Streitfrage Wieso zahlen Krankenkassen Homöopathie?

Die Techniker Krankenkasse erstattet - wie andere gesetzliche Kassen auch - die Kosten für homöopathische Behandlungen, obwohl deren Wirksamkeit nicht erwiesen ist. Auf Twitter ist darüber eine heftige Debatte entbrannt.

Homöopathische Globuli
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Homöopathische Globuli

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Am Dienstagmorgen musste sich die Techniker Krankenkasse (TK) entschuldigen: "Wollen wir uns jetzt erst einmal alle beruhigen und dann mal in Ruhe über Homöopathie sprechen? Ja, unser Tweet von heute Nacht war nicht gut."

Was war in der Nacht passiert? Da hatte die TK - schon mitten im Streit um das Thema - einen Gesprächspartner gefragt: "Können Sie uns saubere, wissenschaftliche Studien nennen, die die Nicht-Wirksamkeit von Homöopathie belegen?"

Die Frage war aus vielerlei Hinsicht unbedacht: Eine Krankenversicherung, die eine Methode bezahlt, kann nicht einfach die Beweislast auf einen Fragesteller abwälzen. Zudem wäre es an der Homöopathie, ihre Wirksamkeit zu belegen - was sie in 200 Jahren nicht geschafft hat.

Außerdem führt die Frage in diesem Fall auch in eine falsche Richtung. Denn die Kassen übernehmen die Kosten von homöopathischen Behandlungen überhaupt nicht, weil sie von deren Wirksamkeit überzeugt sind. Sondern offensichtlich, weil ein Teil der Kundschaft das wünscht.

Argumente für die Homöopathie: "im Trend" und "beliebt"

"Die sanfte Medizin liegt im Trend", heißt es etwa auf der Webseite der TK. "Viele TK-Kunden schätzen Naturheilverfahren. Die TK bietet deshalb bei der Homöopathie eine besondere Leistung."

Die Barmer argumentiert ähnlich: "Die Homöopathie ist eine wissenschaftlich nicht anerkannte, aber beliebte und verbreitete alternativmedizinische Behandlungsmethode."

"Homöopathie ist kein Bestandteil des gesetzlichen Leistungskatalogs der Krankenkassen. Viele Patienten haben mit homöopathischen Behandlungsmethoden jedoch gute Erfahrungen gemacht", schreibt die BKK Mobil Oil, die die Methode auch noch fälschlicherweise als "pflanzliche Medizin" bezeichnet.

Nur drei Beispiele, die zeigen, dass es den Kassen nicht um Wirksamkeit geht, sondern um Beliebtheit.

Dorothee Meusch, Pressesprecherin der TK, sagt ganz klar: "Wir haben keinen Wirksamkeitsnachweis für die Homöopathie vorliegen."

Sie zitiert die Gesetzgebung, die den besonderen Therapierichtungen (Homöopathie, Anthroposophie und Pflanzenheilkunde) ihren Raum in der gesetzlichen Krankenversicherung gibt. "Behandlungsmethoden, Arznei- und Heilmittel der besonderen Therapierichtungen sind nicht ausgeschlossen", heißt es dort zum Thema Leistungen. Die Kostenerstattung für Homöopathie bewege sich "im Promillebereich unserer Gesamtausgaben", so Meusch.

Bessere Vergütung für sprechende Medizin gefordert

Die TK-Sprecherin betont den positiven Aspekt, den das 60 bis 90 Minuten dauernde Erstgespräch beim homöopathischen Arzt habe - Gespräche beim Heilpraktiker zahlt die Kasse nicht. "Der Arzt nimmt sich Zeit für den Patienten, das kann sehr wertvoll sein." Gesprächszeit sei ja sonst beim Arzt oft zu knapp bemessen.

Müsse man nicht hier eingreifen? Meusch: "Wir sind der Meinung, dass sprechende Medizin zu schlecht vergütet wird. Zurzeit verdient der Arzt oft umso mehr, je weiter er vom Patienten entfernt ist."

Ist die Homöopathie dann also bloß ein Umweg, um Arztgespräche besser zu vergüten? Nein, so solle man das nicht verstehen, sagt Meusch.

Die TK hatte schon vor Jahren argumentiert, dass die Erstattung der Homöopathie sicher ein positives Kosten-Nutzen-Verhältnis habe. Die Idee dahinter: Die langen Arztgespräche helfen, den Einsatz teurer Arzneien und weiterer Untersuchungen zu vermeiden. Das wollte die TK auch mit Zahlen untermauern.

Länger krankgeschrieben

Eine 2015 im Fachblatt "Plos One" veröffentlichte Studie, für die Daten von 44.500 TK-Versicherten ausgewertet wurden, kam jedoch zu einem anderen Ergebnis: Die Patienten, die Homöopathie in Anspruch nahmen, verursachten binnen 18 Monaten deutlich mehr Kosten als eine vergleichbare Gruppe von Patienten, die dies nicht tat. Zum einen lag das an Mehrkosten für Therapie und Medikamente. Zum anderen aber waren die Patienten, die zusätzlich homöopathisch behandelt wurden, länger krankgeschrieben.

Eine weitere Untersuchung läuft noch: Sie prüft, ob TK-Versicherte, die unter anderem unter Migräne oder Asthma leiden, von einer homöopathischen Zusatzbehandlung profitieren. Ergebnisse werden für 2018 erwartet.

Dass es Patienten nutzt, wenn Ärzte sich mehr Zeit für sie nehmen, weiß man schon jetzt. Warum also wird die Gesprächszeit nicht generell besser vergütet? Ärzte, die sich einer wissenschaftlich fundierten Medizin verpflichtet fühlen, deren Wirksamkeit erwiesen ist, könnten dann ebenso längere Gesprächsblöcke einplanen und dafür angemessen entlohnt werden.

Zusammengefasst: Viele gesetzliche Krankenversicherungen übernehmen die Kosten für homöopathische Behandlungen, weil diese beliebt sind. Die Kostenübernahme ist allerdings kein Beleg dafür, dass die Methode wirksam ist.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 242 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 07.03.2017
1. tja warum nur?
....es könnte ja sein das jemand davon etwas hat?...nur eine Vermutung. Wenn eine Krankenkasse Medikamente (wenn man Traubenzuckerkügelchen so nennen mag) ohne Wirkstoff subventionieren bzw. ganz bezahlen, liegt der Verdacht nahe, dass jemand bei der Kasse etwas dafür bekommt wenn er solchen unwirksamen Dinge bezahlen läßt?...oder?
Leser161 07.03.2017
2. Seltsame Welt
Dieselben Krankenkassen die Homöopathie bezahlen weil sie halt trendig und beliebt sind zahlen keine Brillengläser. Die Brillengläser die für Fehlsichtige gesetzlich vorgeschrieben sind, um ein Kfz zu führen. Eine wichtige Sache zum Beispiel um bestimmte Jobs zu erhalten. Was ist das für eine Welt in der die Gemeinschaft trendige wahrscheinlich unwirksame Hilfsmittel zahlen muss, der fehlsichtige Einzelne aber mit den hoch dreistelligen Kosten für notwendige Korrekturen alleingelassen wird?
fusselsieb 07.03.2017
3. Aufklärung wieder angebracht
Es braucht wohl wieder eine Zeit der Aufklärung. Aber offenbar gehen einige Gesellschaftsschichten lieber den Glaubensweg. Und alle anderen sollen wieder dafür bezahlen und machen die reich, die es anbieten. Letztendlich ist es das Gleiche, wie bei den vielen nutzlosen Medikamenten und Operationen. Hauptsache es wird Umsatz generiert und unterproportional Arbeitsplätze zu halten. Es braucht unabhängige Sachverständige, die mal so richtig alles auf den Kopf stellen.
Gleichstrom 07.03.2017
4.
... und für sinnvolle Dinge muß man oft Anträge stellen und teils Monate warten, während derer man sicher nicht von garnichts gesünder wird. Ist eine Krankenkasse nicht ihren Beitragszahlern gegenüber verpflichtet, diese Beiträge nützlich einzusetzen? In meinen Augen ist das Veruntreuung zur Subvention einer reinen Betrugswirtschaft ohne jeden realen Nutzen.
Mister Stone 07.03.2017
5. Geht gar nicht
Wo kommen wir denn da hin? Ich fordere, dass die unabhängigen Gutachten und Studien der Pharmaindustrie verbindlich festlegen, was unsere Krankenkassen bezahlen dürfen und was nicht. Sonst bestimmen am Ende noch die unqualifizierten Meinungen von Patienten und Ärzten, wo das Geld der Krankenkassen landet.
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