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Starkes Schwitzen: "Da hilft kein Salbeitee und kein autogenes Training"

Ein Interview von

Anti-Schweiß-Strategie: Der Experte rät, aluminiumhaltige Deos nicht auf frisch rasierte Haut aufzutragen Zur Großansicht
Corbis

Anti-Schweiß-Strategie: Der Experte rät, aluminiumhaltige Deos nicht auf frisch rasierte Haut aufzutragen

Manche Menschen schwitzen mehr als andere, weil ihre Schweißdrüsen überaktiv sind. Was hilft den Betroffenen an heißen Sommertagen - und was bringt nichts? Ein Dermatologe gibt Auskunft.

Zur Person
  • Christian Raulin
    Christian Raulin ist Facharzt für Dermatologie, Allergologie und Venenheilkunde in Karlsruhe. Er ist Experte für die Laserbehandlung in der Dermatologie, kosmetisch-ästhetischen Medizin und bei Hyperhidrose (übermäßiges Schwitzen).
SPIEGEL ONLINE: Herr Raulin, was ist gesünder? Zu viel oder zu wenig zu schwitzen?

Raulin: Weder noch. Es kann nur subjektiv als störend empfunden werden. Es gibt sehr wenige Menschen, die zu wenig schwitzen, man nennt das Ross-Syndrom. Dabei schwitzen einige Teile des Körpers zu wenig, dafür andere übermäßig. Viel öfter ist aber das Gegenteil - übermäßiges Schwitzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie häufig kommt das vor?

Raulin: Etwa zehn Prozent der Bevölkerung schwitzen übermäßig stark.

SPIEGEL ONLINE: Bei Männern wie Frauen gleichermaßen?

Raulin: Bis zur Menopause ja, danach nimmt der Anteil der Frauen wegen der Wechseljahre zu.

SPIEGEL ONLINE: Also ist die Schwitzstärke genetisch bedingt?

Raulin: Ja. Insbesondere das Schwitzen an Händen und Füßen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Vielschwitzer mehr Schweißporen?

Raulin: Nein, aber deren Aktivität ist erhöht. Das Schwitzen wird vom vegetativen Nervensystem gesteuert. Der steuernde Transmitterstoff an den Schweißporen ist Acetylcholin.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man gegen übermäßiges Schwitzen tun?

Raulin: Anticholinergika können die Aktivität der Schweißporen blockieren. Aber da Acetylcholin noch an anderen Stellen im vegetativen Nervensystem vermittelt, haben diese Präparate eine Reihe von Nebenwirkungen.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Raulin: Trockener Mund, Magenbeschwerden, kratzender Hals, Herzrasen. Die meisten schreckt schon der Beipackzettel. Man muss die Tabletten dreimal am Tag und regelmäßig nehmen. Das wird von vielen Patienten nur ungern akzeptiert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch andere Möglichkeiten?

Raulin: Das einfachste ist, ein Antiperspirant mit Aluminiumchlorid aufzutragen. Diese helfen in über 98 Prozent selbst bei stärkstem Achselschweiß, aber auch bei feuchten Händen und Füßen oder bei störendem Schwitzen im Gesicht oder am Nacken.

SPIEGEL ONLINE: Die sind ja gerade sehr in der Diskussion. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt, Deos ohne Aluminiumverbindungen zu benutzen.

Raulin: Da gibt es meiner Meinung nach derzeit eine völlig unberechtigte Hysterie. Es gibt absolut keine Belege dafür, dass aluminiumsalzhaltige Deos Alzheimer oder Brustkrebs auslösen. Man sollte allerdings darauf achten, nur Antiperspirantien zu nehmen, deren Aluminiumgehalt unter 15 Prozent liegt und man sollte sie maximal alle ein bis zwei Tage anwenden und nicht auf frisch rasierte Haut auftragen. Dann sind Gesundheitsgefahren sicher auszuschließen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man noch gegen Schwitzen tun?

Raulin: Bei krankhaft vor Schweiß triefenden Händen und Füßen kann man Leitungswasser-Iontophorese machen, also Wasserbäder von Händen und Füßen mit Gleichstrom. Bei starkem Achselschwitzen kann man noch Botox spritzen oder Schweißdrüsen absaugen. Die Schweißdrüsenlaserung ist noch in der Entwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert Schweißdrüsenabsaugen?

Raulin: Das ist eine richtige Operation mit lokaler Betäubung und ähnlich wie Fettabsaugen. In vielen Fällen aber erwischt man damit nicht alle Drüsen und kann das Problem nur reduzieren.

SPIEGEL ONLINE: Zahlen die gesetzlichen Krankenkassen diese Behandlungen?

Raulin: Nein, in der Regel muss man das selbst zahlen. Aber man kann natürlich bei seiner Kasse nachfragen, ob sie es im Einzelfall übernimmt. Das entscheidet im Zweifel der Medizinische Dienst der Krankenkassen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch softere Varianten gegen Schwitzen wie Puder oder Franzbranntwein?

Raulin: Alles Quatsch. Auch Salbei-Tee und autogenes Training helfen nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ich habe mal gehört, im Sommer soll man warm duschen, dann schwitzt man weniger.

Raulin: Auch das ist Quatsch.

SPIEGEL ONLINE: Hilft Rasieren gegen Schwitzen?

Raulin: Nein. Es kann allenfalls die Geruchsbildung reduzieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es zum Schweißgeruch?

Raulin: Der Schweißgeruch entsteht zum einen durch bakterielle Abbauprozesse in der Schweißflüssigkeit. Zudem gibt es zwei Schweißdrüsentypen: Die ekkrinen, aus denen nichtriechender Schweiß herauskommt, sie findet man am ganzen Körper. Und es gibt die apokrinen Drüsen, die Duftdrüsen, die vorwiegend im Achselhöhlen- und Intimbereich liegen. Bei Vielschwitzern sind die ekkrinen Typen vorwiegend aktiv, der Schweiß ist bei ihnen daher eher geruchlos.

SPIEGEL ONLINE: Kann man durch die Ernährung den Schweißgeruch beeinflussen?

Raulin: Nein. Sie können höchstens durch scharfe Speisen die Schweißproduktion ankurbeln.

SPIEGEL ONLINE: Enthält Schweiß Krankheitserreger?

Raulin: An Händen und Füßen kann vermehrte Schweißbildung Krankheiten fördern. Hier führt Schweiß verstärkt zu Fußpilz, Warzenbildung und Bakterienwachstum. Fußschweiß kann auch zum Keratoma sulcatum beitragen, wo der Schweiß die Fußsohlen auffrisst.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich über Schweiß Infektionskrankheiten holen?

Raulin: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Beeinflusst Übergewicht das Schwitzverhalten?

Raulin: Ja, dicke Menschen schwitzen mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wegen des Isolierungseffektes?

Raulin: Möglich. Das ist noch ungeklärt. Wahrscheinlich sind es mehrere Faktoren. Übergewicht beeinflusst insbesondere auch den Hormonhaushalt.

SPIEGEL ONLINE: Verändert sich das Schwitzverhalten mit dem Alter?

Raulin: Es nimmt ab, weil die Schweißdrüsen im Laufe des Lebens ihre Funktion reduzieren. Ältere Leute müssen daher im Sommer mehr Acht geben hinsichtlich Überhitzung.

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insgesamt 28 Beiträge
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1.
Windlerche 26.06.2014
Autogenes Training hilft vielleicht nicht, dafür aber Hypnose!
2.
agua 26.06.2014
Kein Quatsch mit dem Salbei. Vor vielen Jahren bei einem Griechenlandaufenthalt auf einer kleinen Insel machte ich die Erfahrung, dass Salbeitee hilft. Dort wuchs er wild und die Einwohner brühten den Tee auf. So machte ich es mir auch in Portugal, wenn das Thermometer die 30 Grad überschreitet, zur Angewohnheit Salbeitee zu trinken. Ich arbeite im Freien und überstehe den Tag so Bestens.
3. Hypnose
Pascalsg 26.06.2014
Ich denke, wenn man einmal schwitzt, sodass Schweissflecken entstehen, ist das für viele so unangenehm, dass sie sich innerlich aufregen, und so nur noch mehr schwitzen. In solchen Fällen hilft Hypnose natürlich. Das entfernen von Schweißdrüsen ist natürlich die äußerste Maßnahme. Ich meine, wir schwitzen ja nicht nur, weil die Natur uns ärgern will, es dient ja letztendlich der Kühlung.
4. Nur Salbei ist zu wenig.
diskantus 26.06.2014
Autogenes Training hilft sehr wohl - wenn man täglich praktiziert. So wie andere progressive Entspannungsübungen auch. Noch besser aber ist Qi-Gong.
5. Aluminium-Spray und Tabletten gegen starke Schwitzen
Diskus 26.06.2014
Seit meiner Kindheit schwitze ich bereits stark. Im Teenager-Alter nahm es dann nochmals extrem zu und war eine große Belastung für mich. Mir lief das Wasser sprichwörtlich herunter. Ich hab alles Mögliche versucht, wie ich das starke Schwitzen an Kopf und Brust in den Griff bekomme. Das Spray OBADAN hat mir sehr geholfen und ich schwitzte nur noch wie „normale“ Leute. Den hohen Aluminiumgehalt habe ich hingenommen (ebenso, dass meine Haut an bestimmten Stellen nach dem auftragen brannte), da das starke Schwitzen an den betroffenen Stellen sich reduziert hatte. Als ich das Medikament VAGANTIN entdeckt hatte, habe ich ausprobiert. Wie im Artikel beschrieben, bekommt man z.T. einen trockenen Mund, was aber mit der Zeit nachlässt. Ich nehme die Tabletten nicht regelmäßig, sondern nur wenn notwendig (z.B. bei wichtigen Präsentationen oder wenn es sehr warm ist). Eine Tablette hält bei mir ca. 6-8 Stunden. Ich denke, dass sich das starke Schwitzen bei mir auch aus einem psychologischen Grund reduziert hat, da ich weiß, wenn ich stark schwitze, kann ich eine Tablette nehmen und nach 5 – 10 Minuten normalisiert sich das Schwitzen. Aktuell nehme ich ca. 5-10 Tabletten im Monat. Wenn ich bei hohen Temperaturen keine Tabletten nehme, schwitze ich wie früher. Das Spray OBADAN verwende ich nicht mehr. Ein Salbei-Deo verwende ich regelmäßig.
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