Hyposensibilisierung: Nur vier Spritzen gegen Heuschnupfen

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Medikamente, die müde machen, Sprays, die nur vorübergehend helfen: Bei Heuschnupfen greift nur die Hyposensibilisierung an den Wurzeln des Übels an. Doch die Behandlung dauert Jahre, der Patient muss unzählige Spritzen in Kauf nehmen. Eine neue Immuntherapie könnte schneller zum Erfolg führen.

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Corbis

Lästige Heuschnupfen-Symptome: Immunisierung des Körpers ist langwierig

Kaum erwachen Bäume und Gräser im Frühjahr zu neuem Leben, trieft die Nase, die Augen tränen und der Hals juckt. Schätzungen zufolge sind zwischen 15 und 30 Prozent der Deutschen Heuschnupfen-Geplagte. Und obwohl dieses Jahr der Winter besonders hart und lang ausgefallen ist, hat die Allergie bei einigen bereits schon jetzt zugeschlagen.

Für die meisten heißt es dann, ran an die Medikamente und Sprays - Hauptsache, die Symptome verschwinden. Andere aber wollen den Heuschnupfen ganz loswerden und setzen auf Spritzen. Hyposensibilisierung nennt sich die Behandlung, der sich Tausende unterziehen - die aber aufwendig ist und mehrere Jahre dauert.

Das soll sich bald ändern. Harold Nelson vom National Jewish Health Hospital in Denver und sein Team erproben derzeit an 1200 Allergikern einen Wirkstoff, der Allergien binnen nur drei Monaten langfristig lindern soll.

Gute Ergebnisse bei Katzenhaarallergie

ToleroMune, so der Markenname des Wirkstoffs, wurde zuletzt an 202 Patienten mit Katzenhaarallergie getestet: Allergologen untersuchten zunächst deren Reaktion auf Katzenhaare und dokumentierten die Symptome. Anschließend bekam die Hälfte der Allergiker den Wirkstoff innerhalb von drei Monaten viermal gespritzt. Den restlichen Probanden injizierten die Forscher ein wirkungsloses Placebo.

Nach zwei Jahren ließen 50 Patienten die Wirkung der Spritzen überprüfen. Das Ergebnis: Bei 21 der Probanden, die mit dem Wirkstoff behandelt worden waren, fielen die Symptome im Schnitt um die Hälfte geringer aus als beim ersten Kontakt mit den Katzenhaaren. Dagegen verbesserte sich die Situation bei den Patienten in der Placebo-Gruppe nur um 15 Prozent. Auch nachdem die Probanden vier Tage hintereinander mit Katzenhaaren in Kontakt gekommen waren, zeigte sich bei den geimpften immer noch eine Verbesserung um 38 Prozent im Gegensatz zu gut 13 Prozent in der Kontrollgruppe.

Inzwischen wird ToleroMune an 110 Kliniken in den USA, Kanada und Europa erprobt. Ergebnisse erwarten die Wissenschaftler bis Mitte 2014. Margitta Worm von der Charité Berlin, die an der aktuellen Studie mitwirkt, schätzt, dass die neue Immunisierung Mitte 2016 auf den Markt kommen könnte. Auch Kristian Reich vom Dermatologikum Hamburg, der nicht an der Studie beteiligt ist, hält die Therapie für vielversprechend: "Es scheint, als wäre es den Forschern damit gelungen, einige Hürden der Hyposensibilisierung zu umgehen", sagt der Allergologe.

Der Körper gewöhnt sich nur langsam an Allergene

Eines der größten Hindernisse ist bisher der Zeitfaktor: Bei der üblichen Behandlung bekommen die Patienten jenes Protein gespritzt, auf das ihr Immunsystem überreagiert. Mit jeder Spritze wird die Dosis erhöht, bis sich der Körper an die Substanz gewöhnt. Das dauert drei bis fünf Jahre - 30 bis 80 Spritzen beim Arzt sind nötig. Derzeit ist die klassische Hyposensibilisierung die einzige Methode, die die zugrundeliegende Krankheit behandelt und nicht nur die Symptome.

Der Grund, warum die Behandlung so zeitaufwendig ist, ist die Reaktion des Körpers: "Die Gefahr bei der Hyposensibilisierung ist, dass das Immunsystem zu stark auf die Behandlung reagiert", sagt Reich. Probleme bereiten sogenannte Mastzellen, Immunzellen, die bei einem vermeintlichen Angriff auf den Körper das Hormon Histamin in großen Mengen ausschütten. Das führt zur allergischen Reaktion, in seltenen Fällen zum Zusammenbruch des Herz-Kreislauf-Systems - einem anaphylaktischen Schock.

"Ziel der Allergieforschung ist es, einen Weg zu finden, die T-Zellen umzuprogrammieren, dabei aber die Mastzellen nicht zu aktivieren", erklärt Reich. T-Zellen steuern die Immunantwort im Körper und verhindern bei Gesunden, dass eigentlich harmlose Stoffe bekämpft werden. Mit der neuen Methode scheinen die Forscher einen Schritt weiter gekommen zu sein.

Sollte die ToleroMune-Studie die erhofften Ergebnisse liefern, wäre das für Betroffene eine attraktive Alternative zur herkömmlichen Hyposensibilisierung. Allerdings stehen die Forscher in der Praxis noch vor einer weiteren Hürde: Der Wirkstoff ToleroMune richtet sich bisher nur an Katzenhaarallergiker. Dennoch könnte die Entwicklung auch für Pollenallergiker von Bedeutung sein. "Das Prinzip ist bei vielen Allergenen das Gleiche", sagt die Charité-Forscherin Worm. "Deshalb ist davon auszugehen, dass es auch bei Heuschnupfen funktioniert."

Was hilft bei Heuschnupfen?
Hier lesen Sie die wichtigsten Therapien gegen Heuschnupfen im Überblick.

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insgesamt 77 Beiträge
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1.
stepanus34 28.03.2013
Es gibt ein gaaaanz einfaches Mittel gegen die Mehrzahl aller Allergien: eine Ernährung die auf tierische Produkte verzichtet. Auch auf Milchprodukte. Zuerst gehört von Professor Walter Veith ( viele Videos auf youtube zu finden ), dann selber probiert ( meine Frau litt alljährlich unter allergischen Reaktionen auf die erwachende Alles-blüht-Saison ); nach dem vollständigen Verzicht auf tierische Produkte waren, und das seit nunmehr 10 Jahren, keine Medikamente mehr notwendig, um die allergischen Reaktionen zu bekämpfen. Die Milchlobby und die Pharmazie wirds nicht freuen, uns schon. Vielleicht auch bald Sie.
2. Heuschnupfen
Blizzard 28.03.2013
Zitat von stepanus34Es gibt ein gaaaanz einfaches Mittel gegen die Mehrzahl aller Allergien: eine Ernährung die auf tierische Produkte verzichtet. Auch auf Milchprodukte. Zuerst gehört von Professor Walter Veith ( viele Videos auf youtube zu finden ), dann selber probiert ( meine Frau litt alljährlich unter allergischen Reaktionen auf die erwachende Alles-blüht-Saison ); nach dem vollständigen Verzicht auf tierische Produkte waren, und das seit nunmehr 10 Jahren, keine Medikamente mehr notwendig, um die allergischen Reaktionen zu bekämpfen. Die Milchlobby und die Pharmazie wirds nicht freuen, uns schon. Vielleicht auch bald Sie.
Davon habe ich tatsächlich noch nie gehört. Ich werde jährlich vom Heuschnupfen sehr geplagt, muss aber ehrlich gestehen, dass ich lieber Medikamente nehme als wegen Heuschnupfen vegan zu leben...
3. Bioresonanz
dasbeau 28.03.2013
Hyposensibilisierung hab ich knapp 3 Jahre über mich ergehen lassen. Ergebnis: Null. Danach wenige Wochen Bioresonanztherapie und die Allergien waren weg.
4. Komisch
widower+2 28.03.2013
Zitat von stepanus34Es gibt ein gaaaanz einfaches Mittel gegen die Mehrzahl aller Allergien: eine Ernährung die auf tierische Produkte verzichtet. Auch auf Milchprodukte.
Warum haben dann Bauernkinder in Deutschland mit Abstand am wenigsten Allergien? Die sind in 99,9 % aller Fälle keine Veganer. Der einfachste Weg ist, die Entstehung von Allergien zu vermeiden. Die überbesorgte Mutter, die nie ohne Sagrotanflasche in der Hand zu sehen ist, das gesamte Umfeld ihrer Kinder möglichst keimfrei hält und diese nur alle Jubeljahre mal draußen spielen lässt, ist in der Regel stolz auf das schöne Heim, das sie ihren Kindern schafft. Dabei betreibt sie eigentlich eine Allergikerzuchtanstalt.
5. Welche Einschränkung ist größer?
berioldir 28.03.2013
Verzicht auf tierische Produkte? Da wären in meinem Fall die Einschränkungen durch diesen Verzicht größer als die Einschränkungen durch die Allergie. Selbes bezieht sich auf Rohkosternährung. Auf alles verzichten, was ich gerne esse? Nein danke. Vielmehr stört mich in der Überschrift des Artikels "Bei Heuschnupfen greift nur die Hyposensibilisierung an den Wurzeln des Übels an." Genau DAS tut eine Hyposensibilisierung nicht, durch die Gewöhnung an das Allergen wird die Immunreaktion unterdrückt - also nicht viel besser als eine Tablette. Und ein zwei Jahre später bricht dann nicht nächste Allergie gegen ein anderes Allergen aus (schon viele Male bei verschiedenen Leuten erlebt)
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Zur Autorin
  • Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus und begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft von SPIEGEL ONLINE.

Heuschnupfen
Symptome
- Niesreiz
- Schnupfen
- Juckreiz
- Husten
- Augenbrennen
- Atemnot
- Hautauschlag
- Kopfschmerzen
- Fieber
- Erschöpfung
- Kreislaufprobleme
Diagnose
Ausführliches Gespräch mit dem Arzt (Anamnese)

Welche Beschwerden treten gegenwärtig auf oder hatten Sie in der Vergangenheit? Hierfür hilft ein ausführlicher Fragebogen.

Pricktest

Verschiedene Allergene werden in winzigen Mengen auf die Haut aufgetragen oder in die Haut gespritzt. Eine Hautrötung und eine Schwellung zeigen eine allergische Reaktion an.

Labortest

Es gibt verschiedene Bluttests zum Nachweis von Antikörpern. Mit dem RAST-Test können spezifische IgE-Antikörper gegen die jeweiligen Pollen nachgewiesen werden.

Provokationstest (eher selten)

Zur Sicherung der Diagnose kann ein Provokationstest durchgeführt werden, bei dem die verdächtigen Pollen zum Beispiel auf die Nasenschleimhaut aufgebracht werden, um die Symptome zu provozieren.
Therapie
Hyposensibilisierung:

- Langzeittherapie mit Spritzen. Beginn im Herbst, vier bis 16 Wochen lang wöchentliche Injektionen, danach drei Jahre lang monatliche Injektionen. Erfolgsquote: 60–90 Prozent. Achten Sie darauf, dass die von Ihrem Arzt verwendete Mischung eine gültige Zulassung hat:

Liste der zugelassenen SIT-Mischungen

- Langzeittherapie mit Tropfen (nur für Hasel-, Birken-, Erlen-, Gräserpollen) oder Tabletten (nur bei Gräserpollen möglich). Tägliche Tropfen- oder Tabletteneinnahme erforderlich, drei Jahre lang. Erfordert hohe Disziplin des Patienten. Erfolgsquote 40 bis 80 Prozent.
Medikamente
- Antihistamine (z.B. Loratadin, Ceterizin als Tabletten, Nasenspray, Augentropfen – rezeptfrei)

- Mastzellstabilisatoren (z.B. Cromoglicinsäure als Tabletten, Nasenspray, Augentropfen – rezeptfrei)

- Kortison (Tabletten oder Nasenspray – rezeptpflichtig)

Was zahlt die Kasse?
Die meisten Antiallergika sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich und werden daher generell nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt (mit Ausnahme für Kinder bis zum 12. Lebensjahr). Einzige Ausnahme: Nur in schweren Fällen von Heuschnupfen, wenn eine Behandlung mit Cortison-Nasenspray nicht ausreicht, übernimmt die Kassen die Kosten für nicht rezeptpflichtige Präparate. Verschreibungspflichtige Antiallergika hingegen werden von den Kassen bezahlt.

Die Hyposensibilisierung ist eine Kassenleistung.

Ob Akupunktur gegen Heuschnupfen hilft, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen die Akupunktur-Behandlung nicht. Eine Sitzung kostet rund 30 bis 70 Euro.
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