Organspende-Debatte Ethikrat streitet über Definition des Todes

Ist ein Mensch erst tot, wenn sowohl Hirn als auch Herz versagen? Oder genügt der Hirntod als Kriterium? Die Frage entzweit den Deutschen Ethikrat. In einem Punkt sind sich aber beide Gruppen einig: Hirntoten dürfen Organe entnommen werden.

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MRT vom Gehirn: Gilt ein Mensch als tot, wenn seine Hirnfunktionen versagen?
DPA

MRT vom Gehirn: Gilt ein Mensch als tot, wenn seine Hirnfunktionen versagen?


Was ist menschliches Leben? Was genau ist der Tod? Wann ist ein Mensch wirklich tot? Die Fragen, die philosophisch anmuten, haben auch praktische Konsequenzen: Gemäß dem deutschen Transplantationsgesetz dürfen lebenswichtige Organe nur aus Toten entnommen werden. Entscheidend dabei ist der Hirntod. Er gilt international als zentrales Kriterium für die Definition des menschlichen Todes.

Hinter dieser Definition steckt die Idee, dass der komplette und irreversible Verlust der Hirnfunktionen tatsächlich das Ende des ganzheitlichen Funktionierens eines Menschen darstellt. Doch in den vergangenen Jahren ist der Konsens über diese Definition ins Wanken geraten. Grund dafür sind insbesondere die Erkenntnisse des US-Neurologen Alan Shewmon. Er beschrieb zahlreiche Fälle, in denen Hirntote in intensivmedizinischer Pflege noch jahrelang zu leben schienen, bevor ihr Herztod folgte.

Hirntod
Definition
Der Hirntod bedeutet in Deutschland nach den Richtlinien der Bundesärztekammer, dass alle Funktionen des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstamms irreversibel erloschen sind. Nur durch eine kontrollierte Beatmung werden die Herz- und Kreislauffunktionen künstlich aufrechterhalten.
Bestimmung
Bei der Diagnostik müssen zwei erfahrene - von einer etwaigen Transplantation unabhängige - Intensivmediziner den Hirntod bestimmen. Zunächst müssen sie sich versichern, dass eine schwere primäre oder sekundäre Hirnschädigung (Blutung, Verletzung, Infarkt) vorliegt und keine Vergiftung, Drogenwirkung, Schock oder Ähnliches zum Ausfall der Hirnfunktionen geführt haben. Dann testen sie innerhalb von 12, 24 oder 72 Stunden zweimal, ob alle Funktionen, die über den Hirnstamm koordiniert werden, erloschen sind. Dazu zählen etwa der Lidschlussreflex, der Würgereflex, lichtstarre, weite Pupillen und der Ausfall der Spontanatmung. Ergänzend weisen sie mit einem Null-Linien-EEG, der fehlenden Durchblutung der Hirnarterien und mit weiteren speziellen Hirnstrommessungen nach, dass der Hirntod irreversibel eingetreten ist.
Kritik
Die Definition des Hirntods stammt aus dem Jahr 1968, in dem sich in den USA das sogenannte Ad Hoc Committee an der Harvard Medical School gründete. Es befürwortete den irreversiblen Ausfall aller Hirnfunktionen als neue Todesdefinition. Bis dahin war ein Mensch definitionsgemäß tot, wenn sein Herz und Kreislauf unwiederbringlich stillstanden. Kritiker halten entgegen, dass Hirntote noch schwitzen, ausscheiden und unter Umständen sogar ein Kind austragen können. Demnach ist das Gehirn nur eines von mehreren für den Erhalt der Lebensfunktionen wichtigen Organe. Der Deutsche Ethikrat hat im März 2012 vor dem Hintergrund des Transplantationsgesetzes über die Frage "Wann ist ein Mensch tot?" debattiert.
"Herztod"
Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Ländern wie den USA, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Österreich, Tschechien, Slowenien, Italien, Spanien und Portugal die Möglichkeit, Menschen unter definierten Umständen nach einem Herzstillstand Organe zu entnehmen - ohne dass ein Hirntod eingetreten oder diagnostiziert wurde. In Deutschland wird diese Praxis der "Non-Heart-Beating-Donors" sowohl von Seiten der Bundesärztekammer also auch der Politik strikt abgelehnt.

2012 hörte auch der Deutsche Ethikrat die Argumente Shewmons. Jetzt, zwei Jahre später, hat er die Ergebnisse der Diskussion über die Hirntod-Frage in einer Stellungnahme veröffentlicht.

Der Hirntod sei das richtige Kriterium für den Tod, sagt Reinhard Merkel, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg. Merkel vertritt damit die Meinung der Mehrheit des Deutschen Ethikrats. In seiner Begründung stützt sich das Gremium auf die Sonderrolle des Gehirns unter den menschlichen Organen: Das Gehirn, so heißt es in der Stellungnahme des Ethikrats, sei das zentrale Koordinierungsorgan des Menschen, die Grundlage der Psyche. Während die Funktion anderer Organe mithilfe technischer Maßnahmen aufrechterhalten oder ersetzt werden könnte, funktioniere das beim Gehirn nicht.

Fällt das Gehirn aus, erlischt die Empfindung

Werde bei einem Hirntoten - so wie bei einigen von Shewmon beschriebenen Fällen - Atmung oder Blutkreislauf durch künstliche Maßnahmen aufrechterhalten, sei der menschliche Körper keine eigenständig funktionierende Einheit mehr, argumentiert der Ethikrat. Durch einen endgültigen Ausfall aller Gehirnfunktionen würden auch die mentale Aktivität, die Empfindung und jede Möglichkeit von eigenständigem Verhalten und Austausch mit der Umwelt erlöschen. In diesem Zustand könne man nicht mehr von einem lebendigen Menschen sprechen.

Doch mit dieser Einschätzung sind nicht alle Mitglieder des Ethikrats einverstanden. Manche, darunter auch die Vorsitzende Christiane Woopen, sind der Auffassung, dass der Hirntod kein Kriterium für den Tod des Menschen ist.

Leben, so die Begründung, könne man als eine Art Systemgemeinschaft verstehen, mit einer Wechselwirkung unterschiedlicher Komponenten miteinander und mit der Umwelt - ohne zentrale Steuerung, die sonst dem Gehirn zugesprochen wird.

Mit anderen Worten: Auch nach dem Absterben des Gehirns verfügt der Organismus als Ganzes mithilfe der Intensivmedizin noch über vielfältige Fähigkeiten. Dazu gehören nach dieser Auffassung das Gleichgewicht, die Funktion der Leber und Nieren, des Kreislaufs sowie des Hormonsystems. Ein weiteres Argument: Hirntote können eine erfolgreiche Schwangerschaft zu Ende bringen.

Bemerkenswerterweise sind sich beide Gruppen der Ethikratsmitglieder in einem Punkt aber doch einig: Menschen mit irreversiblem Ganzhirnversagen dürfen lebenswichtige Organe entnommen werden (sofern der Patient es etwa in einer Patientenverfügung festgelegt hat).

Organentnahme ist bei Hirntoten legitim

Die Minderheit, die den Hirntot zwar nicht als zentrales Kriterium für den Tod eines Menschen hält, argumentiert dabei so: Mit der Diagnose des Hirntods sei der Befund verknüpft, dass der Mensch über keinerlei Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögen mehr verfügt. Zudem herrsche Einigkeit darüber, dass eine medizinische Weiterbehandlung nach dem Hirntod nicht mehr sinnvoll ist. Daher sei die Entnahme lebenswichtiger Organe als ethisch wie verfassungsrechtlich legitim, und nicht als Tötung zu werten.

Nach Auffassung beider Gruppen im Ethikrat bleibt also wie bisher die Organentnahme bei Hirntoten gerechtfertigt. Offen aber bleibt stattdessen die Frage, ob Organe dann einem Lebenden oder Toten entnommen werden.

Eckhard Nagel, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Essen, sieht "enorme Konsequenzen". Für ihn als Mediziner sei die Entnahme lebenswichtiger Organe aus einem Lebenden eine unvorstellbare Handlung. Er schließt sich der Meinung der Mehrheit des Ethikrats an: Das Leben stehe moralisch und rechtlich unter dem besonderen Schutz des Tötungsverbots, das ohne Abstufung bis an das Ende gelte.

Das Fazit beider Gruppen im Ethikrat aber ist: Mehr Transparenz und eine öffentliche Diskussion seien für ein größeres Vertrauen in die Transplantationsmedizin notwendig. Die Information und Kommunikation rund um die Organspende müsse verbessert werden. Für die Vorsitzende Woopen gibt es noch erheblichen Nachbesserungsbedarf.

ZUM AUTOR
  • Hristio Boytchev
    Hristio Boytchev ist freier Wissenschaftsjournalist und lebt in Berlin.

    www.hrist.io



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
Olaf 24.02.2015
1.
Ein wenig mehr Aussagekraft hätte ich mir von so einem Ethikrat schon erwartet. Wer Hirntot ist lebt doch noch irgendwie, aber die Organe darf man trotzdem entnehmen. Das ist widersprüchlich und letztlich feige, denn man wälzt die moralischen Probleme wieder auf die Menschen ab, die dann die Organe entnehmen sollen, anstatt sie zu unterstützen. Für solche Erkenntnisse braucht man keinen Ethikrat.
Enanti 24.02.2015
2. Tot ist jemand...
... wenn die eigenen Kriterien dafür erfüllt sind. Jeder sollte auf seinem Organspendeausweis selbst angeben können, wann er als tot angesehen werden will (Hirntod & Herztod, nur Hirntod, nur Herztod, anderes) . Diese Lösung trüge allen verschiedenen philosophischen und religiösen Auffassungen individuell Rechnung.
Schlumperli 24.02.2015
3. Schwierig
Wie soll man "einen endgültigen Ausfall aller Gehirnfunktionen" feststellen ? Das EEG gibt nur Auskunft über die Aktivität der Großhirnrinde. Das Bewusstsein mag verloschen sein, das Schmerzempfinden womöglich nicht. In diesem Zustand "ausgeweidet" zu werden, könnte fürchterlich sein. Es gibt Berichte von deutlichen Abwehrreaktionen (Reflexe ?) bei Organentnahmen in diesem Zustand. Die untrüglichen Todesmerkmale (Leichenflecken, Leichenstarre, Verwesung) werden nicht abgewartet, da die Organe sonst unbrauchbar wären. Manchem Organspender könnte eine entsetzliche Tortur bevorstehen. Die Entscheidung möge jeder mit Bedacht fällen.
Shelly 24.02.2015
4. Der Hirntod ist ein rein juristischer Begriff
der mit dem wirklichen Tod nichts zu tun hat. Er wurde erfunden, damit man lebenden (!) Menschen Organe entnehmen kann und sich die Ärzte dabei nicht strafbar mache, denn Organe von toten Menschen kann man nicht verwenden. Das sollte jeder wissen. Gleichzeitig wird uns immer wieder ein schlechtes Gewissen gemacht, wieviel Menschen auf Organe warten. Spätestens seit dem Tod von Fürst Thurn undTaxis 1990, der innerhalb kürzester Zeit zwei (!) Spenderherzen bekam, müsste eigentlich jedem klar sein, was hier für Gaschäfte gemacht werden. Geschäfte, bei denen es egal ist, ob der Organspender noch lebt. Und bevor jetzt wieder die Antworten kommen - nein, auch wenn ich vor kurz vorm sterben bin, ein Spenderorgan würde ich nicht nehmen, ich habe eben meine Prinzipien und aus Prinzip habe ich schon mal bei einer Krebserkrankung eine renommierte Klinik voller arroganter unfähiger Ärzte verlassen - ohne zu wissen wie es weitergeht. Das war vor 13 Jahren und genau deshalb habe ich den Krebs damals überlebt!
Softship 24.02.2015
5.
Zitat von Shellyder mit dem wirklichen Tod nichts zu tun hat. Er wurde erfunden, damit man lebenden (!) Menschen Organe entnehmen kann und sich die Ärzte dabei nicht strafbar mache, denn Organe von toten Menschen kann man nicht verwenden. Das sollte jeder wissen. Gleichzeitig wird uns immer wieder ein schlechtes Gewissen gemacht, wieviel Menschen auf Organe warten. Spätestens seit dem Tod von Fürst Thurn undTaxis 1990, der innerhalb kürzester Zeit zwei (!) Spenderherzen bekam, müsste eigentlich jedem klar sein, was hier für Gaschäfte gemacht werden. Geschäfte, bei denen es egal ist, ob der Organspender noch lebt. Und bevor jetzt wieder die Antworten kommen - nein, auch wenn ich vor kurz vorm sterben bin, ein Spenderorgan würde ich nicht nehmen, ich habe eben meine Prinzipien und aus Prinzip habe ich schon mal bei einer Krebserkrankung eine renommierte Klinik voller arroganter unfähiger Ärzte verlassen - ohne zu wissen wie es weitergeht. Das war vor 13 Jahren und genau deshalb habe ich den Krebs damals überlebt!
1) Die Aussage "Der Hirntod ist ein rein juristischer Begriff der mit dem wirklichen Tod nichts zu tun hat. Er wurde erfunden, damit man lebenden (!) Menschen Organe entnehmen kann ..." stimmt nicht. Die Hirntodfeststellung war die logische Konsequenz aus der Entwicklung der Intensivmedizin - speziell der künstlichen Beatmung. 2) Es ist lächerlich den Fall Thurn und Taxis immer wieder aufzuführen. Dieser Vorfall liegt nunmehr ein Vierteljahrhundert zurück - in der Zwischenzeit wurde viel - sowohl juristisch als auch medizinische verändert. Den Fall aufzuführen ist so sinnvoll wie über Katarakten-OPs im Mittelalter zu sprechen wenn man die OP-Techniken von heute diskutiert. 3) Sie wissen nicht ob sie "deshalb" den Krebs überlebt haben (sofern die Geschichte überhaupt stimmt), weil Sie die Klinik verlassen haben. Sie könnten den Krebs auch mit Behandlung überlebt haben. Desweiteren ist erwiesen, dass z.B. bei Mammakarzinome es ca. 30% Spontanheilungen gibt.
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