Ein rätselhafter Patient Seltsame Herztöne und dauernder Wadenschmerz

Kopfweh und Schmerzen in der Wade: Zunächst klingen die Beschwerden der 19-Jährigen wenig bedrohlich. Doch in der Kardiologie wird den Ärzten schnell bewusst, in welcher Gefahr ihre Patientin schwebt.

Zwei Aufnahmen aus dem Herzkreislaufsystem der Patientin: Auf Bild A zeigen sich im Ultraschall verdickte Gefäßwände (Klammer mit der Bezeichnung "Vegetation"). Im Bild B ist eine Dopplersonografie der rechten Beinarterie zu sehen, in der sich eine Aussackung (Pfeil) befindet.
The Lancet

Zwei Aufnahmen aus dem Herzkreislaufsystem der Patientin: Auf Bild A zeigen sich im Ultraschall verdickte Gefäßwände (Klammer mit der Bezeichnung "Vegetation"). Im Bild B ist eine Dopplersonografie der rechten Beinarterie zu sehen, in der sich eine Aussackung (Pfeil) befindet.

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Zwei Aufnahmen aus dem Herzkreislaufsystem der Patientin: Auf Bild A zeigt sich im Ultraschall, dass sich Bakterien an den Gefäßen (Klammer mit der Bezeichnung "Vegetation") angesiedelt haben. Im Bild B ist eine Dopplersonografie der rechten Beinarterie zu sehen, in der sich eine Aussackung (Pfeil), ein sogenanntes Aneurysma, befindet.

Die 19-jährige Collegestudentin kommt ins Krankenhaus der St. George's University im britischen London, weil sie seit einer Woche Kopfschmerzen hat. Deutlich länger plagen sie bereits Schmerzen in der rechten Wade, die seit einem Monat kommen und gehen. Sie fühlt sich krank und hat ab und zu auch Fieber.

Bei der Untersuchung hat sie Fieber mit 39 Grad Celsius. Die Ärzte hören neben ihren normalen Herztönen Geräusche, während das Herz sich füllt und während es das Blut in den Kreislauf pumpt. Beides ist nicht normal und kann auf akute wie chronische Herzkrankheiten hinweisen.

Bei der Blutuntersuchung im Labor fällt nur auf, dass die Patientin eine schwach ausgeprägte Blutarmut hat und ein Entzündungswert, das C-reaktive Protein (CRP), deutlich angestiegen ist.

Die Mediziner untersuchen das Gehirn in einer Kernspintomografie (Magnetresonanztomografie, MRT). Dort fällt ein kleiner Infarkt in der linken oberen Großhirnhälfte auf, berichten die Kardiologen im Fachmagazin "The Lancet" .

Findet sich die Ursache im Herzen?

Im Ultraschall sehen sie, dass die Aortenklappe sich nicht mehr richtig schließt - das ist die Herzklappe zwischen linker Herzkammer und Schlagader. Auf den Taschen der Klappe wachsen gut sichtbar Bakterien, ebenso auf den Segeln der Mitralklappe zwischen linkem Vorhof und linker Herzkammer.

Die Patientin leidet an einer bakteriellen Endokarditis, einer potenziell lebensbedrohlichen Krankheit, weil nicht nur die betroffenen Herzklappen zerstört werden können, sondern weil sich an den Klappen Thromben bilden, die abreißen und mit dem Blutfluss in anderen Organen die Gefäße verstopfen können. Häufig sind solche Infektionen der Herzinnenhaut Folge einer Behandlung zum Beispiel beim Zahnarzt, doch die britische Patientin war in letzter Zeit nicht in ärztlicher Behandlung.

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Um den Erreger zu identifizieren, nehmen die Ärzte der Patientin Blutproben ab, aus denen sie die Bakterien kultivieren. Zeitgleich starten sie die Therapie mit Antibiotika, die sich gegen die häufigsten und damit wahrscheinlichen Erreger richten. Die Mikrobiologen identifizieren nach zwei Tagen das Bakterium Abiotrophia defectivus als Verursacher der Endokarditis, woraufhin die Ärzte die Antibiotika zielsicherer auswählen können.

Weil die Aortenklappe kaum mehr ihre Funktion erfüllt, die Schlagader und die linke Herzkammer voneinander zu trennen und nur zu öffnen, während Blut aus dem Herzen in den Kreislauf gepumpt wird, muss sie ersetzt werden. Bei der Operation reparieren die Herzchirurgen auch die Mitralklappe. Damit sind die Endokarditis und die durch diese entstandenen Herzklappenfehler behandelt.

Die Beschwerden kehren zurück

Doch drei Wochen nach der Operation hat die Patientin erneut Wadenschmerzen. Die Beine sind nicht geschwollen, alle Pulse gut zu tasten. Allein an der rechten Handarterie ist der Puls kaum zu spüren, ungewöhnlich bei einer jungen Patientin. Die Ärzte untersuchen die Arterien in Armen und Beinen genauer.

In Ultraschall- und Computertomografie-Untersuchungen der Wade sehen sie eine durch Bakterien ausgelöste Aussackung einer Schlagader, ein Aneurysma. Und die rechte Armarterie ist verschlossen, der Arm wird nur noch durch Umgehungskreisläufe versorgt. Das Aneurysma wird operiert, die Chirurgen legen einen Bypass, damit die Wade ausreichend mit Blut versorgt wird. Im Aneurysma finden die Pathologen Hinweise, dass die gleichen Bakterien wie bei der Endokarditis für das Aneurysma verantwortlich sind. Den rechten Arm müssen die Ärzte nicht operieren, hier reichen Medikamente aus.

Nach insgesamt 50 Tagen in der Klinik und sechs Wochen Antibiotikabehandlung kann die 19-Jährige das Krankenhaus wieder verlassen. Bei einer Untersuchung mehrere Monate danach hat die Frau keine Beschwerden mehr, die Herzklappen funktionieren gut.

ZUM AUTOR
  • Dennis Ballwieser arbeitet für den Verlag der "Apotheken-Umschau" und ist Arzt. Von 2011 bis 2013 war er Redakteur bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 7 Beiträge
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Spiegelleserin57 05.04.2015
1. Endocarditis...
auch wenn man eine Erkältung nicht ausreichend ausheilt und vorzeitig zur Arbeit geht oder diese Grunderkrankung ignoriert können solche Probleme auftreten. Darüber sollte jeder Arbeitnehmer informiert sein.
wgschmidt 05.04.2015
2. Diese bösen Zahnärzte mal wieder!
> Häufig sind solche Infektionen der > Herzinnenhaut Folge einer Behandlung > zum Beispiel beim Zahnarzt, ... oder von Krankenhausaufenthalten. Schätzungen zufolge holen sich 50% der Patienten ihre Endocarditis im Krankenhaus. Was also tun? Ganz einfach - nicht mehr zum Zahnarzt gehen und nicht mehr ins Krankenhaus. Tja, ganz so einfach ist das aber nicht. Mit einem Herzfehler geboren werden sollte man beispielsweise auch nicht und auch keine künstliche Herzklappe haben. (Man tut im Gegenteil ausgesprochen wohl daran, sich bei Endocarditisgefahr einer guten Mundhygiene zu befleißigen. Ein heiles Zahnfleisch ist kaum durchlässig für Bakterien, wohingegen ein ständig entzündetes reichlich Bakterien ins Blut gelangen läßt.)
suhlerin 05.04.2015
3. Ein unsauber arbeitender
Uahnarzt,eine nicht auskurierte balterielle Grippe und vieles mehr können zu einer Endokarditis führen. Und nicht immer geht es so glimpflich aus wie im geschilderten Fall.Oft sterben auch Patienten weil die Endokarditis zu spät erkannt wird und dadurch die OP zu spät erfolgt.Aber dann waren wieder die bösen Herzchirurgen Schuld.Obwohl die in einem solchen Fall die letzte Instanz sind.
dopi 05.04.2015
4. Mit 19 Aortenklappen-OP
Bioklappen halten durchschnittlich so um die 10+ Jahre, künstliche länger aber um den Preis der Blutverdünnung... Der jungen Dame stehen noch also einige OPs bevor... Umso wichtiger, dass Patienten vermeintlich harmlose bakterielle Infektionen gründlich auskurieren!!!
CancunMM 06.04.2015
5. @spiegelleserin57
mit welcher chuzpe sie hier immer wieder halbedizinisches wissen verbreiten ist schon einzigartig. sie meinen eine myokarditis, die schon mal nach einer virusinfektion auftreten kann. diese führt eher zu einer herzinsuffizienz bis hin zur tranplantationspflichtigkeit. in dem artikel wird von einer endokarditis gesprochen. diese wird zumeist von bakterien verursacht und vor allem, aber nicht nur bei vorgeschädigten klappen. selten auch bei gesunden klappen. manchmal auch verursacht durch pilze, aber eher dann bei immunsuppremierten.
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