Uno-Bericht: Die Verlierer im Kampf gegen Aids

Von Thomas Wagner-Nagy

Anstecker in Form von roten Aids-Schleifen: Zahl der Neuinfektionen weltweit gesunken Zur Großansicht
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Anstecker in Form von roten Aids-Schleifen: Zahl der Neuinfektionen weltweit gesunken

Weniger Kinder infizieren sich mit HIV, mehr Bedürftige erhalten Medikamente. Zwar feiern die Vereinten Nationen ihren jährlichen Aids-Bericht als großen Erfolg. Doch der Kampf gegen Aids ist noch lange nicht gewonnen. Denn es gibt auch Rückschritte - vor allem in wohlhabenderen Ländern.

Im Jahr 2011 infizierten sich weltweit 330.000 Kinder mit dem HI-Virus - das sind 24 Prozent weniger als noch 2009. Immer besser gelingt es, die Übertragung des Erregers von einer Mutter auf ihr Kind zu verhindern. Auch deshalb ist die Zahl der Neuinfektionen im Vergleich zu 2001 um 700.000 gesunken. Diese Zahlen waren Anlass für den Direktor des Programms der Vereinten Nationen zur Aids-Bekämpfung (Unaids), anlässlich der Vorstellung des Undaids-Jahresberichts am Dienstag in Genf von einem großen Erfolg zu schwärmen: "Die Geschwindigkeit des Fortschritts beschleunigt sich - wofür man früher ein Jahrzehnt gebraucht hat, wird jetzt in 24 Monaten erreicht", sagte Michel Sidibé.

Dennoch geben die aktuellen Zahlen im jährlichen Undaids-Bericht keine klare Antwort auf die Frage, ob die Menschheit den Kampf gegen die Krankheit langfristig gewinnt. Denn weltweit tragen schätzungsweise 34 Millionen Menschen das Immunschwäche-Virus in sich.

Zwar können dank verbesserter Therapien mehr Infizierte überleben. Besonders ärmere Regionen hätten vom verstärkten Einsatz von Medikamenten profitiert, heißt es in dem Bericht: "Seit 1995 hat die antiretrovirale Therapie 14 Millionen Lebensjahre in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen gerettet, darunter 9 Millionen im Afrika südlich der Sahara." Etwa acht Millionen Menschen erhalten demnach lebensrettende Medikamente, wobei immer noch etwa sieben Millionen bedürftige Menschen keine Behandlung bekommen.

Todesfälle in Osteuropa, Zentralasien und Nordafrika steigen

Bei Kindern ist die Situation schlechter: 72 Prozent derer, die Medikamente benötigen, bekommen keine. Afrika ist noch immer der am stärksten von Aids betroffene Kontinent. Jedoch konnte die Zahl der durch die Krankheit ausgelösten Todesfälle in den vergangenen fünf Jahren um ein Drittel reduziert werden. Weltweit starben 1,7 Millionen Menschen an den Folgen von Aids. Das sind 24 Prozent weniger als noch 2005. Doch im selben Zeitraum stieg die Zahl der Todesfälle in Osteuropa um 21 sowie in Zentralasien und Nordafrika um jeweils 17 Prozent an.

Um die Verbreitung der Krankheit einzudämmen, ist Aufklärung unerlässlich. Diesbezüglich gibt der Bericht Grund zur Sorge: In 26 der 31 Länder, in denen man von einer Epidemie spricht, haben Umfragen ergeben, dass weniger als die Hälfte der jungen Frauen ausreichend über HIV und den Schutz durch Kondome aufgeklärt war. Auch wenn Aufklärungskampagnen durchgeführt werden, sei es schwierig, deren Erfolg genau zu messen.

"Wichtiger noch als solche Kampagnen ist es, die Risikogruppen stärker in den Fokus zu rücken", sagt Bernhard Schwartländer, strategischer Direktor bei Unaids. Damit ließen sich ansteigende Infektionsraten in einigen Regionen erklären. "In Osteuropa und Zentralasien sehen wir keine politische Bereitschaft, sich schwierigen Entscheidungen zu stellen, die dortigen Programme sind daher absolut ineffektiv", beklagt der Epidemiologe.

So investiere Russland zwar viel Geld in die Bekämpfung von Aids. Es gebe aber kaum spezifische Programme für die am stärksten gefährdete Gruppe: Drogensüchtige, Prostituierte und homosexuelle Männer. "Jeder liebt kleine Kinder. Sie vor HIV zu schützen, ist populär und zieht keinen gesellschaftlichen Disput mit sich. Gruppen, die außerhalb der gesellschaftlichen Norm stehen, werden dagegen vernachlässigt", sagt Schwartländer. Bei diesen Risikogruppen herrsche der größte Nachholbedarf, obwohl viele der betroffenen Länder finanziell vergleichsweise gut dastehen.

Millennium-Ziel schwer zu erreichen

Im vergangenen Jahr infizierten sich insgesamt 2,5 Millionen Menschen neu mit dem HI-Virus. 1,4 Millionen erhielten erstmals lebensrettende Behandlungen. "Das Tempo des gegenwärtigen Fortschritts reicht nicht aus, um das globale Ziel, die sexuelle Infektionsrate bis 2015 zu halbieren, zu erreichen", warnen die Verfasser des Berichts. Auch Schwartländer ist skeptisch, da die Risikogruppen weiter vernachlässigt werden.

Der zweite Teil des sogenanntes Millennium Goals sieht vor, dass bis 2015 alle 15 Millionen bedürftigen Menschen eine Therapie erhalten sollen. Hier ist Schwartländer optimistischer: Dieses Ziel sei "mit großer zusätzlicher Anstrengung" erreichbar. Dazu müsste man aber Behandlungsmöglichkeiten schaffen, die nicht an hochspezialisierte Krankenhäuser und entsprechend hohe Kosten gebunden sind. So könnten beispielsweise einfache Behandlungen auch von speziell ausgebildeten Krankenschwestern direkt in betroffenen Dörfern durchgeführt werden.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Wat dat?
BettyB. 21.11.2012
Ein Bericht als Erfolg? Wieder so ein Unsinn, der öffentlichnicht kritisiert werden darf (Veröffentlichunssperre duch strikte Zensur!). Der Rückgang der Anzahl Neuinfizerten ist in Erfolg, ja, aber die Neuinfizierten würden wohl lieber etwas anderes feiern...
2. ein halbes Prozent der Weltbevoelkerung...
ijf 22.11.2012
...Welche Enttaeuschung fuer Mutter Natur - da hatte sie so ein "effizientes" Regulativ fuer den den ausser Kontrolle geratenen Bestand der Gattung Mensch entwickelt (war ihr zuletzt mit Pocken, Pest und Cholera gelungen, auch die Idee, den Menschen mit Alkohol, Tabak und anderen Genussmitteln vertraut zu machen, war ja nicht schlecht)... Und dann sowas... Wehren sich die Viecher tatsaechlich und finden Wege zum Ueberleben... Naja, jetzt startet sie einen neuen Anlauf... Dengue-Fieber mitten in Deutschland...
3.
eigene_meinung 22.11.2012
Zitat von sysopTodesfälle in Osteuropa, Zentralasien und Nordamerika steigen (...) Doch im selben Zeitraum stieg die Zahl der Todesfälle in Osteuropa um 21 sowie in Zentralasien und Nordafrika um jeweils 17 Prozent an.
Schon blöd, wenn man Nordamerika und Nordafrika nicht unterscheiden kann.
4. Sie haben da was an der Zeitlinie
KilgoreTrout 22.11.2012
"damals realisierten Mediziner erstmals die Krankheit" Ist Ihnen klar, dass Sie da schreiben, Mediziner hätten die Krankheit *ausgelöst* und zum Ausbruch gebracht? "Realisieren" bedeutet auf Deutsch nicht "auf etwas aufmerksam werden", wie es "realise" im Englischen tut, sondern "etwas ausführen, einen Plan in die Tat umsetzen". Bitte bitte ändern Sie das zu "damals werden Mediziner erstmals auf die Krankheit aufmerksam" und lassen Sie zukünftige Beschriftungen doch von einem Muttersprachler schreiben, wenn Sie schon keinen Lektor einstellen wollen. Und jetzt warte ich darauf dass der erste Verschwörungstheoretiker diese Schlamperei als Beleg für seine Wahnvorstellungen heranzieht.
5.
AuchNeMeinungHab 22.11.2012
Zitat von KilgoreTrout"damals realisierten Mediziner erstmals die Krankheit" Ist Ihnen klar, dass Sie da schreiben, Mediziner hätten die Krankheit *ausgelöst* und zum Ausbruch gebracht? "Realisieren" bedeutet auf Deutsch nicht "auf etwas aufmerksam werden", wie es "realise" im Englischen tut, sondern "etwas ausführen, einen Plan in die Tat umsetzen".
Das ist so nicht ganz richtig. Siehe Duden online (http://www.duden.de), realisieren, 2).
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HIV/Aids - Die Fakten
Die HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase (Aids Related Complex) treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids (Acquired Immunodeficiency Syndrome).

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Trotz einer Behandlung stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Zusätzlich können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Beide Maßnahmen verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.

Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut des Wirtskörpers, in diesem Falle des Menschen, einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.

Die weltweite Verbreitung
Laut Unaids sind weltweit schätzungsweise 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas ein Zentrum der Epidemie.

Bis Ende 2008 erhielten rund vier Millionen HIV-positive Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Therapie - im Vergleich zu drei Millionen Patienten im Jahr 2007 und lediglich 400.000 in 2003.
Die Verbreitung in Deutschland
In Deutschland nach einer Schätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) derzeit etwa 70.000 Menschen mit HIV/Aids. 2013 wurden dem Institut 3263 gesicherte HIV-Neuinfektionen gemeldet - etwa zehn Prozent mehr als 2012. 550 Menschen starben demnach 2012 an den Folgen von Aids. Zum Vergleich: Mitte der neunziger Jahre starben in Deutschland bis zu 2500 Menschen pro Jahr an der Krankheit. Am häufigsten (53 Prozent) steckten sich homosexuelle Männer neu mit HIV. In 18 Prozent der Fälle erfolgte die Ansteckung nach heterosexuellem Kontakt, in 3 Prozent durch Spritzen von Drogen.
Chronik
1981: Vor allem in Kalifornien und New York sterben junge Männer an einer Krankheit, die das Immunsystem der Kranken ausschaltet. Am 5. Juni berichtet die US-Gesundheitsbehörde CDC erstmals über die auffällige Zunahme seltener Krebs- und Lungenentzündungsformen bei jungen Homosexuellen.

1982: In Deutschland und anderen europäischen Ländern werden die ersten Fälle diagnostiziert. Die erworbene Immunschwächekrankheit wird Aids (Aquired Immunodeficiency Syndrome) genannt.

1983: Die Forschungsgruppen von Robert Gallo (USA) und Luc Montagnier (Frankreich) identifizieren das Virus, das die Krankheit auslöst. Später erhält es den Namen HIV (Human Immunodeficiency Virus).

1984: Der erste HIV-Antikörpertest wird vorgestellt.

1985: In Atlanta findet die erste Welt-Aids-Konferenz statt. Durch den Aidstod des US-Schauspielers Rock Hudson wird die Krankheit einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In Deutschland dürfen ab Herbst keine Blutpräparate mehr ohne vorherigen HIV-Test verkauft werden. Über 2300 Menschen - darunter mehr als 1800 Bluter - hatten sich zuvor infiziert.

1986: Aus Afrika werden die ersten Aidsfälle gemeldet.

1987: AZT, das erste Medikament, das den Verlauf der Krankheit verlangsamen kann, erhält eine Zulassung.

1988: Die WHO führt den 1. Dezember als Welt-Aids-Tag ein.

1991: Die rote Schleife wird internationales Symbol für den Kampf gegen Aids.

1995: Sogenannte Protease-Hemmer kommen als neues Aidsmedikament auf den Markt.

1996: Die Vereinten Nationen gründen UNAIDS, eine Unterorganisation der Uno für den Kampf gegen die Krankheit.

1999: Wissenschaftler finden Belege dafür, dass das HI-1-Virus von einer Schimpansen-Unterart stammt, die nur im westlichen Zentralafrika vorkommt.

2003: Der erste Fusionshemmer kommt als vierte Klasse von Aidsmedikamenten in den USA auf den Markt.

2004: Die WHO startet die Initiative "3 by 5". Danach sollen 2005 drei Millionen Infizierte mit Medikamenten versorgt werden.

2005: Nach Angaben der UNAIDS sind über 40 Millionen Menschen weltweit mit HIV infiziert - ein neuer Höchststand. Das Berliner Robert Koch-Institut geht von 2600 Neuinfizierten in Deutschland aus. In Deutschland leben insgesamt 49.000 HIV-Positive.

2006: Der jüngste Welt-Aids-Bericht von UNAIDS meldet, dass die Rate der Neuinfektionen sich erstmals seit dem Ausbruch der Seuche verlangsamt. Immer noch erhalten viele Infizierte und Erkrankte in der Dritten Welt keine Versorgung, besonders HIV-positive Kinder.

2008: Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon legt einen Bericht vor, nach dem im Dezember 2007 weltweit schätzungsweise 33,2 Millionen Menschen mit HIV infiziert waren.