Prävention HIV ist auch in Deutschland längst nicht besiegt

Etwa jeder dritte HIV-Positive ahnt in Deutschland nichts von seiner Infektion, zu viele Menschen verzichten beim Sex auf Kondome. Obwohl Medikamente vor einer Weitergabe des Virus schützen können, bleibt die Zahl der Neuinfektionen hierzulande konstant hoch.

Kondome zur Aids-Aufklärung: Nach wie vor der beste Schutz vor einer Infektion - verbunden mit einer Therapie der Betroffenen
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Kondome zur Aids-Aufklärung: Nach wie vor der beste Schutz vor einer Infektion - verbunden mit einer Therapie der Betroffenen


Aids? Das ist eine Krankheit aus den achtziger Jahren, damit steckt sich doch heute kaum noch jemand an. Gut, in Afrika vielleicht, aber das ist weit weg. Solche oder ähnliche Gedanken dürften hierzulande mittlerweile viele Menschen haben. Die Furcht vor einer Infektion mit dem HI-Virus (HIV) ist längst nicht mehr so groß, wie sie einmal war. Das ist fatal, denn die Zahl der Neuansteckungen in Deutschland ist nach wie vor hoch.

Dabei bilden vor allem unentdeckte HIV-Infektionen ein Problem. "Wir gehen davon aus, dass wir rund 30 Prozent aller Menschen mit HIV in Deutschland noch nicht diagnostiziert haben", sagt Georg Behrens, Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft und Mediziner an der Klinik für Immunologie und Rheumatologie der Medizinischen Hochschule Hannover. Ein wichtiges Ziel sei es, Menschen zu motivieren, sich testen zu lassen. "Und sich möglichst auch wiederholt testen zu lassen", betont er.

Ohne Test gelingt es zumeist nicht, eine HIV-Infektion früh zu erkennen. In der Akutphase der Infektion, etwa zwei bis drei Wochen nach der Ansteckung, können unspezifische Symptome wie Fieber oder Gelenkschmerzen auftreten. Diese verlaufen jedoch oft milde. Viele Betroffene bemerken gar keine Beschwerden. Die Viren können über Jahre im Körper ruhen, ohne Auswirkungen zu zeigen.

Frühzeitige Therapie kann Ansteckung verhindern

Körpereigene Abwehrmechanismen halten das Virus nach der Infektion zunächst in Schach. Dennoch kann der HIV-Infizierte den Erreger jederzeit auf Sexualpartner oder durch das Tauschen von Spritzen übertragen. Nach der Infektion ist die Gefahr, andere anzustecken am größten, da in dieser frühen Phase die Viruskonzentration im Körper besonders hoch ist.

HIV-Infektionen möglichst früh zu erkennen und zu behandeln ist auch aus einem weiteren Grund wichtig: "Wenn man eine Therapie rechtzeitig beginnt, bevor es zu schweren Komplikationen im Immunsystem kommt, kann man mit den heute verfügbaren Medikamenten Aids-definierte Erkrankungen und das Fortschreiten der HIV-Infektion zu nahezu 100 Prozent verhindern", sagt Behrens. Die Therapie reduziere darüber hinaus das Ansteckungsvermögen infizierter Menschen.

Die Behandlung der Medikamente unterdrückt die Virusvermehrung und senkt so die Viruskonzentration im Körper - bei einer regelmäßigen Einnahme der Medikamente oft sogar so weit, dass der Betroffene die Infektion nicht mehr weitergeben kann. Die Kombination aus Kondom und Therapie stellt bei Sexualkontakten von Paaren mit einem infizierten Partner Studien zufolge den mit Abstand sichersten Schutz vor einer HIV-Übertragung dar.

Infektionszahlen in Deutschland: Stabil, aber unverändert hoch

Nach den letzten Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin gab es im Jahr 2012 etwa 3400 Neuinfektionen mit dem HI-Virus in Deutschland. "Nach gesunkenen Neuinfektionsraten in den neunziger Jahren und einem erneuten Anstieg bis etwa 2005 bewegen sich die Zahlen bei den Neuinfektionen seither auf einem relativ stabilen, aber unverändert hohen Niveau", sagt Osamah Hamouda, Leiter der RKI-Fachgruppe HIV/Aids und andere sexuell oder durch Blut übertragbare Infektionen.

Am häufigsten stecken sich nach wie vor Männer an, die Sex mit Männern haben. "Homosexuelle Kontakte unter Männern machen etwa zwei Drittel aller Infektionen aus", erläutert der Epidemiologe. Rückläufig seien die Infektionen dagegen bei Drogenabhängigen, die sich das Virus über den Gebrauch verunreinigter Spritzenbestecke einfangen. In dieser ehemals zweiten großen Gruppe der Infektionen bewege sich die Zahl der Neuinfizierten inzwischen auf einem sehr niedrigen Niveau von nur noch etwa 200 pro Jahr. In der Hauptrisikogruppe der homosexuellen Männer sind es noch 2500 Neuinfektionen jährlich.

Auf ganz Europa gesehen nehmen die HIV-Infektionen sogar wieder zu. Die Zahl der Ansteckungen mit dem Virus ist 2012 in Europa sowie in umliegenden Ländern um acht Prozent auf 131.000 gestiegen. Der bei weitem größte Teil der Neuinfektionen sei in Ost-Europa und Zentral-Asien verzeichnet worden, berichteten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie das Europäische Zentrum zur Krankheitsprävention (ECDC).

Syphilis erhöht das Risiko für eine HIV-Infektion

Dass sich die Zahlen der Neuinfektionen mit HIV trotz verbesserter Behandlungsmöglichkeiten weiter auf einem relativ hohem Niveau bewegen, hat neben der Zahl der unentdeckten und unbehandelten Fälle und dem Verzicht auf Kondome noch einen dritten Grund. "Wir müssen uns heute auch sehr intensiv mit dem Thema andere sexuell übertragbare Infektionen befassen", sagt Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln. Andere sexuell übertragbare Infektionen wie Syphilis, Tripper oder Chlamydien erhöhen das Risiko, dass HIV-Infizierte das HI-Virus weitergeben - und sich Gesunde mit dem Virus anstecken.

Ein Anstieg dieser Erkrankungen sei zunächst in einigen anderen europäischen Ländern beobachtet worden und nun auch in Deutschland erkennbar, erklärt Pott. Daten des RKI ließen darauf schließen, dass von den 3700 Syphilisfällen in Deutschland mindestens 80 Prozent durch sexuelle Kontakte zwischen Männern übertragen werden. "Das ist ein wesentlicher Motor der Ausbreitung von HIV", sagt sie. Zum Schutz vor HIV sei es deshalb notwendig, auch über die Ansteckungswege anderer sexuell übertragbarer Infektionen Bescheid zu wissen.

von Claudia Urban, dpa/irb/Reuters

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