrom).

Normalerweise gibt es nur einen Weg, auf dem sich die elektrische Erregung, die den Herzmuskel zum Zusammenziehen bringt, von den Vorhöfen zu den Herzkammern ausbreitet. Beim WPW-Syndrom existieren dagegen zwei oder mehrere, elektrisch leitende Wege zwischen Vorhöfen und Kammern, sodass die Erregungen zwischen Vorhof und Kammer kreisen können. Es kommt zu anfallsweisem Herzjagen.

"Zusätzliche Leitungsbahnen können mit einer Erfolgsrate von 95 Prozent verödet werden, die restlichen fünf Prozent müssen in einer zweiten Prozedur nachbearbeitet werden. Danach ist man völlig geheilt", sagt Katus. Bei gestörten Ionenkanälen und wenn die Herzfrequenz dauerhaft zu hoch ist, können Rhythmusstörungen medikamentös unterdrückt werden, zum Beispiel mit Natrium- und Kaliumkanalblocker.

Auch Beta-Blocker oder Kalzium-Kanal-Blocker können die Frequenz des Herzjagens verlangsamen. In schweren Fällen kann außerdem die elektrische Verbindung von den Vorhöfen zu den Hauptkammern zerstört werden, Mediziner sprechen von einer AV-Knotenablation. Allerdings müssen die Betroffenen fortan mit einem Herzschrittmacher leben.

Sonderfall Vorhofflimmern
Das Herz schlägt bis zum Hals, Atemnot, eine plötzlich aufsteigende Wärme im Kopf und ein beklemmendes Gefühl in der Brust - das sind Anzeichen für Vorhofflimmern. "Das Herz ist in diesem Fall völlig aus dem Takt und die normale Erregung des Herzens ist gestört", so Mediziner Katus. Wer an Bluthochdruck, Diabetes, einer Schilddrüsenüberfunktion, einer Herzschwäche oder geschädigten Herzklappen leidet, hat ein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern und damit auch für eine Embolie oder einen Schlaganfall.

  • Wie eine aktuelle Studie zeigt, kann Sport bei Patienten, die unter Vorhofflimmern leiden, die Herzrhythmusstörung deutlich lindern. Bei Übergewicht bringt ein zehnprozentiger Gewichtsverlust eine zusätzliche Besserung. Außerdem kann das Herz mittels Elektroschock oder medikamentös vorübergehend wieder in den richtigen Takt gebracht werden. Antiarrhythmika stabilisieren den Rhythmus langfristig. "Da diese Medikamente aber häufig andere gefährliche Herzrhythmusstörungen verursachen, ist bei jedem Patienten ganz individuell zu entscheiden, ob es nicht auch ausreicht, den Puls mit Beta-Blockern zu verlangsamen", sagt Katus.

  • Es gibt noch einen dritten Weg: die Katheterablation, die aber in der Regel erst nach einem medikamentösen Therapieversuch empfohlen wird. Dabei werden die Herzmuskelzellen verödet, die aus dem Vorhof in die Lungenvenen eingewachsen sind. Dort entsteht in der Regel das Vorhofflimmern.
  • Mehr zur Studie im "Journal Of The American College Of Cardiology"
Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.

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