Truvada Medikament zur HIV-Prophylaxe in EU zugelassen

Lange Zeit hätte wohl kaum jemand davon zu träumen gewagt: zum Schutz vor einer HIV-Infektion einfach eine Tablette schlucken. Jetzt ist diese Prophylaxe in der EU zugelassen - allerdings in engem Rahmen.

Besucher der Aids-Hilfe Frankfurt (Archivbild)
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Besucher der Aids-Hilfe Frankfurt (Archivbild)


"Gib Aids keine Chance" - so wurde lange für Kondome geworben. Doch schon bald gibt es in Deutschland auch Tabletten zur Prävention. Menschen mit hohem Risiko für eine HIV-Infektion können sich künftig auch hierzulande mit dem Medikament Truvada schützen. Die EU-Kommission habe das Mittel unter Auflagen in der Europäischen Union zur Prophylaxe zugelassen, bestätigte ein Sprecher in Brüssel.

Einige Aids-Experten setzen große Hoffnungen in das Präparat. Die tägliche Einnahme der Pille soll das Risiko senken, sich mit HIV zu infizieren. Truvada gebe es nur auf Rezept, betonte der Kommissionssprecher.

Die Europäische Arzneimittelbehörde Ema hatte die Zulassung von Truvada als Prophylaxe-Medikament für Menschen mit hohem Infektionsrisiko Ende Juli empfohlen. Die Betroffenen sollen sich allerdings auch weiterhin mit Kondomen schützen.

Von der Therapie zur Prophylaxe

In Deutschland wird das Medikament frühestens in einigen Wochen als Prophylaxe erhältlich sein. Der Hersteller muss noch Schulungsunterlagen bereitstellen, bevor Ärzte die Prophylaxe verordnen dürfen. Schon länger wird das Mittel auch hierzulande zur Behandlung HIV-Infizierter eingesetzt.

Als Anwender der Prophylaxe kommt nach Angaben der Deutschen Aids-Gesellschaft eine kleine Gruppe mit hohem Risiko infrage: Männer und Transgender, die auch ungeschützten Sex mit häufig wechselnden Männern haben sowie Partner unbehandelter HIV-Infizierter.

Kondome sollen trotz Prophylaxe weiterhin benutzt werden.
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Kondome sollen trotz Prophylaxe weiterhin benutzt werden.

Das Präparat Truvada ist nicht neu. Laut dem Hersteller Gilead Sciences ist es seit 2005 für die Therapie bereits Infizierter zugelassen. Es unterdrückt die Vermehrung des Virus in der Regel in Kombination mit anderen HIV-Medikamenten. "Es ist eines der am häufigsten verwendeten Medikamente zur Behandlung der HIV-Infektion", sagt die Medizinerin Annette Haberl vom HIV-Center des Frankfurter Uniklinikums.

Mit der aktuellen Zulassung wird der Anwendungsbereich des Mittels auf Gesunde mit hohem Ansteckungsrisiko ausgeweitet. Fachleute sprechen von einer Prä-Expositionsprophylaxe.

Monatliche Kosten: rund 800 Euro

Das Präparat enthält zwei Wirkstoffe, die die Virusvermehrung in den Zellen hemmen. So kann ein Einnisten des HI-Virus und damit eine Infektion verhindert werden - vorausgesetzt, die Tabletten werden regelmäßig einmal täglich eingenommen. Einer Studie zufolge wird dann eine Schutzwirkung von 86 Prozent erreicht, wie Haberl erläutert.

HIV/Aids - Die Fakten
Die HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase (Aids Related Complex) treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids (Acquired Immunodeficiency Syndrome).

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Trotz einer Behandlung stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Zusätzlich können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Beide Maßnahmen verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.

Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut des Wirtskörpers, in diesem Falle des Menschen, einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.

Die weltweite Verbreitung
Laut UNAIDS sind weltweit schätzungsweise 37 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas ein Zentrum der Epidemie.

Im Jahr 2014 hatten 15,8 Millionen Menschen mit HIV Zugang zu einer antiretroviralen Therapie, die den Ausbruch von Aids verzögert. Die Versorgung der Infizierten ist weltweit sehr unterschiedlich. So erhalten laut Uno nur etwa 14 Prozent der Betroffenen in Nordafrika und dem Mittleren Osten eine Therapie. Ähnlich gering sind die Aussichten auf Behandlung in Osteuropa und den ehemaligen Sowjetrepubliken. Überdurchschnittlich gut sind die Chancen für Infizierte in Europa, Nord- und Lateinamerika sowie der Karibik.
Die Verbreitung in Deutschland
In Deutschland lebten 2014 nach einer Schätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) etwa 83.000 Menschen mit HIV/Aids. Die Zahl der Neuinfektionen lag bei 3200 und damit ähnlich hoch wie 2013. 480 Menschen starben demnach 2014 an den Folgen von Aids. Zum Vergleich: Mitte der neunziger Jahre starben in Deutschland bis zu 2500 Menschen pro Jahr an der Krankheit. Am häufigsten (72 Prozent) steckten sich homosexuelle Männer neu mit HIV. In 18 Prozent der Fälle erfolgte die Ansteckung nach heterosexuellem Kontakt, in 7 Prozent durch Gebrauch von Drogen.
Chronik
1981: Vor allem in Kalifornien und New York sterben junge Männer an einer Krankheit, die das Immunsystem der Kranken ausschaltet. Am 5. Juni berichtet die US-Gesundheitsbehörde CDC erstmals über die auffällige Zunahme seltener Krebs- und Lungenentzündungsformen bei jungen Homosexuellen.

1982: In Deutschland und anderen europäischen Ländern werden die ersten Fälle diagnostiziert. Die erworbene Immunschwächekrankheit wird Aids (Aquired Immunodeficiency Syndrome) genannt.

1983: Die Forschungsgruppen von Robert Gallo (USA) und Luc Montagnier (Frankreich) identifizieren das Virus, das die Krankheit auslöst. Später erhält es den Namen HIV (Human Immunodeficiency Virus).

1984: Der erste HIV-Antikörpertest wird vorgestellt.

1985: In Atlanta findet die erste Welt-Aids-Konferenz statt. Durch den Aidstod des US-Schauspielers Rock Hudson wird die Krankheit einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In Deutschland dürfen ab Herbst keine Blutpräparate mehr ohne vorherigen HIV-Test verkauft werden. Über 2300 Menschen - darunter mehr als 1800 Bluter - hatten sich zuvor infiziert.

1986: Aus Afrika werden die ersten Aidsfälle gemeldet.

1987: AZT, das erste Medikament, das den Verlauf der Krankheit verlangsamen kann, erhält eine Zulassung.

1988: Die WHO führt den 1. Dezember als Welt-Aids-Tag ein.

1991: Die rote Schleife wird internationales Symbol für den Kampf gegen Aids.

1995: Sogenannte Protease-Hemmer kommen als neues Aidsmedikament auf den Markt.

1996: Die Vereinten Nationen gründen UNAIDS, eine Unterorganisation der Uno für den Kampf gegen die Krankheit.

1999: Wissenschaftler finden Belege dafür, dass das HI-1-Virus von einer Schimpansen-Unterart stammt, die nur im westlichen Zentralafrika vorkommt.

2003: Der erste Fusionshemmer kommt als vierte Klasse von Aidsmedikamenten in den USA auf den Markt.

2004: Die WHO startet die Initiative "3 by 5". Danach sollen 2005 drei Millionen Infizierte mit Medikamenten versorgt werden.

2005: Nach Angaben der UNAIDS sind über 40 Millionen Menschen weltweit mit HIV infiziert - ein neuer Höchststand. Das Berliner Robert Koch-Institut geht von 2600 Neuinfizierten in Deutschland aus. In Deutschland leben insgesamt 49.000 HIV-Positive.

2006: Der jüngste Welt-Aids-Bericht von UNAIDS meldet, dass die Rate der Neuinfektionen sich erstmals seit dem Ausbruch der Seuche verlangsamt. Immer noch erhalten viele Infizierte und Erkrankte in der Dritten Welt keine Versorgung, besonders HIV-positive Kinder.

2008: Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon legt einen Bericht vor, nach dem im Dezember 2007 weltweit schätzungsweise 33,2 Millionen Menschen mit HIV infiziert waren.

2012: Die Uno feiert größere Erfolge im Kampf gegen Aids. Die Zahl der Neuinfektionen weltweit ist deutlich gesunken.

2014: Forscher rekonstruieren frühe Ausbreitung von HIV. Die weltweit häufigste Variante des HI-Virus ist demnach wahrscheinlich um 1920 in Kinshasa entstanden.

2015: Immer mehr Menschen haben Zugang zu Medikamenten gegen HIV. Mehr als 40 Prozent der 37 Millionen Infizierten bekommen eine antiretrovirale Therapie.

Zur Prophylaxe ist Truvada in den USA bereits seit 2012 zugelassen. In Südafrika wird das Medikament seit diesem Jahr an Prostituierte abgegeben. Derzeit kostet eine Monatspackung in Deutschland rund 800 Euro. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Prävention nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes nicht.

Bei der Deutschen Aids-Hilfe hofft man, dass nun so schnell wie möglich eine Lösung der Kostenfrage gefunden wird. Nur dann könne es Menschen mit hohem HIV-Risiko schnell zugänglich gemacht werden. "Sonst werden sich nur sehr wenige das Mittel auch leisten können", sagte Sprecher Holger Wicht. Vom Hersteller gebe es bisher keine Signale, wonach eine Preissenkung für die Prophylaxe denkbar wäre.

Auch für Frauen sinnvoll?

Eine Abgabe auch an Prostituierte in Deutschland ist laut Aids-Hilfe derzeit noch nicht sinnvoll. "Zur Schutzwirkung bei Frauen liegen noch nicht ausreichend Daten vor", erläuterte Wicht. Zudem wirke das Medikament bei Männern anders als bei Frauen.

Weltweit sind Schätzungen zufolge rund 37 Millionen Menschen HIV-positiv. Pro Jahr infizieren sich rund 2,1 Millionen neu. Rund 1,1 Millionen Menschen starben 2015 an den Folgen von Aids.

Ursprung des tödlichen Erregers

hda/dpa

insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Loddarithmus 01.09.2016
1. Wenn mit Präsern die selbe Schutzwirkung ...
"So kann ein Einnisten des HI-Virus und damit eine Infektion verhindert werden - vorausgesetzt, die Tabletten werden regelmäßig einmal täglich eingenommen." ... erreicht wird, wie oft täglich muss man(n) die einnehmen? Und müssen sie vor dem Schlucken zerkaut werden? - Wie, gar nicht, nur drüberziehen?
rst2010 01.09.2016
2. toll
dafür werden jetzt tripper und syph stark zunehmen; dank nun vemehrt ungeschütztem sex, und auch angesichts der tatsache, dass es kaum mehr wirksame antibiotika gegen die klassischen geschlechtskrankheiten gibt. die zeit der totalen sexuellen freiheit seit den 70ern ist wohl endgültig vorbei...
technik68 01.09.2016
3. Na super
800€ pro Person und Monat zu Lasten der Gemeinschaft der Versicherten, nur weil ein paar notgeile Virusträger unfähig sind, jedes Mal ein Präservativ (2€ pro Person und Monat bei durchschnittlich 3 Sexualkontakten pro Woche) überzuziehen. Pharmalobby, ick hör Dir trapsen... Im Artikel werden darüber hinaus "unbehandelte Infizierte" benannt. Wie ist denn das heutzutage noch möglich?
0forearth 01.09.2016
4.
Zitat von rst2010dafür werden jetzt tripper und syph stark zunehmen; dank nun vemehrt ungeschütztem sex, und auch angesichts der tatsache, dass es kaum mehr wirksame antibiotika gegen die klassischen geschlechtskrankheiten gibt. die zeit der totalen sexuellen freiheit seit den 70ern ist wohl endgültig vorbei...
Darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen, denn für dieses Mittel gibt es sowieso keinen Markt. Vielleicht ein paar Superreiche, die Kondome nicht leiden können und keine Hemmungen haben, sich beim Arzt ein Rezept ausstellen zu lassen. Ich denke nicht, dass die GKV die Kosten übernehmen sollte, wenn es eine gleichermaßen wirksame Maßname für weniger als einen Euro pro Tag gibt. Und Kondome werden ja auch nicht bezahlt. Aber gut, dass man mal darüber gesprochen hat.
Zaunsfeld 01.09.2016
5.
Zitat von technik68800€ pro Person und Monat zu Lasten der Gemeinschaft der Versicherten, nur weil ein paar notgeile Virusträger unfähig sind, jedes Mal ein Präservativ (2€ pro Person und Monat bei durchschnittlich 3 Sexualkontakten pro Woche) überzuziehen. Pharmalobby, ick hör Dir trapsen... Im Artikel werden darüber hinaus "unbehandelte Infizierte" benannt. Wie ist denn das heutzutage noch möglich?
Es gibt viele Risikogruppen. Einerseits Prostituierte, aber andererseits auch Ärzte, Polizisten im Drogenmilieu, Drogenabhängige generell (verunreinigte Spritzen), aber eben auch Leute, die sich entsprechend sexuell ausleben. Und jeder der Sex hat (was offensichtlich nicht jeder hier im Forum hat), weiß, dass beim Kondom auch mal was schiefgehen kann in der Eile des Gefechts. Man kann sich natürlich hinstellen und zu all diesen Risikogruppen sagen "Selber schuld. Hättet Ihr eben besser aufpassen müssen!". Man kann aber auch eine volkswirtschaftlilche Rechnung aufmachen und mal vergleichen, was die Gesellschaft dieses Medikament kostet (9500€ pro Jahr) und was die Gesellschaft die lebenslange Behandlung eines einzigen HIV-Positiven kostet (oft an die 100.000€ pro Jahr).
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