Homöopathie an Volkshochschulen "Die Kurse dürfen nicht zur Volksverdummung beitragen"

Edzard Ernst gilt als einer der führenden, kritischen Erforscher der Alternativmedizin. Ein Gespräch über die bedenkliche Flut fragwürdiger Angebote an Volkshochschulen.

Homöopathische Kugeln (Globuli)
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Homöopathische Kugeln (Globuli)

Ein Interview von


Zur Person
  • Magda Rakita / DER SPIEGEL
    Edzard Ernst trat seine erste Stelle 1978 in einer Münchner Naturheilklinik an. In Wien war er Professor für Physikalische Medizin und Rehabilitation - bis zu seiner Berufung ins englische Exeter, wo er ab 1993 den Lehrstuhl für Komplementärmedizin aufbaute. Ernst, 70, gilt als einer der führenden kritischen Erforscher der Alternativmedizin. 2012 wurde er emeritiert.

    Blog von Edzard Ernst: https://edzardernst.com/

SPIEGEL: An Volkshochschulen gibt es eine bedenkliche Flut fragwürdiger alternativmedizinischer Angebote, wie eine Auswertung des SPIEGEL zeigt. Auch Sie haben schon schlechte Erfahrungen bei einem Vortrag an der Volkshochschule gesammelt. Was ist passiert?

Ernst: Vor einigen Jahren bin ich von drei süddeutschen Volkshochschulen eingeladen worden. Mein Thema war die Frage, was gute wissenschaftliche Studien über die Wirksamkeit von Homöopathie aussagen. Diese Frage ist aus wissenschaftlicher Sicht leicht zu beantworten: Homöopathische Kügelchen sind ein Placebo, wirken also so gut oder schlecht wie reiner Zucker.

SPIEGEL: Gläubige Anhänger der Homöopathie werden das allerdings vehement bestreiten...

Ernst: ...und haben das bei meinen Vorträgen auch getan! An den ersten beiden Tagen ging es noch fair zu. Beim dritten Termin aber hatte ich regelrecht das Gefühl, in ein Wespennest zu treten.

SPIEGEL: Weil das Publikum aus fanatischen Homöopathie-Verfechtern bestand?

Ernst: Ja, aber das war nicht das Schlimmste. Ich diskutiere sehr gerne mit Menschen, die anderer Meinung sind als ich, und als Zuhörer darf man ja schließlich seine Meinung sagen. Doch auch die Leiterin der Volkshochschule selbst war anwesend, sie unterbrach sogar meinen Vortrag und behauptete, das, was ich gerade gesagt hatte, sei falsch, so könne man das nicht sehen. Das ging mir dann doch zu weit. Hinterher habe ich mir die Programme der Volkshochschulen etwas genauer angesehen und war erschrocken, wie viel unwissenschaftliche Alternativmedizin dort offenbar angeboten wird.

SPIEGEL: Warum finden Sie fragwürdige alternativmedizinische Kurse gerade bei Volkshochschulen so schlimm?

Ernst: Die Bildung an Volkshochschulen wird zu rund 60 Prozent aus öffentlichen Geldern finanziert. Da dürfen die Kurse nicht zur Volksverdummung beitragen. Es muss klare ethische Standards geben. Sonst könnte man ja auch Kurse in Steuerhinterziehung oder Autoknacken anbieten, da wäre die Nachfrage sicherlich auch groß.

SPIEGEL: Aber kann man Angebote zu Homöopathie, Aromatherapie, Klangschalen-Massage, Kinesiologie oder zur Ernährung nach den fünf Elementen nicht auch einfach als harmlosen Unsinn abtun?

Ernst: Nein, ich denke nicht. Zum einen, weil es gefährlich sein kann, auf eine schulmedizinische Behandlung zu verzichten, wenn man ernsthaft erkrankt ist. Der Apple-Gründer Steve Jobs zum Beispiel könnte wahrscheinlich noch leben, wenn er seinen Bauchspeicheldrüsenkrebs nicht erst monatelang mit alternativmedizinischen Methoden hätte behandeln lassen. Aber das wirklich Schlimme ist, dass solche Kurse das rationale Denken untergraben und zerstören.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Ernst: Wenn weite Teile der Bevölkerung glauben, es gebe tatsächlich so etwas wie die Lebensenergie Qi oder Meridian-Leitbahnen und Chakren, wenn also jeder Unsinn propagiert und geglaubt wird, dann gibt es keine Maßstäbe mehr. Dann werden die Grenzen zwischen Wahrheit und Unwahrheit unscharf. Dann kann jeder Scharlatan seine Meinung auftischen, und sie wird genauso ernst genommen wie die eines Experten. Voltaire, der französische Philosoph der Aufklärung, hat gesagt: "Wer dich veranlassen kann, Absurditäten zu glauben, der kann dich auch veranlassen, Gräueltaten zu begehen."

Das mag zunächst übertrieben klingen, aber wir sehen gerade bei Donald Trump, was passiert, wenn alternative Fakten plötzlich wie echte Fakten behandelt werden. Wenn wir unsere Rationalität verlieren, dann geht alles in die Brüche.

SPIEGEL: Bei Kursen zu alternativmedizinischen Themen sind die Dozenten häufig Heilpraktiker. Ist das ein Problem?

Ernst: Oh ja. Heilpraktiker haben meist ein gefährliches Halbwissen, von dem sie aber völlig überzeugt sind. Sie kleiden es in eine pseudowissenschaftliche Sprache, und obwohl sie eigentlich so gut wie nichts verstehen, haben sie keine Skrupel, mit ihren Dummheiten das Volk zu verwirren.

Aber wichtiger als der berufliche Hintergrund der Dozenten ist für mich immer noch die Frage der Evidenz, also was wissenschaftliche Studien über die Wirksamkeit und Sicherheit der gelehrten Methode aussagen. Ohne Evidenz kommt man im Gesundheitsbereich einfach nicht aus. Wenn man sie ignoriert, dann ist man wieder im Mittelalter.

SPIEGEL: Ist denn wirklich alles im Bereich der Alternativ- und Komplementärmedizin völliger Unsinn?

Ernst: Nein, es gibt durchaus gute wissenschaftliche Studien, die zum Beispiel die Wirksamkeit von einigen pflanzlichen Medikamenten bei einzelnen Indikationen belegen. Oder in einigen Fällen eine positive Wirkung von Yoga. Aber Yoga ist andererseits auch ein gutes Beispiel dafür, wie sogar durch eine Methode, deren Wirksamkeit in bestimmten Fällen bewiesen ist, völlig irrationale Ideen verbreitet werden können, etwa über Chakren und Energiefluss. Das ist dann wiederum ein Problem.

SPIEGEL: Auch viele Ärzte bieten alternativmedizinische Methoden an, teilweise zahlen sogar die Krankenkassen dafür, und per Gesetz hat die Homöopathie einen Sonderstatus. Warum sollten ausgerechnet Volkshochschulen besonders kritisch mit diesen Methoden umgehen?

Ernst: Weil Volkshochschulen die verdammte Pflicht haben, das Volk richtig und verantwortungsvoll zu informieren. Hier existiert ein Teufelskreis: Das Volk wird falsch informiert, daher fordern Patienten unsinnige Therapien, also bieten die Ärzte diese an, und schließlich meinen die Volkshochschulen, dass sie solchen Unsinn im Programm haben müssen, weil sogar Ärzte ihn einsetzen.

Ich verstehe meine Kritik an diesem Kreislauf als konstruktiv. Es geht darum, die Dinge zu verbessern, und wenn ich dabei helfen kann, zum Beispiel mit Vorträgen an Volkshochschulen, dann tue ich das immer gerne.

Video: Homöopathie - Heilung oder Humbug?

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Seite 1
Ein_denkender_Querulant 20.08.2018
1. Der Verdummung begann früher
Es sind nicht die Kurse, die die Menschen verdummen, die Verdummung war abgeschlossen, als man den Scharlatankurs wählte und bezahlte. Versagt haben ganz andere Stellen und die Art und Weise, wie dieser Humbug weite Teile der Gesellschaft durchdrungen hat, ist erschreckend. Wenn mir Freunde voller Leidenschaft und Inbrunst Zuckerkügelchen als Wundermedikamente andrehen wollen, kann das eine Freundschaft kosten. Es ist nicht zu ertragen, dass denkende Menschen auf die Idee kommen, dieser Scharlatanerie zu folgen.
gartenkram 20.08.2018
2. Super
Vielen Dank! Jemand, der das genauso sieht wie ich ... aber der Glaube versetzt Berge und einige in meinem Umfeld glauben an diese Kügelchen und haben ständig das gesamte Sortiment dabei und können in 5 Minuten jedes Gespräch ruinieren, wenn sie mit ihrer Mission anfangen. Es gibt sicherlich ein paar Dinge, die ich ausprobieren würde, bevor ich die chemische Keule einsetze, aber alles hat Grenzen. Und je nach Erkrankung bevorzuge ich dann doch eher eine Behandlung mit nachgewiesener Wirksamkeit.
Allein-Unter-Welpen 20.08.2018
3. Seit mehreren Jahrzehnten ist es experimentell bewiesen (!!)
das es einen Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Quantenphysik gibt. Nicht eine Studie - es gib hunderte die Eindeutig sind. Aber fuer die Mainstream-Wissenschaft und Medien kann halt nicht sein was nicht sein darf... .
SchmidtPe 20.08.2018
4. Eine steile These, aber war Jobs denn auf der Volkshochschule?
Zitat: "Der Apple-Gründer Steve Jobs zum Beispiel könnte wahrscheinlich noch leben, wenn er seinen Bauchspeicheldrüsenkrebs nicht erst monatelang mit alternativmedizinischen Methoden hätte behandeln lassen."
Lilablack 20.08.2018
5.
Die verdammte Pflicht das Volk richtig zu informieren haben vor allem die Ärzte aber die meisten Ärzte sind schon glücklich, wenn sie einem krankenn Menschen wenigstens eine Diagnose an den Kopf werden können und ein paar Pillen aufschreiben können und damit ist für sie der Fall erledigt.Gesund wird man davon aber nicht. Und eben weil die meisten Ärzte eben nicht heilen sondern nur Symptome bekämpfen ist die alternative Medizin so wichtig!
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