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HPV-Impfung: Ärzte wollen Krankenkassen kritische Broschüren verbieten

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Impfung: Wie gut die Immunisierung gegen HPV vor Gebärmutterhalskrebs schützt, kann noch nicht abschließend beurteilt werden Zur Großansicht
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Impfung: Wie gut die Immunisierung gegen HPV vor Gebärmutterhalskrebs schützt, kann noch nicht abschließend beurteilt werden

Vorbeugung gegen Gebärmutterhalskrebs: Weil ihnen kritische Töne in einer Broschüre über die HPV-Impfung missfallen, gehen Berufsverbände der Ärzte gegen zwei Krankenkassen vor. Die beharren auf ihrem Aufklärungsauftrag.

Wie gut die Impfung gegen humane Papillomviren (HPV) tatsächlich vor Gebärmutterhalskrebs schützt, ist bis heute nicht geklärt. Jetzt wollen Mediziner den Krankenkassen verbieten, genau das in einer Broschüre zu schreiben.

Der Berufsverband der Frauenärzte und der Berufsverband der Kinder und Jugendärzte haben sich beim Bundesversicherungsamt über Informationsmaterial beschwert, das sowohl die Barmer GEK als auch die Techniker Krankenkasse (TK) auf ihren Internetseiten zum Download anbieten. Nach Ansicht der Ärzte verstoßen die Kassen damit gegen "ihren gesetzlichen Auftrag, die Gesundheit ihrer Versicherten zu erhalten." Barmer-GEK und TK würden "eine Ablehnung der Impfung nahelegen", weil sie einen "geldwerten Vorteil" suchten, heißt es in einer Presseerklärung der Verbände. Sie unterstellen den Versicherern sogar, Krebserkrankungen ungeimpfter Frauen bewusst in Kauf zu nehmen: Schließlich sei deren Behandlung "für die Kassen erheblich preiswerter als die flächendeckende HPV-Impfung."

Was dürfen, sollen oder müssen Aufklärungsbroschüren?

Was ist das für eine Broschüre, die die Ärzte derart erbost? "Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs/HPV-Impfung - Information und Entscheidungshilfe" heißt der Leitfaden, und wurde vom Nationalen Netzwerk Frauen und Gesundheit in Kooperation mit den Kassen entwickelt. Darin steht, ganz zu Beginn, dass die ständige Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut in Berlin die Impfung für junge Frauen empfiehlt und die Kassen die Kosten tragen.

Was den Ärzteverbänden nicht passt: Die Broschüre weist im Folgenden auch auf die nach wie vor unklare Datenlage zur HPV-Impfung hin. So schützt die Immunisierung relativ zuverlässig vor einer Ansteckung mit den Virus-Typen HPV-16 und -18, und diese sind bei etwa 70 Prozent der Gebärmutterhalskrebs-Erkrankungen nachzuweisen. Der Umkehrschluss, die Impfung schütze zu 70 Prozent vor Krebs, wurde aber bisher nicht belegt und wird sich vielleicht nie bewahrheiten. Der Schutz vor Gebärmutterhalskrebs kann "noch nicht abschließend beurteilt werden", heißt es daher in der Broschüre.

Konkreter wollen sich auch andere Experten inzwischen nicht mehr über die Wirksamkeit äußern. So heißt es auf den Seiten des Deutschen Krebsinformationsdienstes, die derzeit verfügbaren Impfstoffe würden "noch nicht lange genug eingesetzt, um den Einfluss auf die Krebsrate bereits sicher erkennen zu können." Fachleute hielten eine Senkung der Krebsrate allerdings "auf lange Sicht für sehr wahrscheinlich." Was unter Wissenschaftlern inzwischen bekannt ist, dürfte der ein oder anderen Patientin neu sein. Ist es da nicht richtig, sie aufzuklären?

"In Bezug auf die Impfung sind noch viele Fragen offen"

"Natürlich stimmt es, dass in Bezug auf die Impfung noch viele Fragen offen sind", sagt Wolfram Hartmann, als Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte hat er die Pressemitteilung mitverantwortet. "Die Diskussion gehört aber in Fachkreise. Patientinnen werden dadurch nur verunsichert." Von den Krankenkassen erwartet er, die Impfung ohne wenn und aber zu befürworten und sich an die Impfempfehlung der Stiko zu halten. Schließlich müssten das auch die Ärzte. "Wenn ich einer Patientin von der Impfung abrate und sie später erkrankt, kann sie mich verklagen", sagt Hartmann.

Sind die Krankenkassen aber wirklich verpflichtet, der Stiko blind zu folgen? "Das sind sie auf keinen Fall", sagt Tobias Schmidt, er ist Pressesprecher des Bundesversicherungsamtes, bei dem die Beschwerde der Ärzte einging. "Die Krankenkassen haben eine Aufklärungspflicht und dürfen auch kritisieren, nur muss das sachlich begründet sein."

In dem Leitfaden werde "pro und contra bewusst gegenübergestellt, um mündigen Patienten eine Entscheidungshilfe zu geben", sagt Barmer GEK-Sprecher Athanasios Drougias. "Der Vorwurf, wir wollten mit krebskranken Frauen Kosten sparen, ist schlichtweg zynisch." Auch bei der TK findet man, in der Broschüre sei "keinerlei Unseriosität zu erkennen."

Kinderärzte rudern zurück

Die Ärzte bemängeln unter anderem, dass zwei neue Studien darin nicht erwähnt werden. Eine hatte der Impfung eine gute Verträglichkeit bescheinigt. Einer anderen Untersuchung zufolge waren bei australischen Schulmädchen nach der Impfung weniger Zellveränderungen im Gebärmutterhals aufgetreten - die Vorstufen von Krebs sein können.

Ingrid Mühlhauser, Ärztin und Gesundheitswissenschaftlerin, hat als wissenschaftliche Beraterin an der Broschüre mitgearbeitet. Die neuen Studien widersprächen dem Inhalt nicht, sagt sie. "Zum einen schreiben wir ja gar nicht, dass die Impfung besonders unsicher sei. Wir weisen nur auf Risiken hin, die nun einmal bei keiner Impfung auszuschließen sind." Zum anderen mangele es der australischen Studie an Aussagekraft, wenn es um den Schutz vor Krebs gehe: "Belegt war der Rückgang der Zellveränderungen nur bei unter 18-jährigen Frauen", so Mühlhauser. "In dieser Altersgruppe bilden sich solche Zellveränderungen in der Regel aber wieder zurück, ohne zum Krebs zu werden."

Wolfram Hartmann distanziert sich nun teilweise vom Wortlaut der Presseerklärung. "Ich persönlich glaube nicht, dass die Krankenkassen Krebserkrankungen in Kauf nehmen würden, um Kosten zu sparen."

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1.
psychologiestudent 29.04.2014
Zitat von sysopDPAVorbeugung gegen Gebärmutterhalskrebs: Weil ihnen kritische Töne in einer Broschüre über die HPV-Impfung missfallen, gehen Berufsverbände der Ärzte gegen zwei Krankenkassen vor. Die beharren auf ihrem Aufklärungsauftrag. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/hpv-impfung-aerzte-wollen-krankenkassen-kritische-berichte-verbieten-a-966501.html
naja, ich kann beide Seiten verstehen. Einerseits die Krankenkassen, denn natürlich sollen die Leute informiert werden, was gut evaluiert ist und was nicht, und dann kann der theoretisch mündige Bürger entscheiden, was er mit seinem eigenen Körper tut. Andererseits aber auch die Ärzte, denn der theoretisch mündige Bürger ist oft auch leicht abzuschrecken, ohne sich länger mit einem Thema zu beschäftigen, zumal es sowieso einfacher ist, jemanden von einer Massnahme abzuhalten als ihn dazu zu bewegen, wenn er neutral eingestellt ist (Mehraufwand und Angst vorm Arztbesuch als solcher...). Ausserdem kommt natürlich noch der finanzielle Aspekt dazu: Dass Krankenkassen Interesse daran haben, dass Patienten möglichst wenig Leistungen in Anspruch nehmen, während Ärztevertreter (jetzt nicht der einzelne Arzt, bitte differenzieren) eher daran interessiert sind, dass möglichst viele Leistungen genutzt werden. schwieriges Thema... Und warum ist das nicht besser untersucht? Ich höre seit Jahren: die Studienlage ist unklar...
2. Und was ist jetzt das Richtige?
PinKLady73 29.04.2014
Leider verunsichert auch der SPON-Artikeln wieder die Mütter und Väter, die zusammen mit Ihren Kindern (minderjährigen Mädchen) diese Entscheidung treffen müssen. Etwas mehr medizinische Verweise wären vielleicht angebracht...
3.
les2005 29.04.2014
Zitat von psychologiestudentnaja, ich kann beide Seiten verstehen. Einerseits die Krankenkassen, denn natürlich sollen die Leute informiert werden, was gut evaluiert ist und was nicht, und dann kann der theoretisch mündige Bürger entscheiden, was er mit seinem eigenen Körper tut. Andererseits aber auch die Ärzte, denn der theoretisch mündige Bürger ist oft auch leicht abzuschrecken, ohne sich länger mit einem Thema zu beschäftigen, zumal es sowieso einfacher ist, jemanden von einer Massnahme abzuhalten als ihn dazu zu bewegen, wenn er neutral eingestellt ist (Mehraufwand und Angst vorm Arztbesuch als solcher...). Ausserdem kommt natürlich noch der finanzielle Aspekt dazu: Dass Krankenkassen Interesse daran haben, dass Patienten möglichst wenig Leistungen in Anspruch nehmen, während Ärztevertreter (jetzt nicht der einzelne Arzt, bitte differenzieren) eher daran interessiert sind, dass möglichst viele Leistungen genutzt werden. schwieriges Thema... Und warum ist das nicht besser untersucht? Ich höre seit Jahren: die Studienlage ist unklar...
Einfache Antwort: Weil man erst in etlichen Jahren statistisch ablesen können wird, ob die Imfung eine Senkung der Krebsrate erbracht hat. Wer sich ein bißchen mit der Thematik beschäftigt hat, weiß ja, daß die Impfung ja Krebs eben NICHT verhindert, sondern eine von mehreren möglichen Vorstufen bekämpft. Nachdem es also keinen direkten ursächlichen Zusammenhang gibt, bleibt nur die Statistik. Und für die brauche ich viele Fälle und viele Jahre. Ich persönlich finde, daß gerade angesichts der in der Bevölkerung weit verbreiteten Impfskepsis die Krankenkassen gut beraten sind, die HPV-Impfung möglichst neutral zu kommentieren. Wenn diese trotz der dürftigen Wissenslage vorbehaltlos befürwortet würde, wäre das nur Wasser auf die Mühlen derer, die an allen, auch den unstrittig wirksamen Impfungen rummäkeln.
4.
Olaf 29.04.2014
Zitat von PinKLady73Leider verunsichert auch der SPON-Artikeln wieder die Mütter und Väter, die zusammen mit Ihren Kindern (minderjährigen Mädchen) diese Entscheidung treffen müssen. Etwas mehr medizinische Verweise wären vielleicht angebracht...
Bei einer Impfung gegen Krebs braucht es eben viele Jahrzehnte, bis man sichere Aussagen über ihre Erfolgsrate treffen kann. Darum geht es letztlich bei den Unsicherheiten. Sicher ist, dass die Impfung gegen bestimmte Viren hilft (70%), von denen man weiß, dass sie für Gebärmutterkrebs mit verantwortlich sind. Daraus kann man aber nicht den Umkehrschluss ziehen, dass 70% der geimpften Frauen keinen Gebärmutterkrebs mehr bekommen werden. Das sind die Unsicherheiten, man hat noch keine ausreichende Datenlage, um die Wirksamkeit der Impfung belegen zu können. Dafür muss man über Jahrzehnte die Entwicklung bei geimpften und bei ungeimpften Frauen verfolgen.
5. Kritische Stimmen sind angebracht
Kessl 29.04.2014
Nur weil es dafür einen Nobelpreis gab bedeutet das nicht, dass zur Hausen mit seiner Arbeit Recht hat. Ich glaube noch immer nicht an einen Zusammenhang zwischen HPV und Krebs, alleine deshalb nicht weil es bis Heute keine Studie gab wie häufig HPV eigentlich in der gesunden Bevölkerung vorkommt. Sollten die 70% nämlich schlicht dem Durchschnitt durch die gesamte Bevölkerung entsprechen und wären der Normalfall, dann wäre der Rückschluss auf Krebs vermutlich falsch. Andererseits beißt ein Hund nie die Hand die ihn füttert.
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Zur Autorin
  • Irene Habich
    Irene Habich studierte Tiermedizin und Journalistik. Sie arbeitet als freie Wissenschaftjournalistin in Berlin und Hamburg.

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IMPFEN: DIE EMPFEHLUNGEN IM ÜBERBLICK
Impfen
Die Grundimmunisierung gegen Infektionskrankheiten beginnt bei Säuglingen bereits im zweiten Lebensmonat. Lebenslang sollten Eltern und Kinderarzt, später dann Patient und Hausarzt, darauf achten, dass der Impfschutz ausreicht. Impfungen schützen vor allem die Menschen, deren Immunsystem am wenigsten mit Infektionskrankheiten umgehen kann: Kleinkinder, Immungeschwächte und alte Menschen.
Mumps
Wer in Gesundheitsberufen, in Gemeinschaftseinrichtungen oder in Ausbildungseinrichtungen für junge Erwachsene arbeitet, nach 1970 geboren ist und nicht weiß, ob er gegen Mumps geimpft wurde oder nur einmal in der Kindheit geimpft worden ist, der sollte noch einmal geimpft werden. Außerdem jeder, der mit einem Mumpskranken Kontakt hatte und nicht oder nur einmal in der Kindheit geimpft wurde. Dann sollte es schnell gehen: Drei Tage nach dem Kontakt wäre eine Impfung wünschenswert.
Hirnhautentzündung
Zum Schutz vor einer sogenannten Meningitis wird gegen Meningokokken C-Bakterien geimpft. Dafür gibt es im zweiten Lebensjahr einmal eine Impfdosis. Fehlt diese, sollte sie bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden.

Die Stiko empfiehlt außerdem, einen sogenannten viervalenten Impfstoff gegen bestimmte Meningokokken-Stämme (Typen A, C, W-135 und Y) bei Risikopatienten und Reisenden in Länder mit besonders hohem Infektionsrisiko anzuwenden. Der Impfstoff wird jetzt auch für Kinder ab einem Jahr empfohlen.
Windpocken
Auslöser der Windpocken sind Varizellen. Gegen sie gibt es zwischen dem elften und 14. Lebensmonat eine Impfung, entweder gemeinsam mit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung oder frühestens vier Wochen danach.

Die Stiko empfiehlt, die gleichzeitige Impfung gegen Varizellen und Masern, Mumps und Röteln mit zwei verschiedenen Impfstoffen an verschiedenen Körperteilen vorzunehmen. Verwendet man einen Impfstoff, der alle vier Komponenten auf einmal enthält, steigt nämlich das Risiko für Fieberkrämpfe fünf bis zwölf Tage nach der Gabe leicht an.

Die Vorsichtsmaßnahme gilt aber nur für die erste Impfung, bei der zweiten im Alter von 15 bis 23 Monaten kann der Vierfachwirkstoff verwendet werden.

Sind Kinder oder Jugendliche nur einmal geimpft worden, sollten sie noch einmal geimpft werden.
FSME
Für die Menschen, die wegen beruflicher Risiken gegen Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) geimpft werden sollten, ist 2012 ein neues Risikogebiet hinzugekommen, der Saar-Pfalz-Kreis im Saarland.
Nachholimpfungen
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Wer nach 1970 geboren wurde und in der Kindheit nur einmal gegen Masern geimpft worden ist oder nicht mehr weiß, ob er geimpft wurde, der sollte noch einmal geimpft werden - am besten gegen Masern, Mumps und Röteln gleichzeitig.
Impfkalender
Den Stiko-Impfkalender gibt es jetzt in 15 Sprachen, die Dokumente sind beim Robert Koch-Institut abrufbar.

Quelle: Robert Koch-Institut (RKI) und Ständige Impfkommission beim RKI, Stand: 30. Juli 2012.


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