Ein rätselhafter Patient Süßes Verhängnis

Ein Mann verliert auf einer Reise durch die Türkei und Griechenland das Bewusstsein. Wieder in Deutschland stellen Ärzte fest, dass der wichtigste Taktgeber in seinem Herzen nicht mehr richtig arbeitet. Warum?

Ein Löffel Süßes: Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor Honig aus der Schwarzmeerregion
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Ein Löffel Süßes: Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor Honig aus der Schwarzmeerregion

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Das erste Mal trifft der Aussetzer den Mann aus heiterem Himmel. Scheinbar grundlos und ohne Warnzeichen wird dem 69-Jährigen schwummrig zumute und er fällt beinahe in Ohnmacht. So etwas kennt der Mann nicht von sich. Er ist so gesund, dass er gerade mit seinem Wohnmobil durch die Türkei reist.

Etwas später erreicht der Tourist Griechenland. Dort hat er ein ähnliches Erlebnis, diesmal aber verliert er tatsächlich das Bewusstsein. Nachdem er sich von der Ohnmacht erholt hat, sucht er Hilfe vor Ort. Doch die griechischen Ärzte raten ihm, nach Deutschland zurückzukehren und dort auf Ursachensuche zu gehen.

Wieder zu Hause vereinbart er einen Termin beim Kardiologen. Am Morgen vor dem Arztbesuch frühstückt er in Ruhe und genießt den Honig, den er sich aus der Türkei mitgebracht hat. Der stammt von einem kleinen Dorfladen, den der Mann mit seinem Wohnmobil versehentlich angefahren hatte. Als Wiedergutmachung hatte er daraufhin viele Früchte und den Honig gekauft.

Schwächeanfall beim Herzspezialisten

Als der Rentner in der kardiologischen Praxis sitzt, fühlt er sich wieder matt, fängt an zu schwitzen und hat Angst, bewusstlos zu werden. Schnell messen die Arzthelferinnen seinen Puls und Blutdruck und legen ein Elektrokardiogramm (EKG) an. Sofort steht fest: Das Herz des Mannes schlägt mit nur 32 Schlägen pro Minute viel zu langsam, der Ruhepuls eines Erwachsenen liegt normalerweise bei 60 bis 80 Schlägen pro Minute.

Anhand des EKG erkennen die Ärzte, dass der sogenannte Sinusknoten im Herzen, in dem sich die elektrische Erregung ausbildet und der den Puls vorgibt, nicht mehr richtig arbeitet. Der nachgeschaltete AV-Knoten (Atrioventrikular- oder Vorhof-Kammer-Knoten) hat stattdessen die Funktion vom Sinusknoten übernommen, allerdings mit viel niedrigerer Frequenz.

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Nur 32 Schläge pro Minute sind zu wenig für den Mann, der Körper bekommt nicht ausreichend Sauerstoff. Direkt aus der Praxis wird der Patient daher in eine Klinik gebracht, wo ihm Ärzte in der Notfallsituation einen Herzschrittmacher implantieren. Damit geht es dem Patienten schnell wieder besser und er darf nach Hause. Die Ursache für das plötzliche Problem seines Herzens kennt er allerdings nicht.

Giftiger Honig?

Daheim grübelt er über seinen Zustand. Dabei fällt ihm nach einiger Zeit etwas auf, das ihm zunächst völlig absurd vorkommt: Bei allen drei Situationen, in denen er einen Schwächeanfall hatte oder ohnmächtig wurde, hatte er zuvor von dem Honig aus dem türkischen Dorfladen gegessen. Könnte der süße Brotaufstrich tatsächlich etwas mit seinen Beschwerden zu tun haben?

Rhododendron ponticum: Wie gefährlich sind die Pflanzen für den Menschen?
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Der Mann beginnt zu recherchieren - und wird fündig. Tatsächlich gibt es in der Schwarzmeerregion sogenannten Tollhonig, der auch als pontischer oder bitterer Honig bezeichnet wird. Dort wächst der giftige Rhododendron ponticum. Honig aus dem Nektar dieser Pflanze ist für den Menschen je nach Dosis lebensgefährlich, denn es stecken die sogenannten Grayanotoxine darin. Diese lösen Schwindel aus, lassen den Blutdruck abfallen, verlangsamen den Herzschlag und können Lähmungen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfälle verursachen.

Nachdem es in Hessen einen Vergiftungsfall nach dem Verzehr von Tollhonig gab, hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) das gesundheitliche Risiko von grayanotoxinhaltigen Honigen im Jahr 2010 bewertet. Demnach geht das BfR davon aus, dass in Deutschland "mögliche Grayanotoxine-Konzentrationen im Honig aus der Rhododendronblüte kein Risiko darstellen", heißt es in der Stellungnahme. Der Grund: Die Gehölze werden in Deutschland hauptsächlich als Zierpflanzen angebaut und dominieren die Vegetation - im Gegensatz zur Region am Schwarzen Meer - nicht.

Wieder ohne Schrittmacher leben

Das BfR rät aber davon ab, Rhododendron-Honige von der türkischen Schwarzmeerküste zu essen. Denn welche Dosis gefährlich ist und ob es auch unbedenkliche Mengen gibt, können Wissenschaftler nicht genau sagen, auch weil der Gehalt an Grayanotoxinen in Abhängigkeit von der Zusammensetzung der Honige stark schwankt.

Ein halbes Jahr, nachdem der Mann einen Herzschrittmacher bekommen hat, stellt er sich in der Poliklinik des Deutschen Herzzentrums München (DHM) vor. Seine Bitte: Er möchte den Schrittmacher wieder loswerden. Christof Kolb, Leiter der Elektrophysiologie am DHM, erfüllt ihm nach mehreren Tests den Wunsch. "Wir haben den Schrittmacher zunächst so eingestellt, dass er nur noch aktiv wird, wenn die Frequenz unter 30 Schläge pro Minute fällt", sagt Kolb, der gemeinsam mit seinen Kollegen in der Fachzeitschrift "Annals of Internal Medicine" über den besonderen Fall gemeinsam mit seinen Kollegen berichtete. "Dann haben wir den Schrittmacher probeweise ausgestellt." Als auch dabei keine Probleme auftraten, explantieren die Ärzte das Gerät wieder. Seither ist der Patient beschwerdefrei, ein Beweis, dass tatsächlich der Honig die Ursache war, ist nicht mehr möglich - das Honigglas ist leer.

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
marc123456 19.04.2014
1. Naja...
Er kehrt also schwach wie er ist mit seinem Wohnmobil nach Deutschland zurück. Er kommt selbst darauf, dass es der Honig sein könnte, aber das Glas ist plötzlich leer. Natürlich auch die anderen Gläser der "größeren Menge". Mit seinen 69 oder mittlerweile vielleicht sogar 70 Jahren unterzieht er sich einer völlig überflüssigen Herz-OP, um den von außen ausschaltbaren Schrittmacher wieder entfernen zu lassen? Die Geschichte scheint mir zusammengesponnen zu sein.
GoBenn 19.04.2014
2.
Spannender Fall. Nur die Schlusspointe wirft mehr Fragen als Antworten auf. Im Text ist von drei Ereignissen nach jeweiligen Verzehr des Honigs die Rede. Wer also hat das Glas leergegessen oder war das so klein oder die Portionen so groß?
slmn 19.04.2014
3.
das selbstständige nachforschen ist eben doch oft lebensrettend oder zumindest sehr sinnvoll. Ärzte wären da von alleine nie drauf gekommen. sie hätten sich einfach nicht damit befasst. sowas hab ich selbst oft erlebt. dass Leute nach langem hin und her den Ärzten sagen, was sie haben könnten und es dann zutrifft. die Ärzte haben es vorher nämlich nicht kapiert...
feuerwehrmann720 19.04.2014
4. Mal ein anderer Gedanke
Wäre das nicht ein herrlicher natürlicher Blutdrucksenker ?
tlhuerth 19.04.2014
5.
Zitat von feuerwehrmann720Wäre das nicht ein herrlicher natürlicher Blutdrucksenker ?
Das nicht grade, aber bei einer Tachykardie (Herzrasen) könnte so ein Honig helfen
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