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HIV-positiv in Deutschland: "Nicht verhütet, oder was?"

Ausgestellte Kondome: "Es wird zu wenig über HIV geredet", sagt ein Betroffener Zur Großansicht
REUTERS

Ausgestellte Kondome: "Es wird zu wenig über HIV geredet", sagt ein Betroffener

Wenn Betroffene offen aussprechen, dass sie HIV-positiv sind, begegnen sie häufig Vorurteilen, Angst, Diskriminierung. Ein Berliner berichtet, wie er damit umgeht.

Am 20. Juli beginnt die Welt-Aids-Konferenz in Australien - überschattet vom Absturz des Flugs MH17. An Bord der Boeing 777 der Malaysia Airlines waren viele Forscher und Aktivisten, die an der Konferenz in Melbourne teilnehmen wollten. Unter ihnen Joep Lange, der von 2002 bis 2004 Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft war.

Stattfinden soll die Konferenz aber in jedem Fall: Im Gedenken an die Hingabe der verunglückten Kollegen im Kampf gegen Aids habe man beschlossen, die Konferenz abzuhalten, so die Veranstalter.

Wie wichtig der Kampf gegen den Aids-Erreger HIV ist, zeigt der Fall von Steven, 29, der in Berlin lebt. Er ist HIV-positiv und spricht das offen an. "Dann siehst du, wer bei dir bleibt", sagt er.

Die Reaktionen, die er schon erlebt hat? "So was wie Sie behandele ich nicht", empörte sich der Hausarzt. "Keine Umarmungen mehr", verlangte ein Kollege. "Mit dir kann ich nicht aus einem Glas trinken", bedauerte ein Freund. "Bei HIV herrscht oft die totale Unwissenheit, gemischt mit Angst und Vorurteilen", sagt Steven.

Diskriminierung in allen Lebensbereichen

Umfragen unter HIV-Positiven haben ergeben, dass sie Diskriminierung in allen Lebensbereichen erleben, von der Familie über den Freundeskreis bis hin zu Ärzten und zum Job. Eine Kündigung wegen HIV ist unzulässig, bekräftigte jüngst sogar das Bundesarbeitsgericht. Doch es ist die Sorge vor dem Verlust sozialer Kontakte, die viele HIV-Positive vor einem offenen Umgang mit ihrer Krankheit zurückschrecken lässt.

Dass das Virus im Alltag in der Regel nicht übertragen werden kann, dass viele HIV-Positive dank moderner Therapien heute Pilot werden oder eine Familie gründen können - dieses Wissen sei in der Gesellschaft immer noch nicht verlässlich verankert, sagt auch Holger Wicht, Sprecher der Deutschen Aids-Hilfe. Kaum eine Krankheit werde mit solch einem Stigma belegt. Es sei wohl ihre Verbindung mit Sex, die diese starken Emotionen hervorrufe - bis hin zur Ausgrenzung von HIV-Positiven, die den Mut zur Offenheit haben.

"Deutschland hat sich für einen guten Weg entschieden", sagt Wicht dennoch. "Es gibt Aufklärung und einen solidarischen Umgang mit Betroffenen." Trotzdem seien irrationale Ängste vor HIV und völlig falsche Vorstellungen auch hier einfach nicht totzukriegen.

Wer Steven zuhört, seinen Berichten über die Berliner Schwulenszene, kann über den Nutzen von Aufklärungskampagnen ins Grübeln kommen. "Es wird zu wenig über HIV geredet", sagt er. "Viele schauen bewusst weg, andere glauben, es könne sie nicht treffen. Viel zu wenige lassen sich testen, oft aus Angst vor dem Ergebnis." Auch Bisexuelle schwiegen, Frauen fragten kaum nach. Fast überall nur Verdrängung und Gleichgültigkeit.

In Chats heiße es zwar: Ich hätte gern einen Negativen, berichtet Steven. Doch in Disco, Sauna oder Darkroom herrsche das große Schweigen. Keine Fragen. Keine Antworten. Wer bei Berliner Gesundheitsämtern nach einem HIV-Test frage, bekomme schon mal die pampige Antwort: "Nicht verhütet, oder was?" Prävention sollte anders aussehen, findet Steven.

Nur die Großeltern wissen es nicht

Die Aids-Hilfe sieht das anders. "Das Schutzverhalten in Deutschland ist weitgehend stabil, die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland liegt im europäischen Vergleich auf einem niedrigen Niveau", sagt Holger Wicht. Auch das Testverhalten habe sich in den vergangenen Jahren verbessert.

Doch kommt es weiterhin zu neuen Infektionen. Steven sagt, dass es bei ihm eine Vergewaltigung war. Mit 12, eine Bekanntschaft aus dem Internet - und er völlig naiv. Mit 13 hatte er die ersten HIV-Symptome, doch sein Hausarzt tippte auf Grippe. Es war die Zeit, in der Steven seinen ersten Freund mit nach Hause brachte und zu seinen Eltern sagte: "Das ist eure Schwiegertochter. Und Enkel gibt's nicht." Erst mit 17 erfuhr er nach einem Test an der Charité, dass er HIV hat. "Ich dachte, jetzt ist mein Leben vorbei."

Heute arbeitet Steven in einem Call-Center, mit der Therapie geht es ihm gut. Alle Kollegen wissen Bescheid, alle Freunde, die Eltern. Er hat gelernt abzuwägen, wann er es sagt und wie. Aber er sagt es. Die einzige Ausnahme sind seine Großeltern. Die guckten keine Patrick-Lindner-Shows mehr im Fernsehen, seit Patrick Lindner einen Mann hat, sagt Steven. "Es wäre wohl alles ein bisschen zu viel für sie." Stevens Freund Sebastian (29) streichelt ihm über den Arm. Er habe das alles schon gewusst, bevor sie zusammenkamen, sagt er. Es war kein Schock.

wbr/Ulrike von Leszczynski, dpa

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HIV/Aids - Die Fakten
Die HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase (Aids Related Complex) treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids (Acquired Immunodeficiency Syndrome).

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Trotz einer Behandlung stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Zusätzlich können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Beide Maßnahmen verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.

Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut des Wirtskörpers, in diesem Falle des Menschen, einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.

Die weltweite Verbreitung
Laut UNAIDS sind weltweit schätzungsweise 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas ein Zentrum der Epidemie.

Bis Ende 2008 erhielten rund vier Millionen HIV-positive Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Therapie - im Vergleich zu drei Millionen Patienten im Jahr 2007 und lediglich 400.000 in 2003.
Die Verbreitung in Deutschland
In Deutschland nach einer Schätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) derzeit etwa 70.000 Menschen mit HIV/Aids. 2013 wurden dem Institut 3263 gesicherte HIV-Neuinfektionen gemeldet - etwa zehn Prozent mehr als 2012. 550 Menschen starben demnach 2012 an den Folgen von Aids. Zum Vergleich: Mitte der neunziger Jahre starben in Deutschland bis zu 2500 Menschen pro Jahr an der Krankheit. Am häufigsten (53 Prozent) steckten sich homosexuelle Männer neu mit HIV. In 18 Prozent der Fälle erfolgte die Ansteckung nach heterosexuellem Kontakt, in 3 Prozent durch Spritzen von Drogen.
Chronik
1981: Vor allem in Kalifornien und New York sterben junge Männer an einer Krankheit, die das Immunsystem der Kranken ausschaltet. Am 5. Juni berichtet die US-Gesundheitsbehörde CDC erstmals über die auffällige Zunahme seltener Krebs- und Lungenentzündungsformen bei jungen Homosexuellen.

1982: In Deutschland und anderen europäischen Ländern werden die ersten Fälle diagnostiziert. Die erworbene Immunschwächekrankheit wird Aids (Aquired Immunodeficiency Syndrome) genannt.

1983: Die Forschungsgruppen von Robert Gallo (USA) und Luc Montagnier (Frankreich) identifizieren das Virus, das die Krankheit auslöst. Später erhält es den Namen HIV (Human Immunodeficiency Virus).

1984: Der erste HIV-Antikörpertest wird vorgestellt.

1985: In Atlanta findet die erste Welt-Aids-Konferenz statt. Durch den Aidstod des US-Schauspielers Rock Hudson wird die Krankheit einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In Deutschland dürfen ab Herbst keine Blutpräparate mehr ohne vorherigen HIV-Test verkauft werden. Über 2300 Menschen - darunter mehr als 1800 Bluter - hatten sich zuvor infiziert.

1986: Aus Afrika werden die ersten Aidsfälle gemeldet.

1987: AZT, das erste Medikament, das den Verlauf der Krankheit verlangsamen kann, erhält eine Zulassung.

1988: Die WHO führt den 1. Dezember als Welt-Aids-Tag ein.

1991: Die rote Schleife wird internationales Symbol für den Kampf gegen Aids.

1995: Sogenannte Protease-Hemmer kommen als neues Aidsmedikament auf den Markt.

1996: Die Vereinten Nationen gründen UNAIDS, eine Unterorganisation der Uno für den Kampf gegen die Krankheit.

1999: Wissenschaftler finden Belege dafür, dass das HI-1-Virus von einer Schimpansen-Unterart stammt, die nur im westlichen Zentralafrika vorkommt.

2003: Der erste Fusionshemmer kommt als vierte Klasse von Aidsmedikamenten in den USA auf den Markt.

2004: Die WHO startet die Initiative "3 by 5". Danach sollen 2005 drei Millionen Infizierte mit Medikamenten versorgt werden.

2005: Nach Angaben der UNAIDS sind über 40 Millionen Menschen weltweit mit HIV infiziert - ein neuer Höchststand. Das Berliner Robert Koch-Institut geht von 2600 Neuinfizierten in Deutschland aus. In Deutschland leben insgesamt 49.000 HIV-Positive.

2006: Der jüngste Welt-Aids-Bericht von UNAIDS meldet, dass die Rate der Neuinfektionen sich erstmals seit dem Ausbruch der Seuche verlangsamt. Immer noch erhalten viele Infizierte und Erkrankte in der Dritten Welt keine Versorgung, besonders HIV-positive Kinder.

2008: Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon legt einen Bericht vor, nach dem im Dezember 2007 weltweit schätzungsweise 33,2 Millionen Menschen mit HIV infiziert waren.

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