Rätselhafte Krankheit Bei einem Hörsturz hilft vor allem Ruhe

Ein Hörsturz fühlt sich an, als hätte jemand einem Watte ins Ohr gesteckt. Noch ist unklar, ob Stress dabei eine Rolle spielt. Trotzdem sollten Betroffene im Ernstfall erst mal eins tun: sich ausruhen.

Plötzlich nimmt das eine Ohr nicht mehr richtig wahr
TMN/ Monique Wüstenhagen

Plötzlich nimmt das eine Ohr nicht mehr richtig wahr


Plötzlich macht ein Ohr dicht, als hätte jemand am Lautstärkeknopf gedreht: Viele Betroffene mit einem Hörsturz kennen das Gefühl, wenn sie auf einmal auf einer Seite nicht mehr richtig hören können. Die Probleme scheinen aus dem Nichts zu kommen, eine Vorwarnung gibt es nicht.

"Oft passiert es morgens direkt nach dem Aufstehen, oft auch in belastenden, stressigen Situationen", sagt Gerhard Hesse, Chefarzt des Ohr- und Hörinstituts im hessischen Bad Arolsen und Sprecher des Fachlichen Beirats der Deutschen Tinnitus-Liga. Warum das so ist und was genau bei einem Hörsturz im Ohr passiert, hat die Wissenschaft bisher nicht herausfinden können. Ob Stress tatsächlich eine Rolle spielt, ist ebenfalls nach wie vor unklar.

Keine Panik

Ein Hörsturz galt früher als Notfall, mit dem man so schnell wie möglich zum Arzt sollte. Solche Hektik, die schnell in Panik umschlägt, ist laut den aktuellen Empfehlungen nicht notwendig und eher kontraproduktiv. Eile ist nur geboten, wenn das Ohr komplett taub ist oder es noch zu weiteren Symptomen wie Schwindel kommt. Ansonsten könnten die Patienten insbesondere bei eher gering ausgeprägten Hörverlusten zunächst 24 bis 48 Stunden abwarten, findet auch Michael Deeg, Sprecher des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte.

Bei rund der Hälfte der Betroffenen normalisiert sich in dieser Zeit das Hörvermögen wieder. "Und auch wenn das nicht der Fall sein sollte, droht keine Verschlechterung, und es besteht auch nicht die Gefahr, Behandlungschancen zu verpassen", sagt Deeg, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in Freiburg. In der Wartezeit sollten es die Patienten ruhig angehen lassen: "Entspannen, früher schlafen gehen, auf Alkohol und Nikotin verzichten", rät der HNO-Arzt.

Bleibt das taube Gefühl im Ohr bestehen, sollten Betroffene zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt gehen. Dieser untersucht zunächst den Gehörgang, um auszuschließen, dass Ohrenschmalz schuld ist an den Problemen. Auch ein Infekt kann das Hörvermögen verschlechtern, wenn sich im Mittelohr hinter dem Trommelfell Flüssigkeit bildet und der Schall schlechter weitergeleitet wird. Als weitere Ursache kommen laute Geräusche wie Böllerschüsse infrage. "Lässt sich kein solcher auslösender Faktor feststellen, liegt ein Hörsturz vor", sagt Hesse. 40 bis 100 von 100.000 Menschen seien pro Jahr betroffen.

Schauplatz Innenohr

Schauplatz eines Hörsturzes ist das Innenohr. Dort liegen Haarzellen, die Schallwellen in elektrische Impulse umwandeln. Die Nerven leiten diese ins Gehirn weiter, wo sie entschlüsselt werden - erst dann hören wir. Bei einem Hörsturz arbeiten die Haarzellen in einem bestimmten Frequenzbereich nicht mehr richtig. Die Hör-Einschränkungen können sehr unterschiedlich ausfallen, sagt HNO-Arzt Deeg. Bei einigen Patienten begleitet zudem ein Ohrgeräusch, ein Tinnitus, den Hörsturz. Bei anderen fühlt sich die Ohrmuschel pelzig an. Zu Schmerzen kommt es in der Regel nicht.

Manchmal hilft schon Ruhe: Die Rate an Spontanheilungen in den ersten Wochen nach einem Hörsturz ist hoch. Ein Medikament, das die Ursache eines Hörsturzes bekämpft, gibt es nicht - weil die Ursache nicht bekannt ist. Eine Therapie sollte laut den aktuellen Behandlungsleitlinien in der Regel mit Kortison erfolgen. Infusionen mit durchblutungsfördernden Präparaten, die früher zum Einsatz kamen, werden nicht mehr angewendet: "Die wissenschaftliche Aufarbeitung hat gezeigt, dass sie keinen signifikanten Effekt haben und sogar zu unerwünschten Nebenwirkungen führen können", sagt Deeg.

Das Kortison wird in hoher Dosierung eingesetzt: als Infusion, in Tablettenform oder per Spritze direkt ins Ohr. "Der Wirkstoff reguliert den Flüssigkeitshaushalt im Innenohr und wirkt antientzündlich", sagt Hesse. Die Therapie sei über einige wenige Tage gut verträglich. Auch wenn die Wirksamkeit von Kortison beim Hörsturz nicht abschließend erwiesen sei, werde die Behandlung von den Krankenkassen bezahlt, erklärt Deeg: "Mir ist kein Fall bekannt, wo eine Erstattung verweigert worden wäre."

Wirkt das Kortison nicht, bietet eine Sauerstoff-Überdruckbehandlung eine Alternative: Die Patienten atmen dabei in einer Druckkammer reinen Sauerstoff ein. Gesetzlich Versicherte müssen für die aufwendige Therapie selbst aufkommen, eine Sitzung kostet rund 200 Euro.

"Bei 10 bis 20 Prozent bleiben Hörminderungen"

Nicht immer gelingt es, das Hörvermögen vollständig wiederherzustellen. "Bei 10 bis 20 Prozent bleiben Hörminderungen", schätzt Hesse. "Wenn die Dämpfung 25 bis 30 Dezibel beträgt, macht sie sich im Alltag störend bemerkbar", sagt Eberhard Schmidt, Hörgeräteakustikermeister in Regensburg und Delegierter der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker. Mit einem schwächeren Ohr sind vor allem Gespräche in großer Runde schwierig. Auch die Richtung, aus der ein Geräusch kommt, lässt sich nicht mehr so gut identifizieren.

"Manchmal reagiert das Gehör nach einem Hörsturz außerdem empfindlicher auf laute Geräusche", sagt Schmidt. Ein Hörgerät kann das betroffene Ohr dann unterstützen. Die Systeme lassen sich so programmieren, "dass sie genau die Frequenzen, die fehlen, ans Trommelfell bringen", erläutert Schmidt. Außerdem können sie helfen, einen störenden Tinnitus zu mildern - und erleichtern damit die Konzentration auf das Wesentliche im Gespräch.

Von Eva Dignös, dpa/irb



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jeff_hunter 21.04.2016
1. Meinungen
Zwei Ärzte, ein Patient, vier Meinungen: Noch vor zwei Jahren wurde ich gerügt, warum ich nicht am selben Tag einen Arzt aufgesucht habe, blutdrucksteigernde Mittel wurden auch verschrieben (und nach heftigen Nebenwirkungen wieder abgesetzt). Auch Kortison in der Dosierung ist nicht ohne und führt zu unerwünschten Nebenwirkungen! - Außer man liebt Hitzewallungen und dass man Nachts um ein Uhr früh aufwacht, weil man durch das Kortison nicht mehr müde ist.
Stanislaus III. 21.04.2016
2. Das ist überhaupt nicht unklar
"Noch ist unklar, ob Stress dabei eine Rolle spielt." Bei Stress wird Adrenalin ausgeschüttet. Adrenalin verengt die Kapillaren und damit auch die Blutversorgung in besonders empfindlichen Bereichen. Wenn dazu noch der übliche Bewegungsmangel kommt und so die Wirksamkeit des Gegenspielers von Adrenalin, das Insulin, den Pegel nicht ausreichend senkt, wird das zum Hörsturz und bei schlimmen Fällen zum Ausfall der Augen führen. Also gerade unter beruflichen und/oder privaten Stress für immer genügend Ausgleichssport sorgen. Aber das weiss ja jeder. :-(
NatanielPusch 21.04.2016
3. Folge von Callcenterarbeit
Ich habe mehrere Jahre in einem Callcenter gearbeitet. Nach einer Callcenterschicht hört man alles nur noch wie durch Watte. Nach mehreren Monaten stellte sich ein leises, sehr hohes Pfeifgeräusch ein. Das konnte kein Arzt mehr wegbekommen und ich leide heute noch darunter. In der Zeit ist mir insgesamt dreimal das Ohr zugefallen. Mein Hörvermögen ist nach mehreren Jahren Callcenter deutlich herabgesetzt.
leonardo da v 21.04.2016
4. Kosten
In der vergangenen Woche würde ich mit Kortison-Infusionen therapiert. Bis jetzt ohne Erfolg. Die Kosten der Therapie i. H. v. 127 € muss ich als Kassenpatient selbst tragen. Leider übernimmt meine BKK nur die Kosten für das Medikament.
rallerollo 21.04.2016
5. unsinn
Ich bin auch ein Betroffener. Leider bin ich zu spät hingegangen zum Arzt, habe es zuerst auch nur abgetan mit einem Proppen Ohrenschmalz. Leider ist es jetzt zu spät. Auch nach 4 Jahren ist die Hörleistung nicht wieder gekommen. Ein Hörsturz ist nichts anderes wie ein Schlaganfall nur halt im Ohr. Und da sagt auch keiner nur keine Panik-die erste Hilfe ist auch hier angesagter denn je
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