Hirntraining: PC-Spiel macht Senioren geistig fit
Das PC-Spiel "NeuroRacer" ist einfach gestrickt, dennoch begeistert der Autosimulator Hirnforscher. Wenn Senioren sich nur einige Stunden vor den Bildschirm setzen, fördert das ihre Fähigkeit zum Multitasking massiv. Tägliches Training schärft Aufmerksamkeit und Gedächtnis anhaltend.
Das Autorennen auf dem Bildschirm sieht nicht aufregend aus, doch es bewirkt ein kleines Wunder. Nach dem Spiel ist man nicht einfach nur etwas besser im Multitasking, kann also leichter mehrere Dinge gleichzeitig tun. Wenn 60- bis 85-Jährige über einen Monat insgesamt zwölf Stunden lang spielen, ist ihr Gehirn wieder so leistungsfähig wie das von untrainierten 20-Jährigen. Und das ist kein kurzfristiger Effekt: Auch ein halbes Jahr nach dem Spielen ist die kognitive Leistungsfähigkeit noch deutlich erhöht.
Diese Ergebnisse aus einer Reihe von Studien, die Neurologen und Psychologen der University of California am Mittwoch im Fachmagazin "Nature" veröffentlicht haben, dürften in der Lernwissenschaft für Aufsehen sorgen.
"Gerade beim Multitasking wurden Älteren immer wieder Defizite bescheinigt. Nun beobachten die Kollegen, dass ausgerechnet in diesem Bereich Menschen um die 70 ihr Gehirn im Grunde wieder um 50 Jahre verjüngen können", sagt Christian Stamov Roßnagel, Leiter des Bereichs Wissenstransfer am Zentrum für Lebenslanges Lernen an der Jacobs University in Bremen. "Am Ende übertreffen die trainierten Älteren die Leistung der 20-Jährigen sogar noch ein wenig. Das ist Wasser auf die Mühlen all jener Forscher, die beim Gehirn großes Potential zur Anpassung und Entwicklung auch im Alter sehen."
Drei Stunden pro Woche genügen
Überraschend sei auch der geringe Aufwand von nur drei Stunden Training pro Woche. Anders als bei den allermeisten Studien zu Lernprogrammen und -trainern konnten die Wissenschaftler beim "NeuroRacer" zudem einen Trainingseffekt im Gehirn nachweisen, der auch die allgemeine Leistungsfähigkeit steigert: In vom Spiel abgekoppelten Tests zeigten die Trainierten ein verbessertes Arbeitsgedächtnis und eine verlängerte Aufmerksamkeitsspanne.
Dabei ist das Prinzip von "NeuroRacer" denkbar einfach: Am Bildschirm fährt ein Auto auf einer Straße durch kurvige, hügelige Landschaften. Mit einem Steuerpad lenkt der Spieler nach links und rechts, beschleunigt und bremst. Zusätzlich tauchen über dem Auto immer wieder Symbole verschiedener Farben und Formen auf - je nach Symbol muss der Spieler eine bestimmte Taste drücken. Das gleichzeitige Steuern des Autos und das Konzentrieren auf die Symbole fordert das Gehirn, zwischen beiden Aufgaben schnell hin und her zu wechseln.
Dabei zeigte sich anhand der elektrischen Aktivitäten im Gehirn, die das Forscherteam während der Tests in Form von Elektroenzephalogrammen (EEG) aufzeichnete: Ein Teil der Hirnrinde, der präfrontale Cortex, der unter anderem für Entscheidungen zuständig ist, war nach dem Training aktiver als vorher. Aufgrund solcher Ergebnisse kommt auch Studienautor Adam Gazzaley von der University of California zu der Schlussfolgerung: "Die Plastizität des Gehirns, seine Fähigkeit, sich zu entwickeln und anzupassen im fortgeschrittenen Alter, ist beeindruckend." Und offenbar weit besser als bislang angenommen.
Der positive Effekt von "NeuroRacer" auf die Plastizität ließe sich natürlich nicht auf Computerspiele grundsätzlich übertragen. "Von der Unmenge an Spielen, die entworfen werden, um die geistige Leistungsfähigkeit zu trainieren, werden die meisten leider nicht wissenschaftlich fundiert mit Kontrollgruppen getestet", sagt Gazzaley. "NeuroRacer" hingegen, das ausführlich getestet wurde und dessen Effekte erwiesen sind, wird nicht einfach so zum Download angeboten. Gazzaley könnte sich aber vorstellen, dass eine weiterentwickelte Version des Spiels einmal frei zur Verfügung steht.
Zusammen mit seinen Kollegen von der University of California arbeitet der Forscher noch an vier weiteren Computerspielen, die jeweils verschiedene Fähigkeiten im Gehirn ansprechen sollen. Um sich geistig fit zu halten, gehen Senioren in Zukunft vielleicht eher eine Runde Computer spielen, statt Kreuzworträtsel zu lösen.
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- Christian Heinrich ging nach seinem Medizinstudium auf die Deutsche Journalistenschule. Seit 2010 arbeitet er als freier Journalist in Hamburg. Neben Gesundheits- und Wissenschaftsthemen schreibt er auch über Wirtschaft und Gesellschaft, Reise und Bildung.
Christian Heinrich
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