Ein Jahr nach Hurrikan "Matthew" "Wir waren nicht vorbereitet"

Vor einem Jahr verwüstete Hurrikan "Matthew" Haiti. Hunderte Menschen starben, Häuser wurden zerstört und das ohnehin angeschlagene Gesundheitssystem brach zusammen. Pflegekräfte erzählen im Video vom Tag des Sturms.

Eingestürzte Häuser auf Haiti (Oktober 2016)
REUTERS

Eingestürzte Häuser auf Haiti (Oktober 2016)


Umgeknickte Strommasten in Puerto Rico, schwere Überschwemmungen in Houston, zertrümmerte Häuser auf der Karibikinsel Saint Martin: Die Bilder der Zerstörung durch die Tropenstürme "Harvey", "Irma" und "Maria" sind noch ganz nah. In den vergangenen Wochen drängten sie auf die Nachrichtenseiten und Fernsehbildschirme. Die aktuellen Bilder lassen leicht in Vergessenheit geraten, welch verheerende Schäden Hurrikane schon in den vergangenen Jahren anrichteten.

Auf Haiti jedoch erinnern sich die Menschen noch gut an den Tag im Oktober 2016. Damals fegte Hurrikan "Matthew" über den Inselstaat hinweg. Der Südwesten des Landes wurde besonders stark verwüstet. Mehr als zwei Millionen Menschen waren direkt betroffen, rund Dreiviertel von ihnen benötigten nach dem Sturm humanitäre Hilfe, Zehntausende Gebäude erlitten Schäden oder wurden zerstört. Hunderte Menschen starben.

Nachdem er auf Haiti schlimme Verwüstungen angerichtet hatte, zog Hurrikan "Matthew" weiter Richtung Kuba und Florida.
NASA Earth Observatory

Nachdem er auf Haiti schlimme Verwüstungen angerichtet hatte, zog Hurrikan "Matthew" weiter Richtung Kuba und Florida.

Besonders hart traf es Jérémie, die Hauptstadt des südwestlichen Départements Grand'Anse: Rund 80 Prozent der Häuser in Jérémie wurden im Sturm stark beschädigt - darunter das einzige Krankenhaus der Provinz, die Klinik Saint Antoine. Das obere Stockwerk des Hauptgebäudes wurde regelrecht weggeblasen. Es folgten in rascher Reihenfolge Stromausfall, Fensterschäden, Überschwemmung.

Krankenschwester Marie-Ermite Pierre leitet die Notaufnahme von Saint Antoine. Als der Sturm kam, hatte sie Dienst. "Wir waren nicht wirklich darauf vorbereitet", sagt sie. Zwar hatte es kurz vor dem Hurrikan ein Notfalltraining gegeben, doch als der Ernstfall eintrat, fehlte es im Krankenhaus an Verbandsmaterial und Medikamenten.

Marie-Ermite Pierre im Video: "Es kamen mehr als 4000 Verletzte."

DER SPIEGEL

Krankenhausdirektorin Marie Concepcia Pamphile beschreibt die Lage am 4. Oktober 2016 so: "Um 17:00 Uhr rief man mich aus der Hauptstadt an. 'Achtung, der Hurrikan wird in wenigen Stunden bei euch sein' hieß es. Wir hatten kaum Zeit uns vorzubereiten."

Hurrikane sind in der Karibik ein alljährliches Phänomen. Obwohl seit einigen Tagen bekannt war, dass ein Hurrikan auf Haiti zukam, waren die Informationen über die Stärke von "Matthew" und dessen vermutlichen Verlauf nicht ausreichend verbreitet worden.

"Die meisten Leute ließen sich nicht überzeugen, dass die Lage wirklich ernst war. Selbst wer direkt am Meer lebte, wollte sein Zuhause nicht verlassen", sagt Klinikleiterin Pamphile. Mit einer Windstärke von bis zu 240 Kilometern pro Stunde tobte Hurrikan "Matthew" über Land.

Lückenhafte medizinische Versorgung - auch unter Normalbedingungen

Stürme wie "Irma", "Harvey" oder eben "Matthew" zeigen: Reiche und arme Regionen stehen gleichermaßen ziemlich hilflos vor der Verwüstung. Besonders die medizinische Infrastruktur wird überall hart getroffen: Krankenhäuser ohne Strom, Pflegeheime überflutet, Verletzte ohne Notarzt.

Krankenhaus Saint Antoine
DER SPIEGEL

Krankenhaus Saint Antoine

In Haiti, einem, der ärmsten Länder der westlichen Hemisphäre, weist die medizinische Versorgung auch unter normalen Bedingungen große Lücken auf. Krankenhäuser sind für die ländliche Bevölkerung, rund 40 Prozent der Gesamtbevölkerung, aufgrund der unwegsamen Straßen schwer erreichbar. Bei Regen und Sturm ist der Weg dorthin teils ganz abgeschnitten. Stadtbewohner hingegen können sich oft die Kosten einer medizinischen Behandlung nicht leisten.

Josette Laurent leitet die Pflegeabteilung in Saint Antoine. Sie beschreibt den ständigen Personalmangel: "In der Notaufnahme arbeiten nur vier vollzeitbeschäftigte Krankenschwestern - und bei Nachtschicht nur zwei. Das reicht nicht". Ärzte gibt es dort auch nicht viele: Lediglich zwei Ärzte kümmern sich um Patienten in der Notaufnahme.

Monatelang gab es im Krankenhaus keinen Orthopäden. Gleich nach Hurrikan "Matthew" konnten keine Operationen stattfinden: Chirurgenmangel. Schwerverletzte mussten per Hubschrauber nach Port-au-Prince transportiert werden, da die Fernstraßen nicht passierbar waren.

Josette Laurent im Video: "Wir mussten all unsere Kräfte zusammentun."

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Spätestens seit dem verheerenden Erdbeben 2010 sind Hunderte von internationalen Nichtregierungsorganisationen in Haiti tätig. Medizinische Hilfe, besonders im Bereich Notfallmedizin, spielen bei vielen der Organisationen eine zentrale Rolle. Darunter sind auch solche, die ihren Sitz in Deutschland haben oder aus Deutschland wichtige Spenden erhalten, wie etwa das Deutsche Rote Kreuz, der Arbeiter-Samariter-Bund sowie die Hilfsorganisationen Cap Anamur, Ärzte ohne Grenzen, Worldvision und Humedica.

Nichtregierungsorganisationen stellen rund 40 Prozent des Budgets des haitianischen Gesundheitsministeriums. Ihre Zusammenarbeit mit dem Ministerium prägt das medizinische System auf allen Ebenen und wird oft kritisiert. Der Regierung von Haiti und manchen Hilfsorganisationen wird mangelnde Transparenz vorgeworfen.

Krankenschwester Marie-Ermite Pierre wünscht sich für die Zukunft, dass Haitis Krankenhäuser langfristig besser auf Katastrophen wie Sturm "Matthew" vorbereitet werden: "Wir brauchen mehr Personal in der Notaufnahme, medizinische Weiterbildungskurse für Mitarbeiter und ausreichendes Pflegematerial in der Notaufnahme."

Direktorin Pamphile meint: "Die Erfahrung mit Hurrikan 'Matthew' wird uns in der Zukunft helfen." Doch das medizinische Versorgungssystem in Haiti ist trotz des Engagements der internationalen Organisationen nach wie vor anfällig. Wenn große Stürme wie Hurrikan "Matthew" wüten, werden grundlegende strukturelle Probleme verschärft.

Und große Stürme wird es weiterhin geben, so viel ist sicher.

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