Ein rätselhafter Patient Herzstillstand durch Muskelkrampf

Ohne Vorwarnung wird eine 70-Jährige in den USA bewusstlos und muss wiederbelebt werden. Auch im Krankenhaus gerät ihr Herz immer wieder lebensbedrohlich aus dem Takt. Lesen Sie im Fallbericht der Woche, warum die Ärzte des Rätsels Lösung erst nach mehreren Reanimationen finden.

Defibrillator: Stillstand ohne bekannte Herzkrankheit
Corbis

Defibrillator: Stillstand ohne bekannte Herzkrankheit

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Die Frau, die in Greensboro im US-Bundesstaat North Carolina in die Notaufnahme geschoben wird, hat nur knapp eine dramatische Rettung überlebt. Kurz zuvor hatten Rettungssanitäter sie wiederbelebt - ihr Herz war plötzlich stehengeblieben. Gerechnet hatte sie damit wohl nicht.

Die Frau, 70 Jahre alt, normale Statur, war mit einem Mal bewusstlos geworden. Als sie ins Moses Cone Hospital eingeliefert wird, schlägt ihr Herz schon wieder regelmäßig im Sinusrhythmus, so wie es auch bei gesunden Menschen üblich ist: Der sogenannte Sinusknoten als vorgesehener Taktgeber für den Herzschlag erledigt seine Arbeit wieder. Was dazu geführt hat, dass die Patientin nicht nur bewusstlos wurde, sondern auch die elektrischen Impulse im Herzen so sehr durcheinandergerieten, dass die Frau wiederbelebt werden musste, scheint auf den ersten Blick unerklärlich.

Die Frau ist zuckerkrank, sie leidet an der häufigen Variante Typ-2-Diabetes, die vor allem übergewichtige und ältere Menschen trifft. Auch über Brustschmerzen hat die Patientin schon einmal geklagt - allerdings sind bei ihr bislang keine Herzkrankheiten bekannt. Sie schluckt ein Diabetesmittel, das den Blutzuckerspiegel niedrig hält, eine Kapsel gegen Sodbrennen und saures Aufstoßen, ein Mittel zum Abnehmen, außerdem Kalzium und Vitamin D.

Das Herz schlägt wie bei einem jungen Menschen

Nach der Aufnahme in der Klinik machen die behandelnden Ärzte um Patrick Tobbia, die im Fachblatt "BMJ Case Reports" über ihre ungewöhnliche Patientin berichten, ein Elektrokardiogramm (EKG). Damit können sie den Stromfluss im Herzen beurteilen und hoffen herauszufinden, wie das unkoordinierte Flimmern der Herzkammern, das zum Stillstand des Herzmuskels geführt hat, entstanden ist. Zwar sehen die Mediziner jetzt den wünschenswerten Sinusrhythmus, das Herz schlägt auch regelmäßig 80-mal pro Minute. Doch die Stromkurve sieht nicht normal aus.

Als nächstes wird die Patientin per Ultraschall untersucht: Von knapp unter dem Brustbein aus betrachten die Ärzte bei einem Echokardiogramm das Herz. So können sie beurteilen, ob sich der Muskel normal bewegt. Sie messen auch, ob ausreichend Blut in die Gefäße gepumpt wird. Das erstaunliche Fazit der Untersuchung: Das Herz der 70-Jährigen wirft Blut aus, so wie man es von einem jungen Menschen erwarten würde. Es bewegt sich normal und an den Herzklappen können die Kardiologen keine Unregelmäßigkeiten erkennen.

Während des Krankenhausaufenthalts der Patientin kommt es dennoch immer wieder zu lebensgefährlichen Momenten: Die Herzkammern beginnen erneut zu flimmern, das Herz der Frau bleibt wieder stehen. Vor dem zweiten Zwischenfall bemerken die Ärzte im EKG, dass die Herzfrequenz nur noch bei 50 Schlägen pro Minute liegt, die Stromkurve weicht deutlich von der Norm ab. Jetzt wirft auch das Herz nicht mehr so viel Blut aus wie zuvor, der Herzmuskel bewegt sich weniger, die Herzklappen schließen nicht mehr richtig.

Nach den wiederholten Zwischenfällen bringen die Mediziner ihre Patientin schleunigst in das Herzkatheterlabor. Dort wird mit Hilfe eines Katheters Kontrastmittel in die Herzkranzgefäße gespritzt, um diese genau betrachten zu können. Die Mediziner stellen fest, dass die rechte Herzkranzarterie, die den Herzmuskel mit Sauerstoff versorgt, durch einen Muskelkrampf eng zusammengezogen ist. Ärzte nennen diesen Zustand Vasospasmus, zu deutsch Gefäßkrampf. Tobbia und seine Kollegen spritzen der Patientin ein Medikament, das die Gefäße schlagartig weit werden lässt - der Gefäßkrampf löst sich, die Beschwerden der Frau lassen nach.

Röntgenaufnahme aus dem Herzkatheter der Patientin: Das verkrampfte Gefäß ist noch leicht zu erkennen, während sich der Vasospasmus bereits löst
NEJM

Röntgenaufnahme aus dem Herzkatheter der Patientin: Das verkrampfte Gefäß ist noch leicht zu erkennen, während sich der Vasospasmus bereits löst

Des Rätsels Lösung ist das Abnehmmittel, das die Patientin erst seit Kurzem schluckt: Sie nimmt den in den USA auf Rezept erhältlichen Wirkstoff Phentermin. Die weißblauen Kapseln enthalten ein geruchloses, weißes Pulver - und sind in Deutschland nicht zugelassen. Der Grund: Zu den möglichen schweren Nebenwirkungen gehören Störungen der Herzklappenfunktion.

Nachdem die - nahezu normalgewichtige - Patientin das Phentermin absetzt, hat sie auch keine Herzbeschwerden mehr.

Wie genau das Mittel dazu führen soll, dass übergewichtige Menschen abnehmen, wüssten Mediziner bis heute nicht, schreiben die Ärzte. Doch seit der US-Zulassung durch die Food and Drug Administration (FDA) 1973 habe es immer wieder Berichte über Schlaganfälle, Herzinfarkte, Rhythmusstörungen und Herzstillstände im Zusammenhang mit Phentermin gegeben.

Der Frau in North Carolina konnten die Ärzte das Leben retten. Ein prominenter Patient dagegen, der mit Hilfe von Phentermin abnehmen wollte, ist an den Nebenwirkungen des Mittels gestorben: Nach dem Tod des US-Schauspielers Charles "Bubba" Smith, bekannt als Lt. Hightower aus der "Police Academy"-Filmreihe, im August 2011 gaben die Behörden bekannt, der Hüne sei an einer Phenterminvergiftung in Verbindung mit Herzkrankheiten gestorben.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
allereber 03.11.2012
1. Kein Wissen.
das ist reiner kaliummangel,meißt nach durchfall. die meißten ärzte unterschätzen dies. bananen,bohnen und pfifferlinge essen.
panteroo 03.11.2012
2.
Mein lieber Autor und Narkosearzt! Ihre Kollegen lesen den Artikel und fremdschämen sich für die Wahl des Titels. Besser wäre doch "Herzstillstand wie bei der Police Academy". Selten so eine schlechte Wiedergabe eines Case Reports gelesen - das ist schon echter Käse. Und das das kein Problem ist, das mit Bananen gelöst wird ist auch allen klar, oder?
Surgeon_ 03.11.2012
3. Ach, die FDA
läßt das Zeug zu, obwohl es gefährlich ist und in D nicht zugelassen ist ? Was ist das denn für ein korrupter Verein ?? Und Hightower starb daran !
hm1980 04.11.2012
4.
Zum ersten Foristen: mit Halbwissen kann man nicht immer glänzen! Bevor man Menschen kritisiert, die fast 25 Jahre Ausbildung hinter sich haben (13 Jahre Schule, 6 Jahre Studium, 5 Jahre Facharztausbildung), sollte man sich erstmal richtig informieren. Klar kann Kalium Herzrhythmusstörungen hervorrufen, das hat aber mit oben genanntem Fall nichts zu tun. Und das weiß auch jeder Arzt. Und MEIST beherrschen die auch die deutsche Rechtschreibung in groben Zügen. Dank Menschen wie Ihnen, die noch die schwierigsten Fälle dank dem Internet und "gesundem" Menschenverstand lösen können, sind ja teuer ausgebildete Spezialisten überflüssig und das deutsche Gesundheitssystem ist gerettet!
vincent1958 04.11.2012
5. Ups..
Zitat von hm1980Zum ersten Foristen: mit Halbwissen kann man nicht immer glänzen! Bevor man Menschen kritisiert, die fast 25 Jahre Ausbildung hinter sich haben (13 Jahre Schule, 6 Jahre Studium, 5 Jahre Facharztausbildung), sollte man sich erstmal richtig informieren. Klar kann Kalium Herzrhythmusstörungen hervorrufen, das hat aber mit oben genanntem Fall nichts zu tun. Und das weiß auch jeder Arzt. Und MEIST beherrschen die auch die deutsche Rechtschreibung in groben Zügen. Dank Menschen wie Ihnen, die noch die schwierigsten Fälle dank dem Internet und "gesundem" Menschenverstand lösen können, sind ja teuer ausgebildete Spezialisten überflüssig und das deutsche Gesundheitssystem ist gerettet!
..."dank dem Internet"..?Man gewöhnt sich an allem ,auch an dem Dativ ...und das nach so langer Ausbildungszeit:-)
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