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RKI-Zahlen: HIV-Infektionen nehmen unter Heterosexuellen leicht zu

Aufklärungskampagne: Insgesamt leben in Deutschland rund 83.000 Menschen mit HIV oder AIDS Zur Großansicht
DPA

Aufklärungskampagne: Insgesamt leben in Deutschland rund 83.000 Menschen mit HIV oder AIDS

Die meisten HIV-Infektionen in Deutschland betreffen immer noch homosexuelle Männer. Allerdings geht die Zahl der Neu-Ansteckungen bei ihnen leicht zurück, während sich heterosexuelle Männer etwas häufiger anstecken.

Etwa 3200 Menschen haben sich nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) im vergangenen Jahr mit HIV angesteckt. Damit ist die Zahl der Neuinfektionen trotz Aufklärungskampagnen und Medikamenten seit 2006 nahezu unverändert, wie das RKI in Berlin mitteilte.

Dabei stieg der Anteil der Infizierten, die Medikamente nehmen und dadurch in der Regel kaum noch ansteckend sind, in den vergangenen Jahren. "Dieser positive Effekt und die bisherigen Präventionsanstrengungen haben aber bislang nicht ausgereicht", sagt RKI-Präsident Lothar Wieler. Die RKI-Schätzung beruht auf Modellrechnungen, denn HIV wird oft erst Jahre nach der Infektion festgestellt.

Die Zahl der Neuinfektionen bei heterosexuellen Menschen ist demnach sogar leicht steigend. Die meisten HIV-Infizierten sind allerdings Männer, die Sex mit anderen Männern haben - wenngleich die Zahl neuer Ansteckungen in dieser Gruppe in den vergangenen Jahren leicht zurückgegangen ist.

Nach Erkenntnissen des Instituts gibt es in Deutschland 10.500 Infizierte durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr. Dem gegenüber stehen 53.800 infizierte homosexuelle Männer.

Scham und Angst

"Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland ist im europäischen Vergleich niedrig, könnte aber noch sinken", erklärt Ulf Hentschke-Kristal vom Vorstand der Deutschen Aids-Hilfe. Dazu müsse unter anderem die Präventionsarbeit ausgebaut werden.

Als Grund für die unveränderte Zahl der Neuinfektionen nannte er auch Scham und Angst. "Vor allem Angst vor Diskriminierung und der Glaube, mit HIV sei ein erfülltes Leben nicht mehr möglich, halten Menschen vom HIV-Test ab." Dem RKI zufolge trägt zudem ein geringeres Risikobewusstsein vor allem bei Heterosexuellen dazu bei, dass eine Diagnose erst spät gestellt wird.

Die Schätzungen zu neuen Infektionen sind nicht zu verwechseln mit der Zahl der Neudiagnosen, bei denen HIV tatsächlich festgestellt wird. Das passiert in der Regel später, da HIV über viele Jahre keine auffälligen Beschwerden verursacht. Neu diagnostiziert wurde das Virus im vergangenen Jahr bei 3525 Menschen - sieben Prozent mehr als im Vorjahr.

Eine Ursache für den damals festgestellten Anstieg der Diagnosen könnte der Deutschen Aids-Hilfe zufolge auch die steigende Zahl von Flüchtlingen sein. "Ein großer Teil von ihnen stammt aus Ländern, in denen HIV besonders häufig ist", teilte die Deutsche Aids-Hilfe im Juli mit. Die Übertragung habe meistens im Herkunftsland stattgefunden. Sie liegt bei diesen Betroffenen oft viele Jahre zurück und betrifft meist Flüchtlinge, die seit längerer Zeit in Deutschland sind.

"Die Flüchtlinge, die aktuell in großer Zahl nach Deutschland kommen, stammen zum allergrößten Teil nicht aus Ländern, in denen HIV besonders häufig ist", betont Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aids-Hilfe.

Das Humane Immunschwächevirus (HIV) ist die Ursache für die Immunschwächekrankheit Aids.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes fehlte das Zitat von Holger Wicht, wonach die Menschen, die derzeit nach Deutschland flüchten, zum größten Teil nicht aus Ländern kommen, in denen HIV besonders verbreitet ist. Wir haben den Hinweis ergänzt. Um Missverständnisse zu vermeiden, haben wir zudem den drittletzten Absatz um folgenden Satz erweitert: "Sie (die HIV-Übertragung) liegt bei diesen Betroffenen oft viele Jahre zurück und betrifft meist Flüchtlinge, die seit längerer Zeit in Deutschland sind."

jme/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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1. Aufklärung tut not!
pejoachim 09.11.2015
Infektionen ließen sich nur durch Aufklärung und nicht durch Werbeaktionen für Promiskuität senken. Unterschiedliche Sexualpraktiken haben unterschiedliche Risiken. Außer, dass Analverkehr zu einer sehr hohen Infektionswahrscheinlichkeit führt, wir in Deutschland sehr wenig über die Verteilung des Risikos informiert. Für mich bedeutet dies, dass dem Bürger nicht zugetraut wird, verantwortungsvoll zu ... äh ... handeln. P.S.: Eigentlich wollte ich nichts mehr in SPON posten. Hier mache ich eine Ausnahme, in der Hoffnung, dass der eine oder die andere medizinische Seiten googelt.
2. Flüchtlinge
kinshasa 09.11.2015
Flüchtlinge bringen HIV und AIDS? In Syrien, Iraq und Afghanistan sind lauf WHO "low prevalence countries". Die Aussage im Artikel sollte hinterfragt werden.
3. Jeder dritte
severin123 09.11.2015
infizierte weiß nicht , dass er es ist. Da HIV als Homosexuelln Krankheit stigmatisiert wurde , neigen die eher dazu sich untersuchen zu lassen.
4. Vielleicht mal endlich in Deutschland...
mamekudzi 09.11.2015
...HIV-Schnelltests zulassen. Wenn schon die Leute keine Kondome benutzen wollen, sollte Ihnen zumindest die Möglichkeit gegeben werden, einen Schnelltest zu verwenden. Auch dadurch kann HIV eingegrenzt werden. Aber die deutschen Politiker und die deutsche Ärztekommission provozieren mit ihrer konserativen Einstellung die Ausbreitung von HIV! Das Argument, dass alle Bundesbürger so dumm sind und sich bei einem vermeintlichen Positivselbsttest von das Leben nehmen, ist ebenso kurzsichtig wie dumm.
5. Korrektur zum Thema Flüchtlinge
Holger Wicht 09.11.2015
Leider zitieren Sie uns im letzten Absatz falsch. Sie verwenden eine ältere Aussage der Deutschen AIDS-Hilfe aus einem anderen Zusammenhang. Sie mit der aktuellen Schätzung der Neuinfektionen in Verbindung zu bringen, ist sachlich falsch. Wir bitte daher um Korrektur. Richtig ist: Die Flüchtlinge, die aktuell in großer Zahl nach Deutschland kommen, stammen zum allergrößten Teil NICHT aus Ländern, in denen HIV besonders häufig ist. Infektionen, die im Ausland erworben und in Deutschland diagnostiziert wurden, sind zudem in der Schätzung der Neuinfektionen nicht enthalten. Darauf weist das Robert-Koch-Institut in seinem Epidemiologischen Bulletin ausdrücklich hin. Holger Wicht, Pressesprecher Deutsche AIDS-Hilfe
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HIV/Aids - Die Fakten
Die HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase (Aids Related Complex) treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids (Acquired Immunodeficiency Syndrome).

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Trotz einer Behandlung stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Zusätzlich können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Beide Maßnahmen verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.

Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut des Wirtskörpers, in diesem Falle des Menschen, einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.

Die weltweite Verbreitung
Laut UNAIDS sind weltweit schätzungsweise 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas ein Zentrum der Epidemie.

Bis Ende 2008 erhielten rund vier Millionen HIV-positive Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Therapie - im Vergleich zu drei Millionen Patienten im Jahr 2007 und lediglich 400.000 in 2003.
Die Verbreitung in Deutschland
In Deutschland nach einer Schätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) derzeit etwa 70.000 Menschen mit HIV/Aids. 2013 wurden dem Institut 3263 gesicherte HIV-Neuinfektionen gemeldet - etwa zehn Prozent mehr als 2012. 550 Menschen starben demnach 2012 an den Folgen von Aids. Zum Vergleich: Mitte der neunziger Jahre starben in Deutschland bis zu 2500 Menschen pro Jahr an der Krankheit. Am häufigsten (53 Prozent) steckten sich homosexuelle Männer neu mit HIV. In 18 Prozent der Fälle erfolgte die Ansteckung nach heterosexuellem Kontakt, in 3 Prozent durch Spritzen von Drogen.
Chronik
1981: Vor allem in Kalifornien und New York sterben junge Männer an einer Krankheit, die das Immunsystem der Kranken ausschaltet. Am 5. Juni berichtet die US-Gesundheitsbehörde CDC erstmals über die auffällige Zunahme seltener Krebs- und Lungenentzündungsformen bei jungen Homosexuellen.

1982: In Deutschland und anderen europäischen Ländern werden die ersten Fälle diagnostiziert. Die erworbene Immunschwächekrankheit wird Aids (Aquired Immunodeficiency Syndrome) genannt.

1983: Die Forschungsgruppen von Robert Gallo (USA) und Luc Montagnier (Frankreich) identifizieren das Virus, das die Krankheit auslöst. Später erhält es den Namen HIV (Human Immunodeficiency Virus).

1984: Der erste HIV-Antikörpertest wird vorgestellt.

1985: In Atlanta findet die erste Welt-Aids-Konferenz statt. Durch den Aidstod des US-Schauspielers Rock Hudson wird die Krankheit einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In Deutschland dürfen ab Herbst keine Blutpräparate mehr ohne vorherigen HIV-Test verkauft werden. Über 2300 Menschen - darunter mehr als 1800 Bluter - hatten sich zuvor infiziert.

1986: Aus Afrika werden die ersten Aidsfälle gemeldet.

1987: AZT, das erste Medikament, das den Verlauf der Krankheit verlangsamen kann, erhält eine Zulassung.

1988: Die WHO führt den 1. Dezember als Welt-Aids-Tag ein.

1991: Die rote Schleife wird internationales Symbol für den Kampf gegen Aids.

1995: Sogenannte Protease-Hemmer kommen als neues Aidsmedikament auf den Markt.

1996: Die Vereinten Nationen gründen UNAIDS, eine Unterorganisation der Uno für den Kampf gegen die Krankheit.

1999: Wissenschaftler finden Belege dafür, dass das HI-1-Virus von einer Schimpansen-Unterart stammt, die nur im westlichen Zentralafrika vorkommt.

2003: Der erste Fusionshemmer kommt als vierte Klasse von Aidsmedikamenten in den USA auf den Markt.

2004: Die WHO startet die Initiative "3 by 5". Danach sollen 2005 drei Millionen Infizierte mit Medikamenten versorgt werden.

2005: Nach Angaben der UNAIDS sind über 40 Millionen Menschen weltweit mit HIV infiziert - ein neuer Höchststand. Das Berliner Robert Koch-Institut geht von 2600 Neuinfizierten in Deutschland aus. In Deutschland leben insgesamt 49.000 HIV-Positive.

2006: Der jüngste Welt-Aids-Bericht von UNAIDS meldet, dass die Rate der Neuinfektionen sich erstmals seit dem Ausbruch der Seuche verlangsamt. Immer noch erhalten viele Infizierte und Erkrankte in der Dritten Welt keine Versorgung, besonders HIV-positive Kinder.

2008: Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon legt einen Bericht vor, nach dem im Dezember 2007 weltweit schätzungsweise 33,2 Millionen Menschen mit HIV infiziert waren.

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