Kassenstreit Homöopathie wird erstattet - die neue Brille nicht

Viele Krankenkassen übernehmen Kosten für homöopathische Behandlungen beim Arzt - obwohl die Wirksamkeit von Globuli nicht erwiesen ist. Der Überblick über das Streitthema.

Homöopathische Globuli
DPA

Homöopathische Globuli


Wer annimmt, dass gesetzliche Krankenkassen nur wirksame Therapien erstatten, irrt. Denn viele Kassen übernehmen freiwillig die Kosten für homöopathische Behandlungen, wenn Mediziner diese durchführen. Besuche bei Heilpraktikern werden nicht übernommen.

Trotz zahlreicher Studien fehlt bis heute ein klarer Beleg dafür, dass homöopathische Globuli eine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus haben. Erst kürzlich veröffentlichte ein EU-weiter Wissenschaftsrat eine Stellungnahme, in der dies festgestellt wird. Außerdem warnen die Forscher davor, dass Homöopathie sogar schaden kann, wenn eine notwendige medizinische Behandlung dadurch verzögert wird. Zudem könne das Vertrauen einzelner Patienten und der Gesellschaft in eine fundierte Wissenschaft gestört werden.

Dennoch zahlt die Techniker Krankenkasse (TK) folgende Therapien bei "teilnehmenden homöopathischen Ärzten":

  • Erst- und Folgeanamnese
  • Homöopathische Analyse
  • Suche nach den geeigneten Arzneimitteln (Repertorisation).

Sonderregeln für Homöopathie, Anthroposophie und Pflanzenheilkunde

Dabei stellte auch die TK im Gespräch mit dem SPIEGEL bereits klar: "Wir haben keinen Wirksamkeitsnachweis für die Homöopathie vorliegen."

Kassen dürfen eigentlich nur die Kosten von anerkannt wirksamen Therapien erstatten, doch für Homöopathie, Anthroposophie und Pflanzenheilkunde hat der Gesetzgeber Sonderregeln geschaffen. Sie müssen nicht in aufwendigen Studien ihre Wirksamkeit unter Beweis stellen. Und die gesetzliche Krankenversicherung darf die Kosten übernehmen.

Kritiker der Methode vom Informationsnetzwerk Homöopathie wollten mit der TK über das Thema reden. "Geplant war ein dreistündiges Gespräch mit der hohen Verwaltungsebene", sagt HNO-Arzt Christian Lübbers. Ein konstruktiver Meinungsaustausch habe die Vor- und Nachteile abwägen sollen. Vergangene Woche jedoch sagte die TK das vereinbarte Gespräch ab.

Die Kasse habe bemerkt, "dass eine Veröffentlichung der Gesprächsergebnisse beabsichtigt war", erklärte ein Sprecher. "Dies entsprach nicht unserem Verständnis des geplanten Gesprächs."

Auch für Gesundheitspolitiker ist die Homöopathie ein heikles Thema. "Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen", erklärte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach noch im Jahr 2010. "Keine Äußerung zur Homöopathie", heißt es nun aus seinem Büro.

Grundsätze der Homöopathie
    Das Verfahren wurde vor rund 200 Jahren von Samuel Hahnemann entwickelt. Er ging davon aus, dass Krankheiten mit Wirkstoffen geheilt werden, die bei Gesunden Symptome hervorrufen, die denen des Patienten ähneln. Diese Wirkstoffe, zum Teil giftige Substanzen wie Quecksilber, werden wiederholt in Flüssigkeit verdünnt. Die Annahme der Homöopathie: Durch Schütteln vor der Verdünnung wird die Kraft des Wirkstoffs verstärkt.

    Homöopathische Mittel sind unter anderem als Flüssigkeit oder Salbe verfügbar oder als sogenannte Globuli - Zuckerkügelchen, auf welche die verdünnten Lösungen gesprüht wurden. Die Verdünnungen sind oft so hoch, dass sich im fertigen homöopathischen Mittel kein einziges Molekül des Wirkstoffs befindet. Auch eine von Homöopathen angegebene "Energie" des Wirkstoffs lässt sich nicht begründen.

Die Kosten sinken nicht, sondern steigen

Zwar bewegt sich die Kostenerstattung für Homöopathie "im Promillebereich unserer Gesamtausgaben", so die TK. Dennoch zeigt eine von der Kasse geförderte Studie, dass Patienten, die sich Homöopathie erstatten lassen, höhere Kosten verursachen als andere Versicherte.

Eine Gruppe um Julia Ostermann von der Berliner Charité verglich Daten von knapp 44.000 Techniker-Versicherten über einen Zeitraum von knapp drei Jahren. Die Hälfte nahm Homöopathie in Anspruch, die zweite Hälfte tat dies nicht - und wurde so ausgewählt, dass sie der ersten Gruppe möglichst ähnlich war. Die Homöopathie-Patienten fielen demnach länger bei der Arbeit aus und gingen häufiger zum Arzt als die anderen Patienten. So lagen die Kosten nach 33 Monaten im Schnitt bei 12.414 Euro (Homöopathie-Gruppe) gegenüber 10.429 Euro (Vergleichsgruppe).

Für Jürgen Windeler vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, zuständig für die Wirksamkeitsprüfung von Therapien, ist klar: Die hochverdünnten Globuli sind eine Scheintherapie. "Menschen verstehen nicht, warum sie ihre Brille selber zahlen müssen - und gleichzeitig erstatten die Kassen Homöopathie."

wbr/dpa

insgesamt 118 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
penie 14.12.2017
1. Die Unwirksamkeit von Globuli ist schon längst nachgewiesen!
Es fehlt keineswegs ein Beweis für ihre Wirkung, sondern sie sind exakt so wirksam wie Placebos. Ist auch kein Wunder, da sie aufgrund ihrer extremen Verdünnung ohnehin keine nennenswerte Wirkstoffmenge enthalten. Also weg mit dem Quatsch. Oder: bezahlen, aber nur zum Preis eines vergleichbaren Placebos
Ein_denkender_Querulant 14.12.2017
2. Wissenschaftsferne Zeit
Leider muss man konstatieren, dass wir in eine Wissenschaftsferne Zeit rauschen. Die Menschen brauchen einfache Botschaften und klare Aussagen, dann sind sie zufrieden. Unsere Wissenschaft gibt es nicht in einer einfachen Form, es bedarf viel Verständnis der Methoden, um Ergebnisse zu beurteilen. Das ist leider vielen nicht gegeben und man wendet sich wem auch immer zu, dem Gott, der Verschwörungstheorie oder der Homöopathie.
Sibylle1969 14.12.2017
3.
Es gibt nicht nur keine Belege, dass Homöopathie über den Placeboeffekt hinaus wirkt, sondern im Gegenteil, es ist klar nachgewiesen, dass Homöopathie wirkungslos ist bis auf den Placeboeffekt. Dh. es können noch so viele Studien gemacht werden, es wird kein Wirksamkeitsnachweis gelingen. Dass Homöopathie dennoch von vielen Kassen bezahlt wird, ist reines Marketing.
syracusa 14.12.2017
4. obwohl die Wirksamkeit von Globuli nicht erwiesen
Nein, richtig ist: die physiologische Unwirksamkeit homöopathischer Mittelchen ist erwiesen. Diese "wirken" nur so wie ein Placebo. Allerdings können Placebos sehr wirksame Heilmittel sein. Ich möchte nicht, dass meine Krankenkasse Humbug-Theorien wie die der Homöopathie finanziert, weil dadurch ein wissenschaftsfeindliches Weltbild propagiert wird. Allerdings möchte ich sehr wohl, dass meine Krankenkasse andere Maßnahmen mit Placebo-"Wirkung" finanziert, wie beispielsweise mehr Zeit für Arzt-Patientengespräche.
St.Baphomet 14.12.2017
5. Da in unserer Nahrung,
im Trinkwasser und der Atemluft gewiss schon sämtliche Stoffe in bis zur Nachweisgrenze gehenden Konzentrationen verdünnt vorhanden sind werden wir doch schon alle permanent homöopathisch behandelt. Wozu noch der Arzt? Okay, das Schütteln hab ich ausgelassen, aber im Prinzip müsste ich doch richtig liegen, oder nicht? Hat die Homöopathie denn wenigstens den Plazebo-Test bestanden? Kassen die sich gerne davor drücken Blinden ihren Hund zu bezahlen aber Gleichzeitig Millionen für solch unbewiesenen Unfug ausgeben sollte man morgen schon die Lizenz entziehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.