'Patient null' "Ein Horrorfilm braucht einen Protagonisten"

Der Flugbegleiter Gaétan Dugas galt als erster HIV-Patient Nordamerikas - das ist erwiesenermaßen falsch. Warum die Menschen einen "Patienten null" wollen, erklärt Historiker Richard McKay im Interview.

Gaetan Dugas starb 1984 an den Folgen einer HIV-Infektion.
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Gaetan Dugas starb 1984 an den Folgen einer HIV-Infektion.


Zwei Jahre vor seinem Tod schrieb der "Patient null" einen Brief an seinen ehemaligen Liebhaber. "Ich fühle mich nackt, und viele Leute drehen sich weg, wenn ich durch die Stadt laufe. Ich fühle mich wie ein Alien", heißt es im einzigen bekannten Schriftstück von Gaétan Dugas.

Der Flugbegleiter ist Anfang 1982 schon stark geschwächt, er hat seine Haare wegen der bevorstehenden Chemotherapie abrasiert: Gaétan Dugas leidet unter AIDS, einer Spätfolge seiner HIV-Infektion. Er schließt den Brief mit "Love & Affection" (Liebe und Zuneigung).

1987, drei Jahre nach dem seinem Tod, zeichnet der Journalist Randy Shilts in seinem Buch "AIDS. And the band played on: Die Geschichte eines großen Versagens" ein anderes Bild von Dugas: Der habe HIV nach Amerika gebracht und Hunderte homosexuelle Männer absichtlich infiziert. Shilts war es auch, der den Begriff "Patient Zero" prägte. "Oh, das ist aber einprägsam", jubilierte er, als ein Arzt den Begriff im Gespräch fallenließ.

Doch wer war Gaétan Dugas? Der Historiker Richard McKay forscht seit 2005 zu diesem Fall. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern fand er heraus, dass Dugas jedenfalls nicht der Mensch war, der HIV nach Amerika brachte - das Virus war schon vorher da. Ein Interview.

SPIEGEL ONLINE: Herr McKay, wie kommt man eigentlich dazu, über Aids und den 'Patienten null' zu forschen?

McKay: Ich bin durch "Typhus Mary" auf das Thema gekommen. Mary Mallon galt Anfang des 20. Jahrhunderts als Ursprung einer Typhusinfektion in den USA. Sie selbst hatte nie Beschwerden, aber übertrug die Krankheit unwissentlich auf Menschen in ihrer Umgebung. Sie ist deshalb auch eine Art "Patient null". Wie fühlt es sich an, der Träger einer Krankheit zu sein, die gerade erst erforscht wird? Dann habe ich "And the Band Played On" gelesen und wusste, dass Dugas mein Fall ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurde Gaëtan Dugas zum "Patienten null"?

McKay: Er war in der Studie in Los Angeles ursprünglich gar nicht der "Patient null", sondern "Patient O" für "Out-of-California", weil er nicht aus Kalifornien kam. Später wurde durch Missverständnis aus dem Buchstaben eine Ziffer, und der "Patient null" war geboren. Das lag hauptsächlich an Randy Shilts.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Shilts getan?

McKay: Er war Journalist und geübt darin, Geschichten ansprechend zu erzählen. Er hat es mit seinem Buch geschafft, ein komplexes Phänomen wie HIV auf einen einfachen und persönlichen Punkt zu bringen, und das war Gaétan Dugas. Eine wichtige Rolle hat sicher auch das Diagramm aus L.A. gespielt, in dem Dugas als "Patient O" inmitten eines Netzwerkes platziert ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist der Fall Dugas typisch für den Umgang mit ansteckenden Krankheiten?

McKay: Schon bei Seuchen in früheren Jahrhunderten wollte man sich versichern, dass ein Fremder die Krankheit in die vertraute Gemeinschaft gebracht hat. Martin Luther denkt darüber nach, wer die Pest verbreitet, über "Typhus Mary" haben wir schon gesprochen.

Die Krankheit wird als etwas Unreines wahrgenommen; das kann Schmutz oder mangelnde Hygiene sein - und manche Leute betrachten eben Homosexualität als moralische Verunreinigung. Die Menschen wollen sich abgrenzen: Das passiert denen da, aber mir doch nicht. Außerdem lösen Seuchen eine gewisse Sensationslust aus, fast wie bei einem Horrorfilm - und der braucht einen Protagonisten, den "Patienten null".

Zur Person
  • Giles
    Richard McKay stammt aus Vancouver, Kanada. 2013 trat der Historiker ein Wellcome Trust Research Fellowship an der Universität Cambridge an und forscht dort über Medizingeschichte.

SPIEGEL ONLINE: Was macht das mit den Betroffenen?

McKay: Die Diskussion um einen "Patienten null", der scheinbar eine Krankheit auslöst, hat ernsthafte Folgen für den Patienten selbst und natürlich auch für seine Familie und Freunde - sie werden ausgeschlossen und angefeindet. Dazu kommen die Medien.

Ein jüngeres Beispiel eines "Patienten null" ist das zweijährige Mädchen aus Guinea, das für den Ebola-Ausbruch 2014 verantwortlich gewesen sein soll. Ihr Vater wurde von ausländischen Reportern bedrängt und gefragt, wie es ihm damit geht. Da frage ich mich schon, ob das nötig ist.

SPIEGEL ONLINE: Dugas war schon tot, als er zum "Patienten null" erklärt wurde…

McKay: Aber bei seiner Familie und Freunden ist das Trauma immer noch vorhanden. Es hat Jahre gedauert, bis ich das Vertrauen dieser Menschen gewonnen hatte und an den Brief gekommen bin, der zeigt, dass Dugas überhaupt keine Ahnung von der Verbreitung der Krankheit hatte, wie ihm später unterstellt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch ein Buch über den Fall Dugas geschrieben, das bald erscheinen soll. Was wollen Sie damit erreichen?

McKay: Es geht mir vor allem um einen respektvollen Umgang mit dem Thema, mit Dugas, mit seiner Familie, mit den Betroffenen. Und auch darum, zu erklären warum die Wissenschaftler seinen Fall so behandelt haben. Die Forscher standen damals unter großem Druck herauszufinden, woher die Krankheit kam - und lagen oft daneben. Aber fairerweise muss man sagen: Sie konnten es nicht besser wissen.

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