Drogenkrise in den USA Warum Seuchenschützer HIV wieder fürchten müssen

Ein Brennpunkt der US-Drogenkrise: Im Städtchen Lowell ist die Zahl der HIV-Infizierten in die Höhe geschnellt. Jetzt ermittelt die US-Seuchenschutzbehörde, wie sie das Virus dort in Schach halten kann.

Eine Obdachlose, die heroinabhängig und HIV-positiv ist und in der Nähe von Philadelphia lebt, zeigt ein paar Nadeln
AFP

Eine Obdachlose, die heroinabhängig und HIV-positiv ist und in der Nähe von Philadelphia lebt, zeigt ein paar Nadeln

Aus Boston berichtet


  • DER SPIEGEL/ Rick Friedman
    Johann Grolle berichtet als Korrespondent für den SPIEGEL aus Boston. "Das ist die Welthauptstadt der Wissenschaft", sagt der langjährige Leiter des SPIEGEL-Ressorts Wissenschaft/Technik. An dieser Stelle schreibt er, was Forscher am MIT, der Harvard University und anderswo in den USA bewegt.

In wenigen Tagen wird hier in Massachusetts ein Team aus Atlanta eintreffen. Es handelt sich um Agenten der Seuchenzentrale CDC, und wenn die ausschwärmen, dann bedeutet das: Gefahr im Verzug. Diesmal ist es ein altbekannter Erreger, der Anlass zu neuer Sorge gibt: das Aids-Virus HIV.

Fünf CDC-Experten werden sich für einige Wochen im Städtchen Lowell nordwestlich von Boston einquartieren. Sie werden Interviews führen, Blutproben nehmen und Viren in diesem Blut sequenzieren. Denn die Ärzte in Lowell haben Alarm geschlagen. Die Zahl der HIV-Infektionen in der Region sei abrupt in die Höhe geschnellt: von 32 im Jahr 2016 auf 52 im Jahr darauf.

Das ist genau das Signal, auf das die Seuchenwächter in Atlanta gewartet hatten. Sie wussten: Irgendwann wird sich das Aids-Virus zurückmelden. Nur den Ort, den der Erreger für seine nächste Attacke wählen würde, konnten sie nicht vorhersehen: Irgendwo in den Appalachen? Ein Winkel Neuenglands? Nun also ist klar: Lowell heißt die Ortschaft, in der sie die nächste Abwehrschlacht gegen das HI-Virus werden austragen müssen.

Die Folgen aggressiver Vermarktung

Reiseführer empfehlen das Städtchen vor allem wegen seines eindrucksvollen Textilmuseums. In einer alten Fabrik eingerichtet, erinnert es daran, dass hier einst die industrielle Revolution Amerikas ihren Ausgang nahm. Doch die Zeit wirtschaftlicher Prosperität ist lange vorbei. Heute ist Lowell bekannt als sozialer Brennpunkt und als ein Hotspot von Amerikas Drogenkrise.

Derzeit werden die USA von der schlimmsten Drogenepidemie ihrer Geschichte heimgesucht. Auf 54.793 wurde die Zahl der Drogentoten im Jahr 2016 offiziell beziffert, das ist mehr als die aller Verkehrsopfer in Amerika, und auch mehr als die aller durch Schusswaffen Getöteten.

Die Zahl begann zu klettern, als Mitte der neunziger Jahre die Pharmaindustrie mit der aggressiven Vermarktung opiathaltiger Schmerzmittel begann. Anfangs waren die meisten der Süchtigen abhängig von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Dann stiegen immer mehr auf Heroin um. Inzwischen sind synthetische Opioide zu den beliebtesten Drogen geworden, besonders eine Substanz namens Fentanyl.

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Weil alles mit Tablettenabhängigkeit anfing, zieht die Droge eine ungewöhnliche Spur: Anders als bei der Heroinkrise der Achtziger sind die Betroffenen diesmal älter, sie sind vorwiegend weiß, und sie leben nicht in den großen Metropolen. Die Sucht grassiert eher in ländlichen Gegenden und in wirtschaftlich lahmenden Städten mittlerer Größe - wie Lowell eben.

Jede Nadel ist ein Risiko

Vermutlich hat es mit diesen Eigenheiten der aktuellen Drogenepidemie zu tun, dass es so lange gedauert hat, bis sich das HI-Virus auf die Fährte des Heroins und des Fentanyls gesetzt hat. Viele Süchtige schluckten Pillen und scheuten die Spritze, und sie gingen ihrer Sucht im Verborgenen nach.

Doch langsam verändert sich das Muster. Die Drogenabhängigen sind im Schnitt jünger geworden, und sie suchen einander. Je reger aber der Kontakt untereinander, desto höher ist das Risiko von HIV-Infektionen. Hinzu kommt: Fentanyl ist eine tückische Droge. Ihre Wirkung ist viel stärker als die des Heroins, doch sie hält nicht lange an. Deshalb regt sich schon bald das Verlangen nach dem nächsten Schuss. Und jede Injektion kann die eine sein, bei der das HI-Virus den Weg in den Körper findet.

Im Kampf gegen Aids bedeutet das einen schweren Rückschlag. Manch einer der CDC-Strategen in Atlanta hatte schon gehofft, der Sieg gegen diese Seuche sei nahe. Gerade hat die Behörde einen neuen Chef bekommen. Robert Redfield ist selbst Aidsforscher, und er hat gleich zum Amtsantritt vollmundig verkündet, schon in wenigen Jahren könne diese Krankheit der Vergangenheit angehören.

Alle dazu nötigen Instrumente stünden bereit, meinte Redfield. Vor allem gehe es darum, das Virus durch aggressive Behandlung der Infizierten in Schach zu halten. Das Risiko einer weiteren Verbreitung lasse sich so fast auf Null senken.

Knotenpunkte der HIV-Verbreitung identifizieren

Die sich epidemisch ausbreitende Drogensucht jedoch könnte Redfield einen Strich durch die Rechnung machen - zumal der jüngste HIV-Herd in Lowell ausgerechnet im Musterland der Aids-Bekämpfung liegt. In Massachusetts werden die HIV-Infizierten besonders gut versorgt, die Zahl der Infektionen ging hier seit dem Jahr 2000 auf die Hälfte zurück.

Wird das Aufflackern der Seuche im Drogenmilieu nun solche Erfolge zunichte machen? 52 Infektionsfälle in einem Bezirk ist viel, doch die Zahl ist nicht so hoch, als dass nicht Hoffnung bestünde, den Ausbruch eindämmen zu können. Das CDC-Team will den Seuchenzug möglichst genau rekonstruieren, um ihn dann gezielt zu stoppen.

Einmal haben sie das bereits geschafft: Anfang 2015 wandten sich Mediziner aus Scott County im Bundesstaat Indiana hilfesuchend an die Experten aus Atlanta. Binnen vier Monaten hatten sich dort 180 Menschen mit HIV angesteckt, die meisten von ihnen waren drogensüchtig.

Den Seuchen-Detektiven kam zugute, dass das HI-Virus extrem schnell mutiert. Die genetische Vielfalt der Viren im Körper eines einzigen HIV-Infizierten ist höher als diejenige sämtlicher Influenzaviren während einer weltweiten Grippesaison. Das erlaubt es, einen HIV-Ausbruch in spektakulärer Detailgenauigkeit nachzuzeichnen.

Das CDC-Team in Indiana befragte die Drogensüchtigen nach ihren Gewohnheiten, kartierte anhand dessen ihr soziales Netzwerk und glich dieses mit dem Stammbaum der Viren ab. Auf diese Weise konnten sie rasch die Knotenpunkte der HIV-Verbreitung identifizieren.

Das Elend der Junkies in Scott County ist heute nicht geringer als vor drei Jahren. Doch immerhin ist es gelungen, dem HI-Virus Einhalt zu gebieten. Das hoffen die Seuchenwächter nun auch in Lowell zu erreichen. Es wäre zwar kein Sieg über Aids, doch zumindest die Verhinderung einer Niederlage.

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 11.04.2018
1. Manche Journalisten merken es schon gar nicht mehr, glaube ich
Soso, die Pharmaindustrie begann mit der aggressiven Vermarktung "verschreibungspflichtiger Schmerzmittel". Böseböse. Wie gut, dass wir die liebenlieben weißen Heiler haben, die mit der Sucht aber auch garnichts zu tun haben. Darauf könnte man direkt mit einem der aggressiv vermarkteten und nicht verschreibungspflichtigen Schaumweine anstoßen...
blödbacke 11.04.2018
2. @ Kommentar #1: doch doch!
In diesem Fall kann, bzw. muß man leider feststellen, dass das Kommerzdenken von Pharmakonzernen, bzw. von einem einzelnen Pharmakonzern (Purdue Pharma) an dieser Drogenkrise schuldig ist. V.a. weil auch die FDA in den 1990ern komplett bei diesen Opioidderivaten gepennt hat, denn die hätten wegen des riesigen Suchtpotentials niemals zugelassen werden dürfen. Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen. Hier einige Artikel (im Printspiegel war dazu vor kurzem auch ein sehr ausführlicher Artikel): http://www.spiegel.de/spiegel/millionen-amerikaner-aus-der-mittelschicht-sind-abhaengig-von-heroin-a-1162602.html https://www.theguardian.com/us-news/2018/feb/13/us-drug-companies-accused-cheerleaders-opioids https://en.wikipedia.org/wiki/Purdue_Pharma
Hagen67483 11.04.2018
3. Für alle mit englisch Kenntnissen
John Oliver hat eine sehr guten Show zum Thema gemacht. Einfach auf youtube "John Oliver Opioids" suchen. Und zum ersten Kommentar, ja auch die schwarzen Schafe unter den Ärzte die ihre Praxen als "Pillenmühlen" (Hauptexistenzzweck ist das verschreiben von Pillen) betreiben sind mit schuldig.
hr.lich-daemlich 11.04.2018
4. Zu #1
Die aggressive Vermarktung begann bei der Zulassung, als dort intensiv für die Veränderung der Opiatdosierung in den Medikamenten geworben wurde und dass sie bei richtiger Dosierung nicht abhängig machen. Das Thema richtige Dosierung gibt übrigens auch bei Glyphosat, wo der Konzern die Schuld den Bauern zuweist. Hier wird die Schuld klar den Ärzten zugeschrieben, obwohl die Gewinne mal wieder bei den Konzernen bleiben und der Konzern auch nie Werbung macht. Wissen sie eigentlich, dass es pharmafinanzierte "Informationsveranstaltungen" für Ärzte auch in den USA gibt? Da wird sicherlich sehr viel Zeit darauf verwendet um den Ärzten die exakte Dosierung zu lehren und auch intensiv auf die Gefahren und Nebenwirkungen des Medikaments hingewiesen.
taglöhner 11.04.2018
5. Black Label
Zitat von blödbackeIn diesem Fall kann, bzw. muß man leider feststellen, dass das Kommerzdenken von Pharmakonzernen, bzw. von einem einzelnen Pharmakonzern (Purdue Pharma) an dieser Drogenkrise schuldig ist. V.a. weil auch die FDA in den 1990ern komplett bei diesen Opioidderivaten gepennt hat, denn die hätten wegen des riesigen Suchtpotentials niemals zugelassen werden dürfen. Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen. Hier einige Artikel (im Printspiegel war dazu vor kurzem auch ein sehr ausführlicher Artikel): http://www.spiegel.de/spiegel/millionen-amerikaner-aus-der-mittelschicht-sind-abhaengig-von-heroin-a-1162602.html https://www.theguardian.com/us-news/2018/feb/13/us-drug-companies-accused-cheerleaders-opioids https://en.wikipedia.org/wiki/Purdue_Pharma
Ui, eine Firma mit Kommerzdenken. Böse Sache. Bei der Diskussion um Cannabismedikation hört man seltsamerweise vergleichsweise wenig aus der um die Volksgesundheit so besorgten Antikapitalismusbranche. Gleichzeitig ist es natürlich Unfug, den Eindruck zu erwecken Schmerzmittel mit hohem Suchtpotential seien nicht zulassungsfähig, denn das träfe auf alle wirklich effektiven Präparate zu, die dementsprechend genau aus diesem Grund verschreibungspflichtig sind. Zugelassen und verschrieben werden sie nicht von Firmen. Pharmazeutika sind giftig, daher wirken sie und deshalb haben sie in gesunden Organismen nichts verloren.
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