Bilder von bunten Kondomen zieren die Plakate, Fotos von zerwühlten Betten, einem Bulli auf einem Kornfeld, ein BH baumelt über dem heruntergekurbelten Fenster auf der Beifahrerseite. Darunter prangt der Schriftzug "Mach's mit". Seit 25 Jahren läuft die "Gib Aids keine Chance"-Kampagne, immer wieder erobern neue Motive Werbeflächen in U-Bahnstationen oder auf Gratiskarten in Kinos und Kneipen.
Mit großem Erfolg: Dass Kondome vor HIV schützen, zählt längst zur Allgemeinbildung. Doch langsam drängt eine weitere Schutzmöglichkeit in den Vordergrund. Zwar gibt es noch immer keinen Impfstoff, heilbar ist die Krankheit nicht. Im letzten Jahr konnten Forscher aber endgültig nachweisen, dass eine frühe und konsequente Therapie mit modernen Medikamenten die Virusmenge im Körper so stark senkt, dass die Infizierten quasi nicht mehr ansteckend sind.
Erfolgreiche Therapie: Besserer Schutz als das Kondom
Das Fachjournal "Science" kürte die Erkenntnis zum wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres, der Nationale Aids-Beirat veröffentlichte als Reaktion ein Positionspapier. Eine effektive antiretrovirale Therapie verhindere eine HIV-Übertragung, heißt es darin, die Botschaft solle öffentlich wirksam kommuniziert werden - vor allem, um der Krankheit ihr Stigma zu nehmen. In wenigen Tagen wird auf der Welt-Aids-Konferenz die Therapie als Prävention eines der viel diskutierten Themen sein.
HIV-positive Schwangere erhalten bereits seit Jahren solche Medikamente, um die Infektion nicht an ihre Kinder weiterzugeben. Auch andere Studien hatten darauf hingewiesen, dass der breite Einsatz von Medikamenten die Zahl neuer Infektionen senken kann.
Doch erst eine Studie im vergangenen Jahr schaffte endgültig Gewissheit. Die Forscher hatten mehr als 1000 Paare begleitet, bei denen einer der Partner das Virus in sich trug. Dabei zeigte sich, dass eine frühe Behandlung mit antiretroviralen Mitteln das Risiko, das Virus weiterzugeben, um mindestens 96 Prozent senkt. Damit schützt die Therapie sogar besser als das Kondom vor einer Ansteckung, bei dem Verhütungsmittel liegt die Sicherheit - geübter und konsequenter Einsatz vorausgesetzt - bei etwa 95 Prozent.
Einfach weglassen sollten HIV-Infizierte das Präservativ dennoch nicht. Schließlich schützt es auch vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. "Wir sehen die Medikamente nicht als Alternative, sondern als Teil eines Präventionsbaukastens", sagt Hans Jürgen Stellbrink, der in einer auf HIV spezialisierten Praxis in Hamburg arbeitet und Mitglied des Nationalen Aids-Beirats ist.
Täglich eine Pille: Vertretbares Opfer zum Wohl der Allgemeinheit?
Ärzte versprechen sich Großes vom Schutzeffekt der Medikamente. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schrieb in einem Bericht zu antiretroviralen Medikamenten, dass diese wahrscheinlich schon Millionen von HIV-Infektionen verhindert haben. "Selbst wenn es nur eine Person ist, die eine Person weniger ansteckt, kann das eine Kettenreaktion an Infektionen verhindern", sagt Julio Montaner, Leiter des British Columbia Centre for Excellence in HIV/Aids und ehemaliger Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft.
Das Konzept klingt wie eine Win-win-Situation: Die Betroffenen profitieren von der Therapie, die Gesellschaft von der verhinderten Weitergabe. Doch es gibt einen Haken. Infizierte sollten für einen guten Schutzeffekt so früh wie möglich mit der Therapie beginnen, am besten direkt nach der Diagnose.
"Es darf auf keinen Fall Druck aufgebaut werden", sagt Armin Schafberger von der Deutschen Aids-Hilfe. Zwar sind die Nebenwirkungen bei modernen Präparaten bis auf Ausnahmen überschaubar. Haben Betroffene einmal die Therapie begonnen, müssen sie die Tabletten jedoch bis ans Ende ihres Lebens nehmen. Tag für Tag. Jede Pause, jede vergessene Pille erhöht das Risiko für Resistenzen. Hinzu kommt die psychische Belastung.
7,5 Millionen Patienten ohne medizinisch notwendige Therapie
In Entwicklungsländern spielt sich dagegen eine andere ethische Diskussion ab. In einigen Regionen prüfen Forscher das "Test and Treat"-Konzept, bei dem so viele Menschen wie möglich regelmäßig getestet und bei einem positiven Ergebnis sofort behandelt werden. Doch wie realistisch ist ein derartig flächendeckender Einsatz der Mittel?
Der WHO zufolge befanden sich 2010 weltweit etwa 6,6 Millionen Menschen in Behandlung, die aus medizinischen Gründen auf die antiretroviralen Mittel angewiesen waren. 7,5 Millionen Menschen, die eine Behandlung bräuchten, hatten keinen Zugang zu den hochwirksamen Tabletten. "Zuerst müssen diejenigen Medikamente bekommen, die diese dringend benötigen", sagt Schafberger.
Allein das ist schon schwer umzusetzen, aufgrund der Weltwirtschaftskrise scheinen die Unterstützungen für den Kampf gegen HIV eher zu schwinden als zu wachsen. Dennoch sind die aktuellen Erkenntnisse ein Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn das Ziel "Keine neuen Infektionen" noch in weiter Ferne scheint, eine Utopie ist es wohl nicht mehr.
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