Heuschnupfen Röchelnde Monster

Pollenallergiker haben es schwer. Sie sollen nur morgens lüften, ständig Hände und Gesicht waschen - und manch einer wird gar zum röchelnden Menschenschreck. Da ist es doch besser, sich Medikamente reinzupfeifen und den Sommer zu genießen, meint Frederik Jötten.

Kein Monster, aber auch von Allergie geplagt: Pavian im Awajishima-Zentrum in Japan
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Kein Monster, aber auch von Allergie geplagt: Pavian im Awajishima-Zentrum in Japan


Es dämmert schon im Park, als ich das Röcheln höre. Bis zu diesem Moment bin ich gejoggt, jetzt bleibe ich stehen im Schutz einer Hecke - denn das Geräusch kommt näher. Gleich wird es - was auch immer - um die Ecke biegen. Ich warte halb verängstigt, halb neugierig, dann röchelt es direkt vor mir. Ein Mann mit einer schwarzen Maske über dem Mund läuft an mir vorbei, laut saugt er Luft ein und stößt sie wieder aus. Ich halte den Atem an, aber er beachtet mich nicht.

Nein, das ist kein Hannibal Lecter auf der Suche nach einem neuen Opfer, hier hat eine Allergie einen sportlichen Menschen zum Monster gemacht: Nur bei Dunkelheit traut er sich noch aus dem Haus, um den Pollen aus dem Weg zu gehen. Und auch das nur mit dieser finsteren Maske.

Wird es bei mir auch noch so schlimm kommen? Ich habe Heuschnupfen. Als ich 31 war, kam er plötzlich über mich. Triefende Nase, Hustenanfälle, ein Jucken in den Augen, das so stark war, dass ich sie mir am liebsten ausgekratzt hätte. Jedes Jahr hoffe ich, dass die Pollenallergie ausbleiben wird, dass sie so plötzlich verschwindet, wie sie gekommen ist - bisher vergeblich. Trotzdem kann ich jetzt munter durch den Park joggen. Der einzige Grund dafür sind Tabletten, die ich täglich einwerfe. Manchmal beginnt trotzdem ein Auge zu jucken, dann tropfe ich zusätzlich Augentropfen hinein. Mit diesen Medikamenten, beide sind Antihistaminika, spüre ich nichts mehr von der Allergie.

Die Gefahr der täglichen Medikamente?

Andererseits ist es mir unheimlich, dass ich täglich zumindest ein Medikament nehme, dass ich in meinen Dreißigern davon abhängig bin. Und außerdem greift das Arzneimittel ins Immunsystem ein - kann man wirklich alle Folgen absehen? Immerhin gibt es Mediziner, die es für möglich halten, dass Allergien auch eine positive Wirkung haben könnten.

Und außerdem: Besteht nicht die Gefahr, dass ich Antihistaminika zu leichtfertig einsetze, dass sie dadurch in der Wirkung nachlassen und ich irgendwann keinen Wirkstoff mehr habe, der mir hilft, wenn es mir richtig schlecht ginge?

Ich schaue mir die Alternativen an. Allergikern wird geraten, nur zwischen 19 und 24 Uhr zu lüften, wenn sie auf dem Land leben und nur zwischen sechs und acht Uhr, wenn sie in der Stadt wohnen. Ich lebe in der Stadt - das heißt aber auch, dass morgens um 6:30 Uhr eine Kehrmaschine durch meine Straße fegt (laut und Pollen aufwirbelnd) und um sieben Uhr die Müllabfuhr kommt (laut und stinkend) - ich bevorzuge deshalb andere Zeiten zum Lüften.

Ein weiterer Ratschlag: Möglichst wenig Zeit draußen zu verbringen, wenn viele Pollen fliegen. Wie soll ich dann die notwendige Dosis Vitamin D bekommen? Wie soll ich mich dann so viel bewegen, wie es gesund ist? Außerdem versuche ich möglichst viel im Freien zu sein, weil ich das schön finde. Was soll es da bringen, ein anderer Ratschlag, mein Gesicht und meine Haare zu waschen, wenn ich von draußen komme? Wenn ich Pollen wirklich vermeiden wollen würde, müsste ich eine Klimaanlage mit pollendichtem Filter haben, ich bräuchte eine Schleuse an der Wohnungstür, ja ich müsste Tag und Nacht mit dieser schwarzen Maske im Gesicht herumlaufen. Aus Angst vor mir würden die Menschen aus den Parks und von den Straßen fliehen.

Ich habe mich entschieden: Ich nehme lieber Tabletten und genieße den Sommer.

POLLENALLERGIE - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

insgesamt 25 Beiträge
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agua 04.06.2014
1.
Ich habe Heuschnupfen seit meinem 4.Lebensjahr, hinzu kam nach einigen Jahren eine Allergie gegen Antihistaminika. Abends die Haare zumindest mit Wasser auszuspülen ist hilfreich, um die Pollen nicht mit in das Bett zu nehmen. Ansonsten nehme ich Augentropfen und vermeide die Augen zu berühren, wenn sie jucken. Antihistaminika der neuen Generation vertrage ich und nehme abends eine halbe Tablette, was für 3 Tage Linderung bringt. Den Sommer genieße ich trotzdem, und ich bin auch kein röchelndes Monster.
Thorkh@n 04.06.2014
2. Um das Niesen ...
... zu lindern und auch die Augenreizung, einfach eine großglasige Sonnebrille tragen. Das Zusammenkneifen der Augen führt nämlich durch Spannung der Gesichtsmuskulatur zur Reizung der Schleimhäute. Mit Sonnenbrille bleibt die Gesichtsmuskulatur locker und die Anfälle fallen schwächer und in größeren Abständen aus. Nur das Tränen der Augen und Naselaufen bleibt, wie es ist. Aber damit kann man auch ohne Medikamente leben.
salmo 04.06.2014
3. Harmlos
Antihistamine der 2ten und 3ten Generation sind mit die harmlosesten Medikamente die es gibt. Wer sie bei starken Beschwerden nicht nimmt, ist selbst schuld. Von Gewöhnungseffekten habe ich bisher noch nie etwas gemerkt. Ausserdem gibt es verschiedene Wirkstoffklassen zu denen man dann notfalls wechseln kann.
Der_Widerporst 04.06.2014
4.
Diese Vitamin D - Kiste ist in der Tat problematisch. Grundsätzlich halte ich eine Substitution durch Medikamente bei einigermaßen gesunder Ernährung für unnötig, Ausnahmen bilden Vitamin D, Vitamin A und das Spurenelement Fluor, wo das Wirkungsspektrum was über- oder Unterdosierung betrifft recht eng ist. Die Vitamin A - Problematik lässt sich leicht lösen, indem man auf ß-Carotin zurückgreift, der Körper holt sich dann, was er braucht. Eine ausreichende Vitamin D - Versorgung ist gerade im Winter problematisch, aber auch im Sommer sollte man gerade wenn man keine 20 mehr ist und die Reparaturmechanismen gegen UV-Strahlung nicht mehr effizient sind, besser eine Abwägung zugunsten einer mengenmäßig gezielten Substitution (also Vitamin D3 Tabletteneinnahme) vornehmen und UV-Strahlung besser aus dem Weg gehen. Ich weiß, das die Naturapostel jetzt wieder über mich herfallen, aber was richtig ist, muss gesagt werden.
emporda 04.06.2014
5. Was für ein saudummer Rext
Meine Fru ist Allergiker und Asthmatiker. Es sind nicht nur die Pollen in den Monaten Mai und Juni, auch Staub, Milben, Schimmel und diverse Partikel der Luftverschmutzung lösen fatale Immunreaktionen aus. Man kann nicht immer sofort Cortison spritzen, auch wenn sonst kaum etwas hilft. Der Körper fängt an auch darauf "komisch" zu reagieren. Irgendwann kann man keinen Ort mit schlechter Luft mehr besuchen, großen Bauten mit schlechter Klimatisierung sind komplett unnmöglich, ebenso alte Gebäude mit feuchtem Mauerwerk. Das bedeutet ein große Stadt, eine Klinik oder Behörde, ein feuchter Altbau, ein Restaurant mit Gestank von Frittenfett usw. sind alles no-go Bereiche. Derzeit liegt die Mutter mit 92 schwer krank in der Klinik, wir können sie nicht besuchen. Nach 10 Minuten liegt die Frau auf der Bahre in der Intensivstation Was bleibt sind rein ländliche Gegenden am besten mit einem Holzhaus. Wer etwas wil muss uns besuchen, wir können dort nicht hin
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