Ein rätselhafter Patient Dafür sind Sie doch zu alt

Nach einer Radtour klagt ein 66-Jähriger über Hodenschmerzen. Eine Entzündung? Antibiotika wirken nicht. Die wahre Ursache bleibt den Ärzten verborgen, weil sie nicht zum Alter des Patienten passt.

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Von Magdalena Hamm


Er sitzt auf dem Fahrrad, als es plötzlich anfängt: ein stechender Schmerz im Hodensack durchfährt einen 66-jährigen Mann aus Tunesien. Als die Schmerzen nach sechs Stunden immer noch unverändert stark bleiben, geht er in die Notaufnahme. Sein rechter Hoden ist mittlerweile rot angeschwollen.

Ansonsten hat er keine Symptome, weder Fieber, noch Probleme beim Wasserlassen oder äußere Verletzungen. Die Ärzte vermuten eine Entzündung der Hoden und Nebenhoden. Das Krankheitsbild tritt bei älteren Männern infolge eines Harnwegsinfektes recht häufig auf. Sie verordnen dem Patienten ein Antibiotikum, um die Infektion zu bekämpfen, und schicken ihn nach Hause.

Doch die Behandlung schlägt nicht an. Als sich der Mann eine Woche später in der Urologischen Abteilung des Krankenhauses zur Nachuntersuchung meldet, klagt er weiterhin über Schmerzen im rechten Hoden. Auch die Schwellung ist nicht abgeklungen.

Beim Abtasten bemerkt der Facharzt eine Verhärtung, die bis hoch in die Leistengegend reicht. Er ordnet daraufhin einen Ultraschall des Hodensacks an. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Die Blutzufuhr zum rechten Hoden ist unterbrochen - womöglich schon seit Tagen.

Eine Operation offenbart das eigentliche Problem

Um die Ursache dafür zu finden, muss der Hodensack des Patienten geöffnet werden. Bei der Operation stellen die Ärzte fest, dass der Samenstrang des rechten Hodens um 720 Grad verdreht ist.

Eine solche Hodenverdrehung, auch Torsion genannt, kann auftreten, wenn der Hoden im Hodensack zu viel Spielraum hat. Etwa weil die äußere und innere Hodenhülle nicht ausreichend miteinander verklebt sind. Oder weil die Samenstränge länger sind, als gewöhnlich.

Die Veranlagung ist in der Regel angeboren. Folglich treten Torsionen häufig schon im Säuglings- oder Kleinkindalter auf, sowie bei Jugendlichen. Auslöser ist meist eine ruckartige Bewegung, etwa beim Krabbeln oder beim Sport.

Dass auch erwachsene Männer von einer Hodenverdrehung betroffen sein können, wird im Klinikalltag oft außer Acht gelassen. Das zeigt der Fall des 66-jährigen Mannes sehr deutlich. Dass der Schmerz bei ihm so plötzlich auftrat und er keine Entzündungssymptome wie Fieber zeigte, hätte die Ärzte stutzig machen können. Stattdessen verfahren sie nach Schema F.

Immerhin zeigen sie sich im Nachhinein einsichtig und veröffentlichen den Fall des Mannes im Fachblatt "Urology Case Reports". Darin schreiben sie: "Aufgrund der Seltenheit, mit der eine Hodentorsion bei älteren Männern auftritt und der gleichzeitigen Häufung von Hodenentzündungen in ihrer Altersgruppe, kommt es in den meisten Fällen zu einer Fehldiagnose."

Folgenschwere Fehleinschätzung

Die Folgen einer solchen Fehleinschätzung können verheerend sein. Denn eine Torsion ist immer ein Notfall, bei dem schon wenige Stunden einen Unterschied machen. Wenn die Blutzufuhr durch die Verdrehung über längere Zeit eingeschränkt oder gar komplett gekappt ist, kann der Hoden absterben und muss entfernt werden.

So ergeht es auch dem Mann aus dem Fallbeispiel. Nachdem die Ärzte seinen Hodensack geöffnet und die Torsion festgestellt haben, müssen sie den rechten Hoden entfernen. Um einer weiteren Verdrehung vorzubeugen, fixieren sie im nächsten Schritt den verbliebenen linken Hoden im Hodensack.

Im Fazit ihres Artikels empfehlen die Ärzte auch bei älteren Männern mit Hodenschmerzen die Möglichkeit einer Torsion mit in die Diagnostik einzubeziehen. Um festzustellen, ob die Hoden ausreichend durchblutet sind, böte sich die Untersuchung mit einem Farbdoppler-Ultraschall an. Noch entscheidender sei es jedoch, sich die Krankheitsgeschichte des Patienten genau anzuhören.

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