Alternativmedizin Was wir von der Homöopathie lernen müssen

Viele Patienten fühlen sich vom Arzt nicht ernst genommen und setzen auf Homöopathie. Die wirkt nicht, schadet womöglich sogar. Trotzdem sollten Mediziner das Phänomen nicht ignorieren.

Globuli
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Globuli

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Dass immer mehr Menschen Homöopathie nutzen, hat einen einfachen Grund: Sie sind enttäuscht. Mediziner haben wenig Zeit für ihre Patienten. Schnell entsteht der Eindruck, beim Arzt allein auf der Basis irgendwelcher Laborwerte abgewimmelt zu werden. Falls überhaupt eine fundierte Diagnostik stattfindet. Mitunter verschreibt der Arzt auch innerhalb weniger Minuten irgendein Medikament. Abfertigung am Fließband.

Beim Homöopathen läuft das deutlich geschmeidiger. Er nimmt sich Zeit, vermittelt dem Patienten das Gefühl, sich für ihn, seine Probleme und Lebenssituation zu interessieren. Am Ende der Anamnese empfiehlt er die Einnahme eines Medikaments, das angeblich wirkt, aber so gut wie keine Nebenwirkungen habe. Schließlich braucht man - um es mit einem beliebten Beispiel zu verdeutlichen - bei einer Erkältung keine Antibiotika.

Völlig richtig. Nur: Man braucht auch keine Globuli. Weder bei harmlosen noch bei ernsthaften Beschwerden.

Die wirken nämlich entweder gar nicht oder in die falsche Richtung. Derzeit prüft die amerikanische Arzneimittelsicherheitsbehörde, ob ein homöopathisches Medikament, das stark schwankende Mengen Belladonna enthält, in den USA zum Tod von zehn Kleinkindern geführt hat.


Grundsätze der Homöopathie

Homöopathie basiert auf der Idee, Gleiches mit Gleichem heilen zu können. Eine Substanz, die beim Gesunden Krankheitssymptome hervorruft, soll diese beim Kranken lindern. Dass das funktioniert, lässt sich logisch nicht begründen. Ein Beispiel: Der Wirkstoff Atropin aus der Schwarzen Tollkirsche (Belladonna) führt bei Gesunden schon in geringen Dosen zu Hitzegefühlen und Fieber. Homöopathen empfehlen Belladonna-Globuli deshalb - genau - bei Hitzegefühlen und Fieber. Vorher schütteln sie ihr Wirkstoffgemisch noch und verdünnen es dann so lange, bis maximal winzige Mengen übrig bleiben.


Von der Homöopathie lernen

Trotzdem macht die Homöopathie etwas richtig: Sie nutzt den Placeboeffekt. Er entsteht durch Zuwendung und eine positive Erwartungshaltung: "Es wird mir bald besser gehen." Das ist mehr als Einbildung. Im Körper kommen durch Zuwendung und liebevolles Kümmern biochemische Prozesse in Gang, die den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können. Das kann auch die Wirkung herkömmlicher Medikamente verbessern.

Zuwendung spüren übrigens auch Säuglinge und Tiere. Dass sie scheinbar auf homöopathische Arzneien anspringen, ist also kein Beleg für deren Wirksamkeit.

Gespräche sind ein gutes Mittel, dem Gegenüber ein positives Gefühl zu vermitteln. Nur sind sie eben kein exklusives Merkmal der Homöopathie und können deren Existenz nicht rechtfertigen. Die Medizin kann den Placeboeffekt ebenso gut nutzen. Nein, sie muss es sogar, denn seine Wirkung ist belegt. Schon Studenten sollten im Studium lernen, wie sie den Placeboeffekt einsetzen, um Leiden zu lindern.

Schwächen der Medizin belegen nicht die Qualität der Homöopathie

Aber nicht nur die Ärzte haben die Erkenntnisse, die es inzwischen zum Placeboeffekt gibt, über Jahre ignoriert. Auch die Politik hat es verschlafen, vernünftige Anreize zu schaffen. Homöopathen bekommen Gespräche um ein Vielfaches besser bezahlt als Mediziner. Zum Vergleich: Mit ungefähr 30 Euro pro Patient kann ein Hausarzt im Quartal rechnen - egal wie häufig der Erkrankte bei ihm auf der Matte steht. Ein Homöopath bekommt allein für die Erstanamnese 90 Euro.

Viele Krankenkassen - mit ihnen die Gemeinschaft der Versicherten - übernehmen die Behandlungskosten der Homöopathie inzwischen bei ausgewählten Ärzten mit homöopathischer Zusatzausbildung. Das ist Verrat am Solidarprinzip, das darauf basiert, dass nachweislich wirksame Behandlungen bezahlt werden, nicht aber pseudowissenschaftliche Alternativheilkunde. Gespräche sollten sich für den auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse arbeitenden Arzt lohnen, nicht für den Alternativheiler.

Statt Alternativmedizin braucht Deutschland eine Medizin, die Patienten auf der Basis wirksamer Therapien und Medikamente behandelt. Der Placeboeffekt gehört dazu. Homöopathische Arzneien nicht.

insgesamt 222 Beiträge
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Seite 1
Vladko Horcicka 24.02.2017
1. Hausarzt Karlstrasse
Phänomen Homöopathie ermöglicht Ärzten sich mehr auf den Patienten zu konzentrieren. Die Beziehung zum Patienten ist essentiell, Globulli nur begleitend, sekundär.
armi-nator 24.02.2017
2. Das ist der erste vernünftige...
...UND vollständig richtige Artikel über Homöopathie, seit ca. 1000 Jahren.
otillo 24.02.2017
3. Homöophatie wirkt doch
Meine Frau ist HP und behandelt seit Jahren viele Ihrer Patienten wirksam mit Homöopathie.
ThBl 24.02.2017
4. 'Placeboeffekt'
In klinischen Studien lässt sich kein Unterschied feststellen, zwischen den Patienten die ein Placebo bekommen haben und denjenigen die überhaupt keine Behandlung bekommen haben. (z.B.: Is the placebo powerless? An analysis of clinical trials comparing placebo with no treatment. 2001)
Mr T 24.02.2017
5. nein
Zitat von Vladko HorcickaPhänomen Homöopathie ermöglicht Ärzten sich mehr auf den Patienten zu konzentrieren. Die Beziehung zum Patienten ist essentiell, Globulli nur begleitend, sekundär.
Ein Arzt sollten sich mehr um die Patienten kuemmern nicht ein Homoeomopath, der keine Ausbildung hat oder ein Arzt, der an Hokuspokus glaubt.
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