Gebärmutterhalskrebs EU-Behörde fordert mehr HPV-Impfungen

In Europa sind zu wenige Mädchen gegen eine Infektion mit humanen Papillomaviren geimpft, bemängelt die europäische Gesundheitsbehörde ECDC, und fordert verstärkt Kampagnen. Auch in Deutschland ist die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs nicht ausreichend beliebt.

Ein kleiner Pieks: Die Stiko am Robert Koch-Institut empfiehlt, Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren impfen zu lassen
AP

Ein kleiner Pieks: Die Stiko am Robert Koch-Institut empfiehlt, Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren impfen zu lassen


Alle Mädchen in Europa sollten gegen Humane Papillomaviren (HPV) geimpft werden, fordert das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Neben dem Risiko für eher harmlose Warzen können die sexuell übertragbaren Viren die Gefahr erhöhen, an Gebärmutterhalskrebs und anderen Krebsarten des Afters und der Geschlechtsorgane zu erkranken.

Die momentanen Impfraten seien viel zu niedrig, bemängelt die Behörde in einer aktuellen Stellungnahme. In manchen EU-Ländern seien nur 17 Prozent der 14-jährigen Mädchen durch eine Impfung geschützt. Vorbildlich hingegen seien Portugal und Großbritannien, beide erreichten im Jahr 2010 in der Zielgruppe eine Impfquote von mehr als 80 Prozent.

In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut (RKI) seit 2007 die HPV-Impfung für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren, die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten. Dennoch nutzen auch hierzulande nur relativ wenige Teenager das Angebot: Das RKI schätzt, dass je nach Alter zwischen 30 und 45 Prozent der jungen Frauen einen Impfschutz erhalten.

"Das sind zu wenige", sagt Yvonne Deleré von der Abteilung für Infektionsepidemiologie des Robert Koch-Instituts. "Es kommt darauf an, was man will: Für den individuellen Schutz reicht es aus, wenn die einzelne junge Frau geimpft ist. Wenn man aber die Anzahl an Fällen von Gebärmutterhalskrebs und seinen Vorstufen in der Bevölkerung senken möchte, wäre eine Impfquote von wahrscheinlich 80 Prozent notwendig."

Mögliche Ursache: Streit über die Effektivität des Impfstoffes

Die geringe Akzeptanz der Impfung beruht wahrscheinlich auf mehreren Ursachen. Zum einen seien die Jugendlichen per se schwer erreichbar, da sie in der Regel nur selten zum Arzt gingen, sagt Deleré. Eine andere mögliche Ursache sind Diskussionen um die Impfstoffe: Kritiker bemängelten lange, dass unklar sei, ob die Impfung auch vor dem eigentlichen Tumor schütze. Da die Wirksamkeit der HPV-Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs nur teilweise belegt sei, würden die geimpften jungen Frauen in trügerischer Sicherheit gewogen.

Die ECDC hingegen wirbt für die Impfung. Die Beobachtungen der letzten Jahre und randomisierte Studien hätten gezeigt, dass die Impfstoffe sicher, wirksam und kosteneffektiv seien, heißt es in einer Mitteilung. Auch Deleré ist von der Impfung überzeugt: "Der Nutzen der Impfung ist unumstritten", sagt sie. "Aktuelle Studien zeigen sogar, dass er größer ist, als bisher gedacht und die Impfung auch vor anderen Tumoren des Genitalbereichs, etwa der Vagina, schützen kann."

Angesichts dessen sollten sich die Behörden verstärkt darum bemühen, mehr Mädchen zu einer Impfung zu bewegen, fordert das ECDC. "Wir, die Gesundheitsbehörden, die Mediziner und die Eltern, tragen die gemeinsame Verantwortung, tausende Frauen vor Gebärmutterhalskrebs zu schützen", sagt ihr Direktor Marc Sprenger.

480 Euro für die drei Spritzen

Als weitere mögliche Ursachen für die niedrigen Impfraten nennt die EU-Behörde den Aufwand, die Impfung besteht aus drei Einzelspritzen, die in der Regel innerhalb von sechs Monaten verabreicht werden müssen, und die hohen Kosten der Impfung. In Europa sind nur zwei HPV-Impfstoffe lizenziert: Das Präparat Cervarix des britischen Pharmaunternehmens GlaxoSmithKline (GSK) und das Mittel Gardasil des US-Rivalen Merck & Co.

Eine Dosis der Impfstoffe kostet laut Krebsinformationsdienst rund 160 Euro. Für den kompletten Impfschutz (alle drei Spritzen) müssen Patienten somit 480 Euro bezahlen, hinzu kommen Kosten für die ärztliche Beratung und das Spritzen an sich. Abgesehen von den 12- bis 17-jährigen Mädchen, für die die Impfung empfohlen ist, müssen die Patienten die Rechnung in der Regel selbst begleichen. Ab dem ersten Geschlechtsverkehr sinkt der Nutzen der Impfung enorm.

Vor kurzem hatte eine Studie gezeigt, dass eine HPV-Impfung auch Jungen davor schützen kann, verschiedene Krebstypen zu entwickeln. Dennoch schließt die ECDC sie noch nicht in ihre Empfehlungen mit ein. "Der persönliche Nutzen der Impfung ist für Männer im Bezug auf die Krebsprävention nur sehr gering", heißt es in einer Stellungnahme. "Die Jungen in die aktuellen HPV-Impfprogramme aufzunehmen wäre wahrscheinlich nicht kosteneffizient."

Impfkalender von zwei bis 17 Jahren

Impfung 2-4 Jahre 5-6 Jahre 9-11 Jahre 12-17 Jahre
Tetanus nachholen auffrischen (auffrischen) (auffrischen)
Diphtherie nachholen auffrischen (auffrischen) (auffrischen)
Keuchhusten (Pertussis) nachholen auffrischen (auffrischen) (auffrischen)
Haemophilus influenzae Typ b nachholen
Kinderlähmung (Poliomyelitis) nachholen nachholen (auffrischen) (auffrischen)
Hepatitis B nachholen nachholen nachholen
Meningokokken C nachholen nachholen nachholen nachholen
Masern nachholen nachholen nachholen nachholen
Mumps, Röteln nachholen nachholen nachholen nachholen
Windpocken (Varizellen) nachholen nachholen nachholen nachholen
Humanes Papillomvirus Mädchen/Frauen

Quelle: Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 34/2013, 26. August 2013. (x): Impfung im dritten Monat nur bei bestimmten Impfstoffen. Nachholimpfung: Grundimmunisierung aller noch nicht Geimpften bzw. Komplettierung einer unvollständigen Impfserie. (Auffrischen): nur einmal in zwei Altersspannen notwendig.

irb/Reuters

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
SieLebenWirSchlafen 06.09.2012
1. Impfen
Zitat von sysopAPIn Europa sind zu wenige Mädchen gegen eine Infektion mit humanen Papillomaviren geimpft, bemängelt die europäische Gesundheitsbehörde ECDC, und fordert verstärkt Kampagnen. Auch in Deutschland ist die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs nicht ausreichend beliebt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,854018,00.html
Wie wär`s mit Zwangsimpfung? Spätestens wenn wieder eine Pandemie im Anmarsch ist, wird sicher wieder darüber nachgedacht. Warum hat die Bundesregierung bei der Schweinegrippe noch gleich ein anderes Mittel bekommen als die Bevölkerung? Weil das Mittel keine Zusatzstoffe wie u.a. Quecksilber enthielt!
Bowie 06.09.2012
2. Weil@SieLebenWirSchlafen...
...nur mit den Wirkverstärkern ausreichende Mengen des Impfstoffes für die Bevölkerung schnell zur Verfügung gestellt werden konnten. Noch einmal: nicht bewiesene und unterstellte Verschwörungsszenarien sind leider zwar in, disqualifizieren sich aber regelmäßig gründlich, sind nicht ernst zu nehmen und haben vor allen Dingen mit dem aktuellen Thema - der HPV-Impfung - nicht direkt etwas zu tun...
Bowie 06.09.2012
3. Es spricht viel für eine Impfung.
Folgt man seriösen Quellen, so besteht an der Gefährlichkeit der sexuell übertragenen Hochrisikostämme von HPV bezüglich der Auslösung von Tumoren kein Zweifel. Diese Viren sind in der Lage, nicht nur die Zellen des Gebärmuterhalses bösartig zu verändern, sondern sind darüberhinaus auch verantwortlich für einen Großteil der Tumore im HNO-Bereich. (der mich, ganz nebenbei, selber vor einigen Jahren erwischt hat - das wünsche ich niemandem...!).Professor zur Hausen hat für diese Entdeckung 2008 den Nobelpreis erhalten.* Durch die Impfung besteht eine sehr gute Chance, diese Risiken zu minimieren, allerdings nur dann, wenn sie bei jungen Menschen möglichst flächendeckend und frühzeitig genug gegeben wird, deswegen wird in den USA momentan auch diskutiert, ob nicht auch junge Männer geimpft werden sollten. Sorgfältige, seriöse Info hilft hier weiter, eine individuelle Entscheidung zu treffen.
Jurx 06.09.2012
4. Gewinnmaximierung innerhalb der Patentlaufzeit
Na, da geht es doch mal wieder um die Gewinnmaximierung innerhalb der Patentlaufzeit: Noch mehr Impfungen für 480 Euro das Stück. Bei bisher unbewiesenem Nutzen, weil die tatsächliche Senkung des Krebsrisikos nicht nachgewiesen wurde, sondern nur die Senkung bestimmter "Vorstufen", aus denen sich ein Krebs entwickeln könnte. Wetten, dass der Patentinhaber nach Ablauf der Patente, wenn billige Nachahmer-Präparate auf den Markt kommen könnten, genau diese Wirkstoffe, wie sie heute als Impfung teuer verkauft werden, als völlig nutzlos darstellen wird und er gleichzeitig einen "neuen und verbesserten" Impfstoff aus der Tasche zaubern wird, unter einem neuen Patent, der dann in etlichen Jahren "aber wirklich" das leisten soll, was heute schon versprochen wird? Gerade bei den extrem teuren Präparaten bewegt sich die Pharmaindustrie heute vielfach in einem Bereich, in dem mehr das "Prinzip Hoffnung" zu zählen scheint als tatsächliche und evidenzbasierte Beweise für den Nutzen. Zum Schaden der Versicherten, die für das ganze Zeugs finanziell aufkommen müssen.
Cthulhu1979 06.09.2012
5.
Zitat von JurxNa, da geht es doch mal wieder um die Gewinnmaximierung innerhalb der Patentlaufzeit: Noch mehr Impfungen für 480 Euro das Stück. Bei bisher unbewiesenem Nutzen, weil die tatsächliche Senkung des Krebsrisikos nicht nachgewiesen wurde, sondern nur die Senkung bestimmter "Vorstufen", aus denen sich ein Krebs entwickeln könnte. Wetten, dass der Patentinhaber nach Ablauf der Patente, wenn billige Nachahmer-Präparate auf den Markt kommen könnten, genau diese Wirkstoffe, wie sie heute als Impfung teuer verkauft werden, als völlig nutzlos darstellen wird und er gleichzeitig einen "neuen und verbesserten" Impfstoff aus der Tasche zaubern wird, unter einem neuen Patent, der dann in etlichen Jahren "aber wirklich" das leisten soll, was heute schon versprochen wird? Gerade bei den extrem teuren Präparaten bewegt sich die Pharmaindustrie heute vielfach in einem Bereich, in dem mehr das "Prinzip Hoffnung" zu zählen scheint als tatsächliche und evidenzbasierte Beweise für den Nutzen. Zum Schaden der Versicherten, die für das ganze Zeugs finanziell aufkommen müssen.
Krebs ist nunmal das komplexeste Krankheitsbild der Welt, da muss man halt die Beweislage immer gegen die Ethik abwägen. Wenn ein Wirkstoff die 5-Jahre-Überlebensrate verbessert, dann wird dieser erstmal zugelassen, ohne Nachweise, dass die tatsächliche Überlebensrate/dauer verbessert wird, weil es unethisch wäre, mehrere Jahrzehnte auf die Daten zu warten und Patienten währenddessen sterben zu lassen. Hat immer wieder Medikamente gegeben, die sich später als unwirksam erwiesen haben, aber in der Mehrheit hat sich diese Praxis bewährt. Das gleiche gilt auch hier, nur weil die Entwicklung der Vorstufen zum Tumor nicht komplett verstanden ist, sollte man nicht aufhören, diese Vorstufen zu bekämpfen. Bestes Beispiel ist bei Brustkrebs die Vorstufe DCIS, mittlerweile werden bei Screenings fast 40% DCIS diagnostiziert und dann operativ entfernt, obwohl nie direkt nachgewiesen wurde, dass dies die Krebsrate senken würde. Sie ist gesunken, was der Methode recht gibt, aber bis heute weiß man nicht, wieviel Prozent DCIS sich zu Krebs weiterentwickeln würden. Und das Gewinnmaximierungsargument ist in diesem Fall wirklich lächerlich. Die richtigen Gewinne machen Pharmaunternehmen z.B. mit Chemotherapiemedikamenten mit z.T. 10.000€+ pro Dosis und weit mehr Dosen pro Patient als die drei Impfungen. Wenn Profit das einzige Ziel wäre, dann wäre ein Krebsimpfstoff niemals entwickelt worden, denn er gräbt den Pharmaunternehmen bei einer ihrer Haupteinnahmequellen das Wasser ab.
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